Der lebend gefasste Amokläufer

Nach dem Amoklauf von Ansbach erhoffen sich Kriminologen neue Erkenntnisse.

Allein daran, dass der Leiche des Attentäters von Winnenden das Gehirn entnommen wurde, um es wissenschaftlich auf etwaige Eigentümlichkeiten zu untersuchen, kann man sehen, wie sehr man hier nach Erkenntnissen sucht. Amokläufe sind Schock-Aktionen, die Öffentlichkeit und Gesellschaft fassungslos zurücklassen, ohne verlässliche Anhaltspunkte dafür, wie solche Gewalttaten zu verhindern wären.

In einem Ansbacher Gymnasium ist der Amoklauf eines Schülers gestern sehr früh gestoppt worden. Mit Molotowcocktails, Messern und einer Axt habe der Schüler am Morgen die Schule "gestürmt", meldete der Bayerische Rundfunk. 11 Minuten später wurde er schwerverletzt von Polizeischüssen ins Krankenhaus verbracht, in den Klassenzimmern verbarrikadierte Schüler und Lehrer konnten aufatmen. Eine Schülerin, auf die der Amokläufer nach Medienberichten mit der Axt eingeschlagen hatte, kämpft noch ums Überleben, sieben weitere Schüler und ein Lehrer sind zumindest nicht lebensgefährlich verletzt, heißt es. "Es hätte schlimmer kommen können", ist heute aus den Presseschauen zu hören. Der Schock sitzt trotzdem tief.

Keine Toten, zum Glück. Eine Tatsache, angesichts derer der in solchen Fällen mit Aussagen sofort und überall parate Fernsehkriminologe Christian Pfeiffer gestern seine Erregung kaum verbergen konnte, dass er und seine Kollegen nun erstmals einen überlebenden Amokläufer für ihre Studien zur Verfügung haben könnten. Das erfüllt den ehemaligen niedersächsischen SPD-Innenminister offenbar mit großen Erwartungen.

In Berichten von Journalisten, die sich unter den Mitschülern am Ansbacher Carolinum-Gymnasium umgehört haben, wird der Attentäter als Außenseiter geschildert: ein "Einzelgänger, ohne Freunde. Einer, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte". Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er die Tat "geplant" habe. Beides nicht ungewöhnlich bei Amokläufern, interessant ist aber in diesem Fall das Umfeld. Das Ansbacher Gymnasium wird wiederholt als Vorzeige-Einrichtung geschildert, in der, um es in einem pauschalen Bild zu sagen, "die Welt noch in Ordnung" ist. Das bestätigt zum einen das immer wieder geäußerte Horror- und Terror-Charakteristikum eines Amoklaufes, wonach er überall stattfinden kann und es keinen absoluten Schutz dagegen gibt.

Zum anderen lässt dies - aufgrund einer ersten, vielleicht oberflächlichen Berichterstattung - annehmen, dass diesmal "Mobbing" nicht im Spiel war. Zugleich zeigt gerade das gute Klima an der Schule, welches bisherige Berichte durchscheinen lassen, das Problem noch schärfer auf, das im Umgang mit "Außenseitern" liegt. Wenn selbst an einer solchen überschaubaren und von keinen kritischen sozialen Konflikten behelligten Institution mit rund siebenhundert Schülern in einer mittelkleinen Stadt mit 40.000 Einwohnern, wo man sich kennt, ein potentieller Amokläufer nicht rechtzeitig erkannt wird, fragt man sich, wie dem Risiko beizukommen ist.

Das ist eine sehr heikle Angelegenheit. Wie geht man künftig präventiv mit "Außenseitern" an Schulen um. Gleich beim neu eingestellten Schulpsychologen Alarm schlagen? Bei jedem, der anders ist?