Der grantelnde Onkel mit dem Walrossbart

John Bolton. Bild: Weißes Haus

Die Verharmlosung von John Bolton ist ein Lackmustest für politischen Journalismus

Wer die Zuverlässigkeit der deutschen Medien überprüfen will, findet dankbare Arbeitsproben in der Art und Weise der Berichterstattung zum Abgang von "Sicherheitsberater" John Bolton.

"Wenn es allein nach Bolton ginge, hätten die USA wohl schon vier Kriege angefangen, soll Trump gewitzelt haben", schreibt DER SPIEGEL. Offenbar hält man im führenden Politinfotainment-Magazin die Kriegsfreudigkeit Boltons für einen Witz. Ähnlich zitiert die Süddeutsche Zeitung und reduziert Boltons Demission auf ein persönliches Problem. Den gleichen Boulevard bietet die FAZ, bezeichnet Bolton aber wenigstens als einen "Hardliner".

Deutsche Medien präsentieren Bolton verharmlosend als den amerikanischen Onkel mit dem Walrossbart, der vielleicht ab und an einen patriotischen Spruch raushaut. Kriegslüsternheit wird als "Witz" dargestellt, der Böse ist ja schließlich der durchgeknallte Trump. Tatsächlich jedoch dürfte Bolton einer der für den Weltfrieden gefährlichsten Menschen sein, die sich derzeit auf dem Planeten bewegen. Brauchbarer als in der meist transatlantisch geprägten Printpresse ist diesmal das Wording der öffentlich-rechtlichen Tagesschau:

"Der 70-Jährige hatte sich in Washington früh den Ruf eines politischen Hardliners mit Hang zu Verschwörungstheorien erarbeitet. Als Vertreter des American Enterprise Instituts sprach sich Bolton gegen viele diplomatische Versuche und Fortschritt aus. Als US-Botschafter bei den Vereinten Nationen stellte er die gesamte Institution in Frage. Er ließ sich auf Konferenzen der iranischen Volksmutschahedin feiern; einer Gruppe, die Zeitweise in den USA als terroristische Vereinigung eingestuft worden war. "Erklärtes Ziel der Politik der Vereinigten Staaten sollte der Regimewechsel in Iran sein", sagte Bolton damals."

Doch auch diese Würdigung Boltons ist noch bei weitem verharmlosend und verklärend. Bolton war Mitglied des ultrakonservativen Project for the New American Century (PNAC), das Ende der 1990er Jahre den Führungsanspruch der USA über die Welt propagierte, was durch Militär zu realisieren sei. Bolton drängte bereits Präsident Clinton zum Krieg gegen den Irak und warnte die amerikanische Politik davor, sich "weiterhin von einem fehlgeleiteten Konsenszwang im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verkrüppeln“. Den UN-Menschenrechtsrat bezeichnete Bolton "als geschminkte Raupe statt eines Schmetterlings".

Der brasilianische Diplomat José Bustani, der die Organization for the Prohibition of Chemical Weapons leitete, erinnert sich an einen Einschüchterungsversuch Boltons im Mafia-Stil: So habe ihn Bolton 2002 aufgefordert, binnen 24 Stunden zurückzutreten und angefügt, man wisse, wo seine Kinder leben. Er habe zwei Söhne hier in New York.

George W. Bush machte ausgerechnet UN-Verächter Bolton zum UN-Botschafter. 2007 propagierte Bolton in bemerkenswerter Offenheit die Wiedereinführung verdeckter Staatsstreiche durch US-Geheimdienste und forderte dies ausgerechnet für den Iran, wo man solches 1953 mit tragischen Folgen praktiziert hatte (Operation Ajax). Der Neocon sabotierte Versuche, Kriegsverbrechen des US-Militärs zu sanktionieren und forderte, den Internationalen Gerichtshof in Den Haag sterben zu lassen.

Nachdem die USA seit dem mit Lügen begründeten Irakkrieg permanent in der Arabischen Welt Kriege führen, trommelte Bolton immer aggressiver für einen Krieg gegen den Iran - der im Gegensatz zu den USA fremde Staatsgrenzen und völkerrechtliche Verträge zu achten pflegt. 2017 versprach Bolton von den USA hofierten Exiliranern bei einer Veranstaltung in Paris, man werde noch vor 2019 gemeinsam in Teheran feiern. Ein wichtiger Teilerfolg Boltons war der provozierte Ausstieg aus dem Atomabkommen. Auch der neue Kalte Krieg mit Russland schien dem sogenannten "Sicherheitsberater" nicht unwillkommen zu sein.

Einem Kriegstreiber sollte jedoch durchaus die Ehre zu teil werden, ihn auch als solchen zu präsentieren. Nach wie vor scheinen Satiresendungen brauchbarere Informationen zu bieten als die Qualitätspresse.

Update: DIE ZEIT nennt den Kriegstreiber einen Kriegstreiber.

(Update: Absatz mit Drohung gegen Bustani eingefügt.)