Der dritte nach Lemmy und Bowie

Außer Kontrolle

Der britische Schauspieler Alan Rickman starb im Alter von 69 Jahren in Krebs

Alan Rickman war, was Schauspielerei angeht, eher ein Spätzünder. Etwas, was er selbst eher als angenehm empfand. "Der gelernte und studierte Grafikdesigner gründete zunächst einmal seine eigene Grafikdesignfirma Graphiti. Erst nach und nach zog ihn die Liebe zum Theater zur Royal Academy of Dramatic Art (RADA) , deren Vizevorsitzender er später einmal werden sollte. Doch zunächst, im Alter von 26 Jahren, bekam er ein Stipendium an der RADA. Seine Rolle in der Originalversion der "Gefährlichen Liebschaften" brachte ihm eine Tony-Nominierung, doch als das bekannte und beliebte Theaterstück verfilmt werden sollte, ging die Rolle an John Malkovich.

Für Alan Rickman im Nachhinein ein Glückfall - denn statt den intriganten Vicomte Valmont zu spielen, bekam er eine andere Rolle angeboten, die sich grundlegend von dem unterschied, was er bisher gespielt hatte. Eine Rolle in einem us-amerikanischen Actionfilm als Gegenspieler von Bruce Willis. Dabei hatte sich Alan Rickman nur zögerlich auf einen Action Film eingelassen. Im Interview mit dem Guardian erinnerte er sich daran wie er einst dachte "Was zur Hölle ist das? Ich spiele doch in keinem Actionfilm mit!"

Es sollte anders kommen. Sowohl Bruce Willis wie auch Alan Rickman sollte dieser Film nicht nur berühmt machen, er sollte sie auch, sehr zu ihrem Leidwesen, für längere Zeit auf eine feste Rolle festlegen: Stirb langsam. Bruce Willis als Ein-Mann-Rettungskommando und Alan Rickman als sinistrer Gegenspieler mit deutschem Namen Hans Gruber. Seine tiefe, etwas nasale Stimme, zusammen mit seiner pointierten Darstellung, ließen "Hans Gruber" (dessen Bruder Jeremy Irons später einmal spielen sollte) zu einer Art Schurkenikone und Blaupause für viele weitere Schurken werden. Von eben dieser Stimme sagte der Schauspielerlehrer Alan Rickmans einst, sie käme aus dem unteren Ende eines Abflussrohres.

Die Stimme war es auch, die Kevin Smith dazu brachte, Alan Rickman die Rolle des Metatron, der Stimme Gottes im Film "Dogma" zu überlassen. Hier konnte Alan Rickman erneut sein komödiantisches Talent mit der Ernsthaftigkeit und dem Drama verbinden, wenn er beispielsweise genervt darauf reagierte, dass die von ihm aufgesuchte Dame als Erstes befürchtete, er wolle sie vergewaltigen wo ihn doch Gott (also: sie!) gar nicht mit dem notwendigen Rüstzeug ausgestattet hatte.

Diese komödiantischen Elemente brachte Alan Rickman immer wieder in seinen Filmen ein, so z.B. in "King of Thieves" (Der König der Diebe), wenn der Lärm und die Kämpfe um Lady Marian es dem von Rickman gespielten Sheriff von Nottingham unmöglich machten, den Beischlaf mit ihr im Schnellverfahren zu vollziehen. Gerüchtehalber soll sich Kevin Costner damals darum bemüht haben, dass Alan Rickmans Szenen gekürzt werden um nicht zu sehr im Schatten des britischen Mimen zu stehen. Ob dieses Gerücht wahr ist, weiß niemand, aber wer Alan Rickman sieht, wie er dank seiner stechenden Augen, seines wahlweise milden, fast gütigen oder aber schneidenden Lächeln mit schwarzer langer Mähne den Sheriff spielt, der könnte es zumindest verstehen, sollte es so sein.

Während er in den meisten Rollen sein komödiantisches Geschick nur dosiert einsetzen sollte (so z.B. wenn er als Severus Snape in Frauenkleidung herumstapfte), so gab es doch einen Film, der davon lebte, dass er hier mehr oder minder den ganzen Film über herzhaft über das Theater, Theaterschauspieler bzw. alternde Theaterschauspieler, Characterdarsteller herziehen konnte, ohne dass dies ins Lächerliche abglitt: Galaxy Quest.

An der Seite von Tim Allen (der eine gelungene Parodie von Captain Kirk bot) und Sigourney Weaver sowie dem in der Serie "Monk" zunehmend schauspielerisch unterforderten Tony Shalhoub spielte er Alexander Dane, einen ehemaligen Shakespeare-Darsteller, der sich als Dr. Lazarus (angelehnt an Spock in "Enterprise") in der Science Fiction Serie "Galaxy Quest" stets nur als zweite Garde fühlte und sich permanent an seine Theaterzeiten ("Ich hatte sechs Vorhänge...") erinnerte, nun aber bei Baumarkteröffnungen und ähnlichem das sagen musste, was er in der Serie bereits gehasst hatte: "Bei Grabthars Hammer..." Noch im Jahr 2013, als Alan Rickman den Hilly Kristal spielte, der die legendäre New Yorker Punk Bar CBGB eröffnete, wurde er darauf angesprochen, ob es eine Fortsetzung von "Galaxy Quest" geben würde bzw. was dafür nötig wäre.

Während Alan Rickman seine enorme Bandbreite in Filmen wie "Truly Madly Deeply", "Snow Cake", "Rasputin", "Tatsächlich Liebe" oder "Das Parfum" zeigen konnte, war es doch eine andere Rolle, die ihn gerade auch für das jüngere Publikum unvergesslich machen sollte: Severus Snape. Der Lehrer (und Teil der Gefolgschaft um Lord Voldemort), der es dem von Anfang an "legendären" Harry Potter in der Filmreihe schwer machen sollte. Auch hier konnte Alan Rickman aus dem Vollen schöpfen, konnte sich sinister und von Grund auf böse geben, konnte Comedyelemente einstreuen und doch auch wieder seine romantische Seite zeigen.

Damit er wirklich in die Roll eintauchen konnte, hatte ihm J.K. Rowling sogar schon früh verraten, dass Severus Snape einst in Harrys Mutter verliebt gewesen war, dass seine Verbitterung auch daher rührte, dass sie sich für einen anderen Mann entschied. Eine Information, die Alan Rickman für sich behielt. Wenn er auf bestimmte Aspekte seiner Rolle angesprochen und gefragt wurde, ob er etwas über Snape wisse, was andere nicht wissen, antwortete er freundlich mit einem einfachem "ja". David Yates, derjenige, der als Regisseur für die letzten vier Harry Potter Filme verantwortlich zeichnete, sprach von einer gewissen Aura, die Alan Rickman umgab.

Alan Rickman war, abseits des Theaters und der Leinwand, ein eher schüchtern wirkender und bescheidener Mann. Seine Ehe mit Rima Horton blieb skandalfrei und war nur selten Thema. In Interviews wirkte Alan Rickman nachdenklich und offen. Um etwas gut hinzubekommen, so sagte er, müsse man es ernst nehmen. Und dies hieße, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.

Trotz der Schauspielerei und dem Theater versuchte sich Alan Rickman zuletzt auch noch erneut ( nach "The Winter Guest" im Jahr 1997) als Regisseur "A little chaos" mit Kate Winslet brachte ihm eine Dreifachbelastung ein, denn er selbst spielte auch noch die Rolle des König Ludwig XIV und war als Co-Drehbuchschreiber tätig. Doch diese Belastung war für ihn auch Ergebnis der Filmproduktionsmathematik.

"A little chaos" sollte ihn auch 20 Jahre nach "Sinn und Sinnlichkeit" wieder mit Kate Winslet zusammen auf die Leinwand bringen. "A little chaos", auf Deutsch "Die Gärtnerin von Versailles" kam 2014 in die Kinos. In einem Interview mit "Filmclicks" sprach Alan Rickman noch davon, dass er glaube, er würde demnächst wieder Filme inszenieren. Doch dazu kam es nicht mehr. Seine letzte Rolle hatte der britische Schauspieler in "Eye in the sky". Dort spielte er an der Seite von Helen Mirren und Aaron Paul und befasste sich kritisch mit der Drohnenproblematik und der Frage, wann wer warum eine Drohne abfeuern sollte oder eben nicht.

"The more we're governed by idiots and have no control over our destinies, the more we need to tell stories to each other about who we are, why we are, where we come from, and what might be possible. Or, what's impossible? What's a fantasy?" (Alan Rickman)

Im Alter von 69 Jahren ist Alan Rickman an einer Krebserkrankung verstorben. Ein tragischer und unerwarteter Verlust, nicht nur für die Filmwelt, sondern auch insbesondere menschlich.

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