Der amerikanische Ödipus

Blog aus Cannes: Francis Ford Coppolas neuer Film "Tetro"

"Kill me, kill me, you are my son" - Ödipus läßt grüßen in Francis Ford Coppolas neuem Film, in dem ein US-Amerikaner von zwei leichtlebigen Argentinierinnen mit dem Spruch "Come with us, Bambi" ins Schaumbad gelockt wird, um entjungfert zu werden, und dann am Tag nach dem ersten Sex, also wie man so sagt, "zum Mann geworden", erfährt, wer sein Vater ist.

"Nichts stimmt, aber alles ist wahr" - direkt nach seinem mit autobiographischen Anspielungen prall gefüllten neuen Film kam Francis Ford Coppola auf die Bühne und stellte sich dem Publikum. Und man freute sich immerhin, dass Coppola dort zurück ist, wo er hingehört: Im Kino. "Tetro", der soeben Premiere hatte, eröffnete die renommierte Quinzaine, die anspruchsvollste Sektion neben dem Wettbewerb - ausgerechnet in dem gleichen altmodisch holzgetäfelten Kino, in dem seinerzeit "Apocalypse Now" 1980 seine Uraufführung erlebte und das Festival spaltete, bevor der Film dann am Ende die Goldene Palme gewann.

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Motten fliegen in Scheinwerfer, es flackert, dann geht ein Matrose in weißer Uniform durch die eine schwarze, nur laternenerhellte Nacht: "Tetro" beginnt gleich mit einer Fingerübung in der Poesie des Lichts - der Film ist bis auf wenige Stellen (Erinnerungsmaterialien der Figuren) in Schwarzweiß gedreht, allerdings nicht in den gleißenden Kontrasten des alten Film-Materials, sondern digital und daher immer etwas matt und stumpf wirkend. Mehr als an einen kühl-existentialistischen Film-Noir erinnerten die Bilder an Edgar Reitz' Fernsehproduktion "Heimat".

Auch sonst ist dies tatsächlich ein in vieler Hinsicht altmodisches Werk: Eine Geschichte, die zwar in Buenos Aires spielt, aber von der Stadt nur folkloristisches Klischees zeigt. Die Story benutzt entsprechend Argentinien nur als Kulisse - natürlich wird irgendwann auch noch nach Patagonien gefahren - und dreht sich um zwei amerikanische Brüder, die vor ihrem allzu starken Papa an den Rio de la Plata geflohen sind. Mehr und mehr entwickelt sich die Ausgangssituation dann zu einer archaischen Tragödie, gepflastert mit Zitaten aus der Kulturgeschichte der Romantik (neben Wagners "Rheingold" und diversen "Faust"-Varianten vor allem auf Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" und E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"): Puppen, ein doppelter Bruderzwist und zwei Mütter kommen ins Spiel - im Zentrum steht ein psychologisches Portrait des "american male" an sich, gezeichnet in groben, aber bekannten Strichen als getrieben von Vatermordphantasien und Anerkennungssehnsucht, vom dauernden Ringen und der Konkurrenz um die gleiche Frau mit einem übermächtigen, bewundert-gehassten Vater, zudem gequält von Schuldgefühlen und der Abwesenheit der Mutter. Klaus Maria Brandauer spielt den Dirigenten-Übervater, mehr mit Wiener-Grinse-Schmäh als mephistophelisch...

Von Brando zu Brandauer - das ist auch künstlerisch ein weiter Weg. Wäre dies der Film eines x-beliebigen Unbekannten, würde man ihn wohl achselzuckend übergehen. Weil er von Coppola ist, schaut man gebannt hin, ist geneigt viel zu verzeihen - und am Ende doch enttäuscht. Coppolas Filme waren schon immer tiefstes 19. Jahrhundert. Aber dies ist eigentlich ein schlechter Film, der zwar immerhin persönlich ist - erst seine dritte Drehbucharbeit -, und Coppolas Lieblingsthemen, die Reise ins heart of darkness, die Familie und den amerikanischen Mann ein weiteres Mal bearbeitet. Vom Filmemacher, der Coppola einst und noch in "Bram Stokers Dracula" unbedingt war, ist hier aber nichts mehr zu sehen.

Buenos Aires ohne Buenos Aires, Coppola ohne Coppola - überzeugt von diesem überladenen, schwerblütigen Drama waren am Ende zwar nur eingefleischte Coppola-Fans. Zu den Paukenschlägen von Verdis Requiem wird dann der tote Vater beerdigt, ein anderer wurde dafür geboren. Letzter Satz: "It's gotta be ok, we are a family." Na dann.

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