Der Aufstieg der Streberstaaten stockt

Das Wirtschaftswachstum in den "Wachstumsmärkten" flacht sich ab. Möglicherweise wird sich die neue Weltordnung von der alten kaum unterscheiden

Obwohl man es vermeiden sollte, Daten, Zahlen oder gar Tendenzen der Vergangenheit zu extrapolieren, wollen weder Politik noch Medien, Wirtschaft noch Wissenschaft darauf verzichten. An den jüngsten Prognosen zum Klimawandel, zur Demografie oder zur Zukunft der Sozialsysteme lässt sich das ausgesprochen gut beobachten. Faktoren, die einen solchen geradlinigen Verlauf stören, behindern oder gar umkehren können, Erfindungen und Technologien etwa, Einstellungsänderungen oder neue Wettbewerber auf den Märkten, werden dabei häufig außer Acht gelassen - auch wider besseren Wissens.

Dies gilt insbesondere auch für Aussagen über die wirtschaftliche Entwicklung von Staaten und Regionen, von Staatenverbünden oder der Weltwirtschaft. Für weltweites Aufsehen und hitzige Debatten sorgte zuletzt die Behauptung vom künftigen "postamerikanischen Zeitalter", das durch einen "Aufstieg des Rests "Aufstieg des Rests" erzwungen und forciert würde.

Das Zentrum der Welt, das sich bislang in Washington befand und über den Atlantik bis nach Europa reichte, beginne sich allmählich nach Osten zu verschieben. Dadurch verliere der Westen nicht nur seine dominante Stellung in der Welt, einige Staaten, allen voran das "Reich der Mitte", würden alsbald die reichen Industriestaaten des Westens wirtschaftlich überflügeln und mit ihren neuen Werten, Einstellungen und Prinzipien die Welt anders prägen und neu gestalten.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die die Ökonomien des Westens seit nunmehr vier Jahren im Würgegriff hält, schien diese Tendenz noch zu beschleunigen. Während das Wirtschaftswachstum in den entwickelten Staaten lahmte, teilweise gar zurückging und die Löcher und Fehlbeträge in den Staaten des Westens aufgrund schludrigen Haushaltens und nötiger Bankenrettungsaktionen immer größer wurden, schossen außerhalb der westlichen Hemisphäre, in Südamerika und vor allem in Fernost, Produktion und Wachstum in die Höhe.

Eine ebenso interessante wie bemerkenswerte Studie, die Ruchir Sharma, verantwortlicher Leiter der Abteilung für Wachstumsmärkte bei "Morgan Stanley" und Autor des Buches "Breakout Nations" jüngst gemacht hat, scheint aber eher das Gegenteil nahe zu legen. Sie besagt, kurz gefasst, dass der "Aufstieg der anderen" nicht nur möglicherweise ein gewaltiger Trug- und Fehlschluss sein könnte, der sich dem Denken in kurzfristigen Zeitspannen verdankt, sondern auch, dass sich die neue ökonomische Weltordnung künftig von der alten und herkömmlichen gar nicht besonders groß unterscheiden werde.

Wie der Chefanalyst des US-amerikanischen Bankhauses in einem knappen Beitrag in der jüngsten Ausgabe der "Foreign Affairs" zu zeigen versucht, war die vorausgesagte Aufholjagd der anderen sowie die "Konvergenz" des Westens mit dem Rest der Welt immer schon "ein Mythos". Nur für eine Handvoll von Staaten träfe dieses Urteil zu, auf ein paar Golfstaaten und einige Tigerstaaten in Fernost. Aber auch da zeigten sich große Unterschiede.

Nicht alle hätten das wirtschaftliche Tempo, das sie vorgelegt haben, dauerhaft durchhalten können. Krisen, wie die Ende der 1990er, hätten sie immer wieder zurückgeworfen. Man denke nur an Japan, von dem noch in den 1980ern behauptet worden war, es werde aufgrund seiner rasanten Technologienentwicklung die USA alsbald als führende Wirtschaftsnation ablösen und überrunden. Im Prinzip beschränke sich "das Gerede" von "emporschießenden Märkten" oder "Wachstumsmärkten der Zukunft" auf ein einziges Land, nämlich auf China.

Auch neige sich die Zeit des lockeren Geldes und des leichten Wachstums allmählich dem Ende zu. Noch bis weit in die Mitte der Nullerjahre hätten Wachstumsstaaten vom vagabundierenden Geld ausländischer Investoren, vor allem aus dem Westen, profitiert. Nach 2003 sei ein regelrechter Boom entstanden, der rund vier Jahre währte. Jetzt, wo es besonders in den reichen Staaten krisle und der Export in diese Länder nicht mehr so reibungslos passiere wie noch zuvor, litten auch die ärmeren darunter. Zumal die Investoren dank der Krise von 2008 mit strengeren Auflagen und strikter kontrollierten Börsen rechnen müssten, wodurch der freie Handel stärker eingeschränkt und reglementiert werde.

Deshalb hätte ein "Gesundschrumpfungsprozess" auch auf diesen aufstrebenden Märkten eingesetzt. In den sogenannten BRIC-Staaten, den einstigen Hoffnungsträgern der Weltwirtschaft, habe sich das Wirtschaftswachstum zuletzt entweder gedrittelt oder nahezu halbiert. In Brasilien von 4,5 auf nur noch 2 Prozent; in Russland von 7 auf knappe 3,5 Prozent; und in Indien von 9 auf gut 6 Prozent. Und auch in China scheinen die Zeiten des zweistelligen Wachsens endgültig vorbei zu sein. Zuletzt war nur noch von rund 7 Prozent oder weniger die Rede.

Überraschend käme das allerdings nicht. Dauerhaftes Wachstum halte sich nur in den allerseltensten Fällen über ein Jahrzehnt lang. Chinas mehrere Dekaden langes und anhaltend exorbitant hohes Wachstum seien schlichtweg außergewöhnlich gewesen. In aller Regel fallen wirtschaftliche Zyklen zeitlich viel geringer aus. Darum würden kluge Investoren ihre strategischen Entscheidungen auf fünf oder höchstens sieben bis acht Jahre beschränken.

Bei der Behauptung, die Märkte der Zukunft hätten sich in den Osten verlagert und der Osten werde folglich den Westen alsbald wirtschaftlich überflügeln, sei die Unterschiedlichkeit dieser Ökonomien übersehen und schlichtweg vernachlässigt worden. So habe man Brasilien und Russland, Indien und China, die Mitte der Nullerjahre im Focus von Investoren, Analysten und CEOs standen, in einen wirtschafts- und geopolitischen Topf geworfen. Und das gelte auch aktuell noch für die derzeitigen "Favoriten", etwa für die Türkei, Südafrika und Indonesien

Bei genauerer Betrachtungsweise hätten sie aber oft nur wenig miteinander gemein. Nicht nur, was die Pro-Kopf-Einkommen angehe, die gewaltig differierten. Belaufe es sich in Russland und Brasilien im Schnitt auf rund 12.000 Dollar, verdiene eine Chinese nur rund die Hälfte, während ein Inder gerade mal knappe 1.400 Dollar auf seiner Habenseite verbuchen könne.

Hinzu käme, dass sie untereinander kaum Handel trieben und sich als ungemein nachfrage- und konjunkturabhängig zeigten. Während Brasilien und Russland Energie und Rohstoffe zuhauf produzierten und ihre Wirtschaft von Preisanstiegen auf diesen Märkten profitierten, sei Indien ein Land, das beides für seine Wirtschaft dringend benötige und erst einführen müsse. Ihm gehe es mithin nur dann wirtschaftlich gut, wenn die Preise dafür möglichst niedrig seien, oder noch besser: sich gerade im Sinkflug befänden. Allein dieser Vergleich mache es unwahrscheinlich, dass diese Staaten gleichzeitig und im gleichen Ausmaß wachsen könnten.

Als vor Jahren etwa der Preis für Gas und Öl in den Keller ging, gehörte Russland zwischenzeitlich zu den schwächsten dieser vier Staaten. Seine Zugehörigkeit verdankte es laut Sharma allein diesem Akronym, das die Finanzmärkte einst erfunden haben. BRIC hatte sich in den Köpfen der Investoren festgesetzt, die Streichung des R hätte womöglich für unnötigen Wirbel gesorgt, auch, weil inzwischen die Energiepreise wieder auf einem preislichen Niveau sind, dass es sich für Russland rechnet. Es kann mittlerweile seine sozialen Kosten bedienen und wird wieder mit Recht im Verbund der aufstrebenden Staaten genannt.

China wiederum, das den größten Sprung nach vorne gemacht hat, ist dabei, den so genannten "Lewis turning point" zu erreichen. Diese Bezeichnung geht auf den Nobelpreisträger Arthur Lewis zurück, der Mitte der 1970er zwei Aspekte der Wirtschaft in "Schwellenländern" genauer unterschieden und deren Folgen analysiert hat, den ersten und unterentwickelten Agrarsektor einerseits, sowie den zweiten, eher modernen und marktorientierten Bereich, der vorwiegend in den Städten zu finden ist, andererseits.

Nach Lewis wird die Wirtschaft dieser Länder vom marktorientierten Sektor bestimmt. Dieser lebt vom ungebremsten Zuzug von Arbeitskräften, die vom Land in die Stadt streben und bereit sind, geringe Löhne zu akzeptieren. Auf diese Weise kann der moderne Bereich gewaltige Profite erzielen und ansonsten hohe Kosten sparen. Der "Wendepunkt" ist Lewis zufolge erreicht, wenn die Versorgung mit billigen Arbeitskräfte versiegt, die Löhne dieser Arbeiter steigen und der Staat in soziale Sicherheit investieren muss, um soziale Spannungen zu vermeiden.

Mehr als drei Jahrzehnte hat das "Reich der Mitte" von diesem Phänomen gezehrt und lange Jahre ein kolossales Wirtschaftswachstum im zweistelligen Bereich dadurch erzielen können. Mit der Einführung der Ein-Kind-Politik und der Verstädterung des Landes, bereits die Hälfte der chinesischen Bevölkerung lebt in Städten oder so genannten Megacities, ist diese Zufuhr nicht mehr möglich. Der Zuzug weiterer, immer neuer Arbeitskräfte, die für wenig Geld in den Manufakturen schuften, nimmt ab, während der Ruf nach mehr Lohn und besserer Bezahlung, aber auch nach einem menschenwürdigen Arbeitsumfeld immer lauter wird. Ist das der Fall, sinkt das Wirtschaftswachstum wieder auf ein Normalmaß.

Sharma schließt aus all dem, dass man die Ökonomien von Staaten und Nationen immer individuell betrachten und untersuchen sollte, man sollte sie entsprechend ihrer Stärken und Schwächen genau unter die Lupe nehmen, um Flops und Tops bei Investitionen ausschließen oder zumindest genauer unterscheiden zu können. Die Krise und der ungleiche Aufstieg der Wachstums- und Tigerstaaten legten nahe, dass kein wirtschaftliches Modell Vorbild für andere oder das allein seligmachende sein kann. Nicht nur habe sie die Glaubwürdigkeit aller Modelle, die in Umlauf sind, in Zweifel gezogen. Auch das chinesische, das den Vorzug eines "autokratischen", staatlich gemanagten Kapitalismus beweisen wollte, habe seine Zukunftstauglichkeit nicht wirklich belegen können.

Entscheidend für wachsenden Wohlstand und wirtschaftliche Prosperität sei weniger das politische System, als vielmehr die Existenz politische Führer, die sich reformfreudig zeigten und sich auf diese Weise als fähig erwiesen, wirtschaftliches Wachstum zu generieren.

Recht zuversichtlich zeigt sich Ruchir Sharma in einem weiteren Beitrag bezüglich Amerikas Rückkehr in den erlauchten Klub jener Staaten und Nationen, die den Status, nächster oder neuerlicher "Breakout"-State" zu sein, für sich in Anspruch nehmen können. Allerdings müsste die Regierung, um wieder zurück in die Erfolgsspur zu finden, zunächst und vor allem das gigantische Haushaltsloch und riesige Schuldenproblem in den Griff bekommen, welches das Land politisch wie wirtschaftlich lähmt.

Prinzipiell sind die USA nämlich das Land, das sehr innovationsfreudig ist, das relativ kurzfristig auf neue Lagen reagieren und sich überaus rasch anpassen kann. Beispielsweise ist das Land nach Meinung von Sharma in der Lage, die Re-Industrialisierung, die in den letzten Jahrzehnten vor allem nach Fernost ausgelagert wurde und die allerorten für die reichen westlichen Staaten beschworen wird, um wieder auf Wachstumskurs zu kommen, schnellstmöglich in die Tat umzusetzen.

Zudem sind die USA aufgrund ihres großen Öl- und Gasreichtums in der Lage, sich nicht nur von derlei Importen unabhängig zu machen, sondern sich auch auf lange Zeit hin mit billiger Energie zu versorgen - ein Standortvorteil, den andere, wie zum Beispiel die Euroländer und vor allem Deutschland nicht haben.

Anders als etwa Washington setzt Berlin auf eine radikale "Energiewende", die für Unternehmen und Bürger überaus teuer ist und dem Land in den nächsten Jahren noch etliche Prozentpunkte an Wirtschaftswachstum kosten wird. Nicht nur, aber auch deswegen wird man sich in Amerika insgeheim über die sakrosankten Deutschen ins Fäustchen lachen. Wie überhaupt sich die Weltmacht von Europa und deren Euromisere abgewandt und sich nach Fernost und in den pazifischen Raum verabschiedet hat.

Dass Obama nach seiner Wiederwahl lieber Myanmar aufsucht und sich dort feiern lässt, er den ASEAN-Gipfel besucht und sich mit Putin sowie der neuen chinesischen Führung austauscht als sich mit Merkel, Juncker und anderen, dilettierenden Euro-Rettern herumzuschlagen, spricht Bände. Noch vor Jahrzehnten wäre das von einem US-Präsidenten undenkbar gewesen. So ändern sich die Zeiten, tempi passati.

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