Der tägliche Kampf auf den Straßen

Radsaison

(Bild: Foto: Dennis Skley / CC BY-ND 2.0 )

Subjektive Betrachtungen eines Berliner Fahrradfahrers

Auf den Straßen der großen Städte, ob hierzulande, in den beiden Amerikas, in Asien oder in Afrika, herrscht zweifellos Wild West. Keine Frage. Dass aber Wissenschaftler, die dies näher untersuchen, daraus den Schluss ziehen, vor allem den Fahrradfahrern müssten die Verkehrsregeln nahe gebracht werden, verwundert dann doch ein wenig.

Oder vielleicht nicht so sehr, wenn man die Sozialisierung der Forscher bedenkt. Immerhin kommen sie aus einem Land, in dem einst öffentliche Verkehrsbetriebe von Autokonzernen aufgekauft und ruiniert wurden, einem Land, in dem es derart vom Auto dominierte Großstädte gibt, dass diese kaum Fußwege und Fußgängerampeln kennen wie etwa die Ölmetropole Houston.

Sicher, in Berlin, der Fahrradmetropole wider Willen, gibt es jede Menge Fahrradfahrer, deren Kenntnis der Straßenverkehrsordnung eher rudimentär ist und die reichlich nerven können, wenn sie über die Fußwege sausen. Für Fußgänger kann dies mitunter gefährlich, auf jeden Fall aber insbesondere für ältere, meist schreckhaftere Menschen sehr unangenehm sein.

Berlin ist, das macht es sehr sympathisch und liebenswert, die vermutlich anarchischste Stadt Deutschlands. Fast ein bisschen so wie Athen, Guangzhou oder Istanbul. So sehr, dass Touristen hierher kommen und meinen, die üblichen Regeln des Zusammenlebens seien außer Kraft gesetzt. Letzteres trägt einiges zur Hassliebe der Alt- wie Neuberliner zu ihrer wichtigsten Einnahmequelle bei.

Aber in Berlin kann man auch beobachten, wie fließend die Grenzen zwischen anarchischer Missachtung von Obrigkeit und Regeln auf der einen und Rücksichtslosigkeit auf der anderen Seite sind. In einer Welt, in der der ökonomische Kampf eines Jeden gegen Jeden zum obersten Credo geworden ist und gleichzeitig auch noch die letzte Lebensäußerung der Kommerzialisierung unterworfen werden soll – der hiesige Senat bereitet zum Beispiel gerade die Privatisierung von Schulen vor –, ist dieser fließende Übergang nicht weiter überraschend.

PS-Stärke und Gewicht des Fahrzeugs scheinen eine eingebaute Vorfahrt mit sich zu bringen

Auf den Straßen heißt dies dann, dass ein Fahrradfahrer schon eine gehörige Portion Mut aufbringen muss, sein Recht auf Benutzung der Fahrbahn wahrzunehmen. Das Konzept des Sicherheitsabstands ist dem Berliner Autofahrer nämlich vollkommen fremd und auch vom Blinken und Ähnlichem haben offenbar nicht alle in der Fahrschule gehört.

Auch ist eindeutig eine Korrelation zwischen PS-Stärke und Gewicht des Fahrzeugs einerseits und der Überzeugung andererseits festzustellen, man habe mit dem Gefährt auch eine eingebaute Vorfahrt erworben und die Straße sei ohnehin ausschließlich für vierrädrige Fahrzeuge vorgesehen und erlaubt.

Bedrängen, Schneiden, gegenseitige Beleidigungen sind üblich, tätliche Angriffe von Auto- auf Radfahrer keine Seltenheit. Etwaige Anzeigen von Radfahrern nach entsprechenden Erlebnissen werden hier wie anderswo in Deutschland nach den Erfahrungen des Autors von Polizei und Staatsanwaltschaft in der Regel nicht oder nur sehr widerwillig aufgenommen und bearbeitet. Im Extremfall wird schon mal das Messer genommen. Dann können auch die Ordnungshüter nicht umhin, tätig zu werden.

Das Ergebnis der allgemeinen Unachtsamkeit und dieser Stimmung auf Berlins Straßen waren allein im vergangenen Jahr 17 tödlich verunglückte Radfahrer. In diesem Jahr sind es bisher neun Fälle. Eine sehr traurige Bilanz, die angesichts des weiter anwachsenden Fahrradverkehrs nach Lösungen verlangt.

Eine davon ist sicherlich der angestrebte Ausbau des Radwegenetzes, wobei noch abzuwarten bleibt, ob der neue Senat seine Ankündigungen im Berliner Tempo oder vielleicht doch ein wenig schneller umsetzt. Eine über Jahre ausgeblutete und in weiten Teilen dysfunktionale Verwaltung lässt wenig Gutes erwarten.

Auf jeden Fall aber ist eine irgendwie geartete Verkehrserziehung für Rad- wie Autofahrer unumgänglich. Das zeigen auch Erfahrungen aus Fahrradstädten wie Kopenhagen. Denn abgesehen vom aggressiven Autofahrer wird auch der sich wirr und nicht an Regeln haltende Radfahrer für den Radfahrer ab einer bestimmten Verkehrsdichte zur Gefahrenquelle.

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