Den Hammer tiefer hängen

Irans nukleare Ambitionen und ein mögliches israelisches Zuvorkommen

Vor gut einem Jahr schreckte Benny Morris, israelischer Historiker an der Ben-Gurion-Universität in Beerscheba, die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, die israelischen Streitkräfte würden in vier bis sieben Monaten einen Präventivschlag gegen die iranischen Nuklearanlagen in Natanz führen. Dies sei sicher. Sogar das genaue Datum des Angriffs wusste er mitzuteilen. Aus einer Reihe von Gründen, die er aber nicht erwähnen wollte, sollte es in der Zeit zwischen dem 5. November 2008 und dem 19. Januar 2009 dazu kommen.

Amerikanisch-israelisches Wirrwarr

Dass dem nicht so war, wissen wir. Noch in den letzten Tagen seiner Amtszeit hatte George W. Bush Israels inständige Bitte um weitere hochentwickelte Bunkerbrecher, neue Tankflugzeuge und Überflugrechte für den Irak strikt abgewiesen. Trotzdem vergeht kaum eine Woche, in dem nicht irgendwo auf der Welt über einen kurz bevorstehenden Militärschlag spekuliert wird. Neue Nahrung bekamen jüngst die Spekulationen, als Obamas Stellvertreter in einem Fernsehinterview Israel das Recht zusprach, selbst zu entscheiden, „was im Interesse des Landes“ läge und „was es sich in Bezug auf Iran zu tun“ entschließe.

Was Joe Biden zu dieser Äußerung veranlasst haben mochte, ob er den Iran damit zurück an den Verhandlungstisch zwingen oder tatsächlich Israel auf diesem Weg „grünes Licht“ für eine Attacke auf den Iran geben wollte, blieb mehr oder weniger im Dunkeln. Der US-Präsident sah sich jedenfalls umgehend genötigt, seinen Vize eilends zurückzupfeifen, indem er erklärte, dass dessen Wortmeldung keinesfalls als Erlaubnis zu einem Angriff auf den Iran zu werten sei. Vielmehr würde ein israelischer Schlag gegen die iranischen Atomanlagen ein Zerwürfnis mit Amerika zur Folge haben.

Die Uneinigkeit in der amerikanischen Führungsriege sorgte für einige Verwirrung. Und das nicht nur in Israel, sondern auch und vor allem unter den westlichen Verbündeten. Sie dürfte sich nochmals gesteigert haben, als der US-Verteidigungsminister in einer Rede vor dem Economic Club of Chicago die „Unfähigkeit“ der internationalen Gemeinschaft anprangerte, auf die nukleare Entschlossenheit der Führung in Teheran kraftvoll einzuwirken. Sollte der Iran eines Tages, so Gates, eine Atombombe bauen, sei die Möglichkeit eines nuklearen Wettrüstens im Nahen Ostens „sehr real“.

Niedriger hängen

Ob die Lage wirklich so ernst und dramatisch ist, wie sie in Israel, aber auch von einigen Kreisen der US-Regierung gemalt wird, steht jedoch in Zweifel. Ihn nährte und befeuerte zuletzt ein Artikel, den Robert Farley, Lehrer an der Patterson School of Diplomacy and International Commerce der University of Kentucky, Anfang letzten Monats in Foreign Policy unter dem Titel: What If Iran Got The Bomb? publiziert hat.

Darin verglich Farley die nuklearen Ambitionen des Irans mit denen der Volksrepublik China von vor sechzig Jahren. Auch damals wurden die chinesischen Anstrengungen von ihren Nachbarn und Verbündeten kritisch beäugt. Auch damals galten sie (wie heute die Iraner unter Ahmadinedschad) als unberechenbar, rücksichtslos und gefährlich. Und auch damals folgten ihre Führer einer totalitären Ideologie mit utopistischem Inhalt und zeigten Bereitschaft, ihr zuliebe Millionen von Menschen auszulöschen.

Doch nichts davon trat ein. Kein chinesischer Führer drohte mit ihrem Einsatz oder drückte jemals auf den Auslöser. Weder wurde sie bei Grenzstreitigkeiten mit den Sowjets am Ussuri-Fluss eingesetzt, noch gab es jemals Pläne, sie gegen Vietnam als Druckmittel zu verwenden. Stattdessen erwies sich das Land diesbezüglich als rational handelnder und überaus umsichtiger Akteur. Sogar noch dann, als Taiwan in Gestalt Chiang Kai-sheks Amerika dazu aufgefordert hatte, die chinesischen Nuklearanlagen präventiv zu zerstören oder das Reich der Mitte Situationen existenzieller Bedrohungen ausgesetzt war. Stets gebrauchte das Land die Bombe defensiv, vor allem, um den sozialistischen Block gegen den „imperialistischen“ Westen zu schützen.

Rein defensiver Charakter

Mag es auch eine Reihe gravierender Unterschiede zwischen der Volksrepublik China und der Islamischen Republik geben, so sollten Amerikas Politiker doch, so Farley, aus dieser Historie ihre Lehren ziehen und den Hammer wieder etwas tiefer hängen. Statt den Iran militärisch am Überschreiten der nuklearen Hemmschwelle zu hindern, sollten sie sich lieber um eine wirksame Abschreckung kümmern, die auch Staaten, die verrückte Sachen machen oder sagen, überzeugen.

Diese Ansicht wird im Übrigen auch von Martin van Creveld gestützt. In seinem jüngst bei Siedler erschienenen Buch "Die Gesichter des Krieges" stuft der prominente israelische Militärhistoriker die Bombe als reines Abschreckungsmittel ein. Überall, wo die Bombe im Spiel war oder ist, habe sie Feindseligkeiten zwischen den Staaten verhindert und sich als Frieden erhaltende oder Frieden stiftende Waffe bewährt. Nur dort, wo ein Land einem anderen Land nicht mit dem Einsatz der Bombe drohen kann oder konnte, sei es zu Kriegshandlungen gekommen.

Schon aus diesem Grund könnte man hoffen und wünschen, dass Obamas Traum von einer „atomwaffenfreien Welt“, die er neulich in Prag formuliert hat, niemals Wirklichkeit werden wird.

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