Dein Gesicht gehört Dir

Wenn das eigene Gesicht zum Schlüssel wird, kann man sich vor der Welt nicht verschließen

In den USA zum Beispiel geht gerade eine Ära zu Ende. Langsam, aber stetig sinkt der Anteil von PC-Besitzern. Während 2016 noch 78 Prozent der US Amerikaner einen PC besaßen, sind es zwei Jahre später gerade noch einmal 73 Prozent. In der Gruppe der 18-49-Jährigen haben inzwischen dagegen 99 Prozent ein Smartphone in der Tasche. Das eine Prozent lebt vermutlich als Einsiedler in den Wäldern oder fristet sein Dasein gerade in einem der angesagten Gefängnisse der Vereinigten Staaten.

Das bedeutet: Wir haben Vollversorgung im Land. Und bei der Dichte an iPhones auch in den USA gehen die meisten davon ziemlich bald mittels Face Recognition ans Eingemachte des Geräts. Ohne das eigene Antlitz in Richtung Kamera zu halten, gibt es keinen Einlass mehr. Weil man sich schnell an so etwas gewöhnt, fällt es einem nicht mehr weiter auf, vielleicht denkt man sich noch ab und an "Schon chic, dass so eine Software einen identifiziert. Ich erkenne mich ja an manchen Morgen selbst nicht im Spiegel."

Nicht immer freiwillig.

Was bisher nicht immer ging, weil Apple und Android hier einen garstigen Nummerncode davor geschaltet haben, ist jetzt allerdings auch denkbar. In Ohio wurde neulich einem Mann das eigene iPhone X vor sein Gesicht gehalten. Hört sich erst einmal merkwürdig und irgendwie nicht so schlimm an. Hat aber juristische Konsequenzen. Denn bei dem Mann handelte es sich um einen verdächtigten Kinderpornographen. Und was ihm vorher noch seine eigene Haut hätte retten können, liegt nun offen da. Gegen seinen Willen öffnete sich beim Anblick des Mannes das iPhone und gab die Beweise frei, die früher hinter einer PIN verborgen geblieben wären. Tja, so kann moderne Technik dem einen das Leben leichter, dem Angeklagten aber das Leben schwerer machen.

Gesichtserkennung bleibt aber nicht auf überteuerte Smartphones begrenzt, sie findet sich heute nicht nur an Flughäfen zum Beispiel bei der Einreise in die Schweiz wieder. Die private Elementary University Child Development School in Seattle hat zusammen mit RealNetworks diesen Sommer ein Gesichtserkennungsprogramm an der Schulpforte eingeführt. Aus Sicherheitsgründen. Jetzt kann man sich natürlich fragen, welcher irrwitzige Schüler sich denn ungerechtfertigten Eintritt in eine K-12 Schule verschaffen würde, eher das Gegenteil dürfte doch der Fall sein. Aber das System ist wohl eher auf unbekannte Erwachsene zugeschnitten. Übrigens haben sich bereits 300 Eltern von dortigen Schülern in die Datenbank aufnehmen lassen, um beim Eintritt ins Haus an Elternsprechtagen wohl nicht auf der Stelle verhaftet zu werden. Macht Sinn.

Keinen Sinn macht das System vermutlich dann, wenn einer der Schüler, wie in vergangenen Jahren mehrmals geschehen, zwar dazu gehört und vom System durchgewunken wird, er oder sie aber leider eine halbautomatische Waffe dabei hat und danach in der Schule ein Gemetzel anrichtet. Bei wirren Köpfen bringt eine Gesichtserkennung auch nicht viel.

Was allerdings zu sagen wäre, ist, dass das eigene Gesicht vermehrt zum Schlüssel für den Zugang in die Welt wird. Der Fingerabdruck hat ausgedient und man wird wohl mehr und mehr dazu genötigt werden, in Kameras zu schauen oder ihre stillschweigende Observation zu ertragen. Da wird es dann auch nicht mehr helfen, schnell den eigenen PC abzuschaffen und sich noch alte iPhones mit ID zuzulegen.

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