Der Horror zu überleben

Fantasy-Filmfest-Nights: "Frauen sind die einzigen, die lebendig aus ihnen hervorgehen"

Um so viel vorweg zu verraten: Eines haben alle fünf Filme der ersten Fantasy-Filmfest-Nights 2010 gemeinsam: Frauen sind die einzigen, die lebendig aus ihnen hervorgehen - der Preis dafür ist selbstverständlich nie derselbe und der Einsatz ist jedes Mal hoch.

»Everything is linked«

In Julian Jarrolds "Red Riding: 1974" treffen gleich mehrere Genres aufeinander: der Serienmörderfilm, der Polit-Thriller und das Melodram. Der junge Journalist Eddie tritt in die Fußstapfen seines Kollegen Barry, der wohl aufgrund zu intensiver Recherchen in einem weitreichenden Korruptionsskandal ermordet wurde. Eigentlich wollte Eddie drei Morde an Schulmädchen aufklären, die zwar Jahre auseinander liegen, aber dennoch verblüffende Gemeinsamkeiten aufweisen. Als er jedoch von Barrys Tod erfährt und Kontakt zu Paula, der Mutter eines der ermordeten Mädchen, bekommt, stellt er fest, dass beide Ereignisse etwas miteinander zu tun haben und er eigentlich keine Verbündeten hat.

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"Red Riding: 1974" ist der erste Teil einer Trilogie, die fürs Fernsehen produziert wurde (und hier in Kürze auf DVD erscheint). Das merkt man dem Film insofern an, als er eine für das Fantasy-Filmfest erstaunlich zurückhaltende Inszenierung von Sex und Gewalt praktiziert. Mehr Augenmerk wird auf die exzellente Figurenentwicklung und vor allem die Kameraarbeit gelegt: Kameramann Rob Hardy bebildert die Geschichte des Films zu einem beträchtlichen Teil mit Hilfe des Kamera-Fokus' sowie Groß- und Detailaufnahmen. Ästhetisch ist "Red Riding: 1974" damit ein echtes Schwergewicht.

Das Haus als Horror

In "The Collector" von Marcus Dunston geht es dann schon wesentlich derber zur Sache: Ein Installateur für Einbruchsicherungen, dessen Freundin bei der ortsansässigen Mafia tief verschuldet ist, steigt in die Villa eines seiner Kunden ein, um einen wertvollen Edelstein zu stehlen. Er wähnt die Bewohner im Kurzurlaub - allerdings sind sie allesamt zu Hause, denn ein Serienmörder hat sich ihrer bemächtigt, sie gefoltert und das ganze Haus mit Trickfallen ausgestattet. Nur die beiden Kinder der Familie, zwei Mädchen, sind ihm noch nicht in die Fänge gegangen. Der Dieb, der lange Zeit vom Killer unerkannt bleibt, muss sich nun entscheiden, ob er nur sich selbst und den Diamanten aus dem Haus bringt.

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"The Collector" ist eine grandiose Hommage an das junge französische Horrorkino a la Alexandre Aja und Alexandre Bustillo: Angefangen beim Elektro- und Industrial-Soundtrack bis hin zu den mit markanter Optik inszenierten Gewaltdarstellungen. Gerade Letztere zelebriert der Film mit unglaublicher Brachialität. "The Collector" schreibt überdies die Tradition von "Home Invasion"-Beiträgen weiter, die mit Filmen wie Charles Laughtons "Night of the Hunter" (1955) eingesetzt hat und gerade in den 1980ern (Gerald Kargls "Angst", John McNaughtons "Henry - Portrait of a Serial Killer") und 1990ern (Hanekes "Funny Games") zur Blühte gelangte. Zuletzt hatten die französisch-rumänische Ko-Produktion "Ils" (2006) und der US-Horrorfilm "The Strangers" das Motiv kolportiert - immer noch eines der effektivsten des Horrorfilms überhaupt. In "The Collector" radikalisiert es sich und reicht bis an die Grenzen der Erträglichkeit.

Priester sucht Mädchen

Mit "[Rec 2"] versuchen Jaume Balagueró und Paco Plaza die offene Geschichte des ersten Teils weiter und zu Ende zu erzählen: Nun ist es eine Militär-Einheit rund um einen Priester, die in das Haus einrückt, um die Erstinfizierte zu finden; außerdem schleicht sich eine Teenager-Gruppe ebenfalls dort ein. Dass die tollwütigen Infizierten einen nach dem anderen ermorden, hindert den Priester nicht daran, seine Agenda kompromisslos zu verfolgen, denn er will das Böse, das sich hinter der Seuche verbirgt, exorzieren und geht dabei auch über Kinderleichen. Als dann schließlich und für alle überraschend auch Ángela Vidal, die Reporterin aus dem ersten Teil, wieder auftaucht, ergeben sich - auch durch den von ihr angeregten Einsatz eines Nachtsichtgerätes - gänzlich neue Perspektiven.

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Man sollte eigentlich nicht allzu viel von "[Rec] 2" verraten, denn es handelt sich um einen der eher seltenen Fälle, in denen ein Sequel wirklich negativen Einfluss auf seinen Vorgänger hat. Die positivste Annahme wäre noch, dass Balagueró und Plaza unter Zeitdruck gestanden haben müssen, als sie das Drehbuch zusammengeschustert haben; anders lässt sich diese filmische Hinrichtung der ursprünglich guten Idee kaum erklären. Nicht nur, dass "[Rec] 2" die Story seines Vorgängers auf ärgerlichste und konservativste Weise in Richtung "Der Exorzist" profaniert - er verfügt auch nicht mehr über die kleinste Vorstellung, was sich aus der "Kamera im Film"-Idee, die im ersten Teil so erstaunlich tiefgründig als Dispositiv-Reflexion zur Geltung kam, machen lässt.

Familien-Monster

"Splice" von Vincenco Natali galt im Vorfeld als der geheime Höhepunkt der Fantasy-Filmfest-Nights. Darin konstruiert das Biologen-Pärchen Elsa und Clive (gespielt von Adrien Brody, der sich nach Argentos "Giallo" wohl langsam dem Genre entwöhnen wollte) genetische Monster in Form zuckender Fleischklumpen, die Eiweiße für die Medizin synthetisieren sollen. Als die Finanzmittel gekürzt werden, entschließen sich die beiden noch schnell den Höhepunkt ihrer Forschungen in die Wege zu leiten: die Kombination des Mutanten-Genoms mit dem menschlichen. Heraus kommt ein schnell wachsendes, etwas seltsam aussehendes Mädchen, das beide jedoch schnell in ihr Herz schließen, obwohl es über einen unangenehmen Giftstachel-Schwanz und zeitweise gewalttätige Unbeherrschtheit verfügt. Als sich die Beziehung zwischen Elsa und dem auf den Namen Dren getauften Wesen abkühlt, während sich die zwischen Dren und Clive "erwärmt", kommt es, wie es im Monsterfilm kommen muss ...

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Natali hatte mit Filmen wie "Cube" und "Nothing" einen furiosen Start in das Genre des fantastischen Films hingelegt, dem auch der zwischenzeitliche Rückschritt mit "Cypher" nur wenig schaden konnte. Dass "Splice" aus derselben Feder wie diese drei stammt, sieht man eigentlich nur an dem sonderbaren Humor, der sich in Nebensächlichkeiten zeigt (etwa, dass das Forschungslabor, in dem Clive und Elsa arbeiten "N.E.R.D." heißt). Insgesamt wirkt der Film wie in einer Cronenberg-Retorte gezüchtet, zumal die Themenkomplexe Familie, Medizin und Monstrosität ja zu den Leitmotiven des Kanadiers gehören. Da "Splice" aber ebenfalls unter anderem dort produziert wurde, scheint dies wieder nur konsequent.

Die Horden vorm Turm

Im französischen Horror-Action-Film "La Horde" von Yannick Dahan und Benjamin Rocher bricht ganz unerwartet die Zombie-Katastrophe über Paris und wohl auch den Rest der Welt herein, während eine Polizei-Einheit auf dem Rachefeldzug für einen getöteten Kollegen ein Blutbad unter dessen Mördern, einer von zwei nigerianischen Brüdern angeführten Bande, anzurichten plant. Der Plan geht nicht nur wegen der Zombies nicht auf und man ist gezwungen, zusammen mit den jeweiligen Gegnern gemeinsam gegen die Zombies vorzugehen. Dass die Konflikte innerhalb der Gruppe(n) die Sache nicht gerade erleichtern, soll den dramatischen Kern der Filmerzählung bilden.

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"La Horde" scheitert bei seinem Versuch, den zuletzt hoch gelobten französischen Actionfilm mit seiner ganz eigenen Bildsprache mit dem - außer von ein paar wenigen Ausnahmen (von Jean Rollin bis "They came back") unbekannt gebliebenen - französischen Zombiefilm zu kreuzen. So wenig wie die Charakterisierungen und Konflikte der Figuren plausibel werden (bzw. gar nicht interessieren, weil man auf die "Horde" wartet), so wenig liefert der Zombiefilm-Anteil der Beziehungsgeschichte Brisanz. Im Prinzip stellt "La Horde" denselben Versuch wie Uwe Bolls "House of the Dead" dar: Lässt sich aus einem Videospiel, in dem man nichts anderes zu tun hat, als Zombies abzuschießen, ein Filmplot konstruieren? Nach "La Horde" könnte Antwort abermals lauten: Nein.

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