Der Geheimdienst informiert

Von gefährlichen Iranern, trickreichen Russen und schrecklichen Kindern

Aktuell scheinen Qualitätsjournalisten im wesentlichen über zwei Primärquellen zu verfügen: Twitter und "sichere Geheimdienstinformationen". Da Twitter inzwischen politisch zensiert, hält man sich anscheinend gerade eher an die Geschichtenerzähler mit dem Schlapphut, um das geneigte Publikum politisch zu bilden.

Aktuell wird wieder der Evergreen "In sechs Monaten hat der Iran die Bombe!" gegeben, der sich seit einem Jahrzehnt großer Beliebtheit erfreut. Wobei man 2006 eigentlich ja schon weiter war, damals brauchten die Iraner nur noch vier Monate, wie Journalisten vom Geheimdienst zuverlässig erfahren konnten. Die Originalversion ging vor 40 Jahren an den Start (Iran könnte "in wenigen Monaten" die Atombombe haben – seit 1979).

Das Narrativ mit den inszenierten Massenvernichtungswaffen hatte schon beim Irakkrieg die Medien überzeugt, für unkritisches Durchreichen von Geheimdienstpropaganda hat man offenbar noch keinem Redakteur gekündigt.

Ebenfalls auf den Geheimdienst stützen sich BILD-Meldungen, denen zufolge "iranische Killer Speedbote" vier Tanker im Golf von Oman verbeult hätten. Doch auf dem Meer gedeiht bekanntlich Seemansgarn. So etwa 1964 im Golf von Tonkin, als "Vietnam" nach offizieller Darstellung zwei friedliche US-Kriegsschiffe beschossen haben soll, um den USA einen Kriegsgrund zu liefern. Peinlich ist allerdings, dass diese Geschichte nicht stimmte. Und auch beim Angriff auf die USS Liberty von 1967, den man zunächst Ägypten anlastete, trog der Schein.

Mal wieder Fake News aus Russland

Bei der anstehenden Europawahl dürfen die Schlapphüte ebenfalls mitreden. Aktueller Schocker ist das Narrativ, der teuflische Putin werde die Wahl mit Desinformation manipulieren. So etwa raunte es ein Spion der deutschen Presseagentur zu, und alle plapperten eifrig nach. Der russische Feindsender konnte sich den Spott auf solche Hexenjagd nicht verkneifen.

Aktuell orakelt die New York Times, die offenbar auf Zersetzung bedachten Russen fütterten nicht nur die Rechtspopulisten mit Fake News, sondern leisteten auch deren inländischen Gegnern Schützenhilfe. So gäbe es bei den im Ausland gehosteten anonymen Servern zweier deutscher Antifa-Gruppen Spuren, die mit solchen von russischen Trolloperationen übereinstimmten. Vielleicht bedeutet das was, vielleicht aber auch nur, dass man im gleichen Dark Net unterwegs war. Beim Produzieren von Extremismus und Einfalt ist man im Land der Globuli nicht auf Globalismus angewiesen.

Wobei Einflussnahme auf Wahlen fremder Länder ja nichts Ehrenrühriges ist - wenn es die US-Amerikaner tun. (Wir erinnern uns: das Land, in dem die Mehrheit die Demokratin wählte und den Republikaner bekam.) In Venezuela etwa will Washington derzeit über die rechtmäßige Regierung bestimmen, nicht einmal die vom Wiener Vertrag geschützte Botschaft ist ihnen noch heilig (US-Polizei dringt in venezolanische Botschaft in Washington vor). Das sind keine Geheimdienstinformationen, sondern ist die Realität, doch die will es nicht so recht in die Medien schaffen. Aber Vorsicht, liebe Demokratiefreunde: Vergleiche mit der Situation in Venezuela sind "irre" und "absurd", warnt die stets überparteiliche BILD-Zeitung.

Wie lange das geneigte Publikum seine Fake News noch bei den traditionellen Medienhäusern beziehen will, ist ungewiss. Das Faktenmagazin "stern" etwa hatte 2016 einen Blogger verklagt, der das offensichtlich lancierte Rührstück vom Twittermädchen im Syrienkrieg als Lüge bezeichnete. Der stern verlor zwar (bislang) seine Klage nicht, dafür aber seither ca. 20% seiner Leser.

Während siebenjährige Mädchen wie Bana, die das erwünschte Narrativ bediente, vom deutschen Geheimdienst bislang nicht behelligt werden, wird es für deutsche Kids hierzulande bald spannend. Legitime Spähziele des Verfassungsschutzes sollen nach einem Entwurf des Bundesinnenministeriums nämlich auch Kinder unter 14 Jahren sein. Auf die so gewonnenen sicheren Geheimdienstinformationen, die dann wohl ebenfalls ihren Weg in die Medien finden werden, darf man gespannt sein.

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