Der Krieg war noch nicht vorbei

Atombombenabwurf auf Hiroshima (linkes Foto: George R. Caron/gemeinfrei) und Nagasaki (rechtes Foto: Charles Levy/gemeinfrei)

Die etwas andere Sicht auf die Befreiung Europas vom Faschismus

In Europa wurde gerade der 75. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus gefeiert. Der 8. Mai beendete auf dem Kontinent ein beispielloses Terrorregime, einen überaus grausamen Krieg, in dem die deutschen Truppen Dutzende von brutalen Massakern an Kindern, Frauen und Männern in Dörfern und Städten wie – neben vielen anderen – Oradour in Frankreich, Marzabato in Italien, Distomo in Griechenland, Lidice in der Tschechoslowakei oder Mykolaiv (Nikolaev), Berdyciyv (Berdichev) und Koriukivka in der Ukraine, anrichteten.

Ein Krieg, in dem deutsche Truppen Zivilisten als Geiseln nahmen und erschossen, in denen in Auschwitz und anderen Lagern millionenfach gemordet und Menschen durch die Arbeit für deutsche Konzerne wie IG Farben (heute u.a. BASF) umgebracht wurden. Ein Krieg, in dem Millionen zivile Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern in deutschen Betrieben und auf deutschen Bauernhöfen unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten und in dem rund zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene in deutschen Lagern durch mangelhafte Ernährung und andere Maßnahmen ermordet wurden.

Doch während überall in Europa die Menschen erleichtert feierten, war der Krieg anderswo noch lange nicht zu Ende. In Fernost sollte es noch bis in den September hinein dauern, bis auch Japan endlich die bedingungslose Kapitulation unterschrieb. Der Kaiser hatte zwar unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki schon am 15. August die Kapitulation angekündigt, doch insbesondere in China kämpften seine Truppen noch bis in den September hinein weiter.

China hatte in diesem Krieg rund 14 Millionen Menschen verloren - einige Quellen sprechen sogar von bis zu 20 Millionen Toten - und die japanischen Angreifer standen in ihrer Grausamkeit kaum den deutschen Verbündeten nach.

Hierzulande, wie auch in den meisten europäischen Ländern, herrscht derweil noch immer eine sehr eurozentrische Sicht auf den zweiten Weltkrieg vor. Das ist verständlich - angesichts des selbst erlittenen Leids einerseits und andererseits angesichts der Verantwortung der hiesigen Gesellschaft für die Taten eines Teils ihrer Vorfahren, auf denen nicht zuletzt so manches Firmenvermögen gründet. Aus dem Blick gerät dabei allerdings auch, welchen erheblichen Beitrag andere, Afrikaner und Asiaten, für die Befreiung Europas leisteten.

Muslimische Soldaten und Truppenteile in den Armeen der Alliierten

Yossi Bartal hat zum Beispiel kürzlich in der Wochenzeitung Freitag den kaum beachteten, aber nicht unerheblichen Anteil muslimischer Soldaten und Truppenteile in den Armeen der Alliierten beschrieben. Schon bei der glücklosen (und halbherzigen) Verteidigung Frankreichs hätten Hunderttausende Kolonialtruppen gekämpft. Mehrere Tausend von ihnen seien in der Gefangenschaft von Nazitruppen erschossen worden, andere wurden gefoltert oder Opfer medizinischer Experimente. In de Gaules Freier Französischer Armee haben später über eine Viertelmillion Marokkaner, Algerier und Tunesier gekämpft.

In der Roten Armee sollen zwischen zwei und fünf Millionen Soldaten aus den mehrheitlich muslimischen Sowjetrepubliken gekämpft haben. Der Soldat auf dem weltbekannten Foto der Sowjetfahne auf dem Berliner Reichstagsgebäude sei, so Bartal, der Muslim Abdulkhakim Ismailov aus Dagestan gewesen. Als erster habe die Fahne dort – das ikonische Foto bildet tatsächlich eine nachgestellte Szene ab – der Kasache Rakhimzhan Qoshqarbaev geschwenkt.

Auch für die USA sollen Tausende Araber und Muslime gekämpft haben und zu Titos Partisanen in Jugoslawien haben auch 30.000 Bosnier und Albaner gehört, so der Autor. Ihm war es in seinem Beitrag vor allem darum gegangen, dass in den letzten Jahren von interessierter Seite immer stärker gepflegte Vorurteil zu entkräften, es habe im Krieg eine Allianz der muslimischen Welt mit Nazi-Deutschland gegeben.

Aber natürlich haben sich sowohl die deutsche als auch die japanische Führung die Widersprüche im Lager ihrer Gegner zunutze gemacht. So wie es in allen Ländern aus unterschiedlichen Gründen und im unterschiedlichen Ausmaß Kollaboration und Sympathien für die Achsenmächte (Italien, Deutschland und Japan) gab, so versuchten Deutsche wie Japaner auch die antikolonialen Organisationen und Stimmungen für sich einzuspannen.

Indien: Größte Freiwilligenarmee der Welt gegen faschistische Staaten

Meist mit wenig Erfolg, aber in Indien fanden die Nazis beim sogenannten Hindu-Freiwilligen-Korps RSS, dem die aktuelle Regierung in Neu-Delhi nahesteht, fanatische Anhänger. Mit japanischer Hilfe hat der RSS in von der kaiserlichen Armee besetzten Burma einige Verbände aufgestellt und von dort ein paar Vorstöße nach Nordostindien unternommen.

Doch gleichzeitig wurde auf dem Subkontinent unter britischen Herrschaft die mit 2,5 Millionen Mann größte Freiwilligenarmee der Welt aufgestellt, die an diversen Fronten vor allem in Asien und Afrika, gegen die faschistischen Staaten kämpften.

Doch die indischen Truppen sind nur ein Beispiel von vielen, wenn auch das größte, für den Beitrag der sogenannten dritten Welt an der Befreiung Europas und Asiens. Schon vor 15 Jahren hatte das Rheinische Journalistenbüro ein immer noch lesenswertes Buch über die in Europa so wenig beachtete Seite des Krieges geschrieben.

Über die vielen Millionen, die auf Seiten der Alliierten, aber auch der faschistischen Staaten kämpften, über die mehrere Zehntausende an indischen Freiwilligen, die an der Befreiung Frankreichs beteiligt waren, aber auch die 3.000 Angehörigen der indischen SS-Legion, die in Frankreich Massaker an der Zivilbevölkerung begangen, über die vielen Tausend Afrikaner, die die japanischen Truppen aus Burma vertrieben und über Italiens brutalen Krieg gegen Abessinien (Äthiopien).

Aber auch über die Revolten und brutal niedergeschlagenen Meutereien angesichts der Diskriminierungen und der im Verhältnis zu den europäischen Truppen schlechteren Versorgung, unter der die Kolonialtruppen auf Seiten der westlichen Alliierten zu leiden hatten. Manche kehrten nach dem Krieg in eine Heimat zurück, in der ihre europäischen Kameraden gerade Massaker an der Gleichberechtigung fordernden Zivilbevölkerung begangen hatten.