Der talentierte Mister Blair

Der ehemalige britische Premierminister erklärt vor dem Untersuchungsausschuss, warum er sich für den Waffengang im Irak stark machte

Einiges hat sich verändert in den sieben Jahren seit 2003, bemerkt die britische Times spitz: Damals brachten Premierminister Blair und die Fanfaren, welche den kommenden Krieg ankündigten, noch Millionen Protestierer auf die Straßen. Heute waren es nur einige wenige Hundert, die vor dem Kongress-Gebäude in der Londoner Innenstadt auf Tony Blair warteten, um ihm ihren Protest ins Gesicht zu schreien: "Jail Tony" oder "Blair lied", doch der VIP-erprobte Luxusberater ließ sich früher als angekündigt am Hintereingang vorfahren, der Protest verfehlte ihn. Wer erwartet hatte, dass Blair mit seiner Zeugenaussage vor dem Chilcot-Untersuchungsausschuss (siehe auch Marsbewohner in Bagdad 2003) greifbare Zugeständnisse an Kritiker machen würde, die ihm Lügen vorwerfen, sah sich ebenso ausgetrickst.

Die einzige Unkorrektheit, die Blair in seinem mehrstündigen "konzentrierten Auftritt" (Spiegel) konzedierte, betraf den bekannten 45-Minuten-Claim, der ohnehin schon völlig zerlumpt ist (und auch vom Untersuchungsausschuss bereits in die Abfalltonne getreten wurde: Special Agent Taxifahrer). Hier räumte Blair einen Fehler ein. Man habe damals nicht korrigiert, dass sich die geheimdienstliche Behauptung, wonach Saddam Hussein binnen 45 Minuten losschlagen könne, nicht auf Raketen bezogen habe, sondern nur auf Waffen, die auf dem Feld eingesetzt werden.

Die Frage, ob er damals, als er die Behauptung unterstützte, Raketen aus dem Irak würden binnen 45 Minuten Europa erreichen können, angefüllt mit Massenvernichtungswaffen, "sich nicht bewusst war, dass er damit Geheimdienst-Informationen übertrieb", beantwortete Blair mit "Correct". So harmlos kann eine Untersuchung sein, von der man obendrein keine gewichtigen Sanktionen zu erwarten hat...

Und so tat sich Blair offensichtlich leicht, sich im besten Licht zu präsentieren: Alles hat er richtig gemacht, so lautete seine Botschaft. Die irakische Bedrohung war gegeben, zuletzt durch Saddam Husseins psychische Disposition und seine Söhne. Die Frage nach dem irakischen Massenvernichtungsprogramm, wie sehr Saddam daran arbeitete - damals Anreiz zum großen Bedrohungstheater - , spielt Blair jetzt herunter: eine Frage der Perspektive, so sein neues Leitmotiv. Nach 9/11 musste man den Irak als Bedrohung sehen, so Blair, unabhängig davon, ob der Irak sein Massenvernichtungsarsenal objektiv tatsächlich vergrößern würde:

"It wasn’t that objectively he had done more. It was that our perception of the risk had shifted."

Dass sich auch seine Perspektive seit Ende 2002/Anfang 2003 ziemlich verändert hat, verschwieg Blair glatt. Die Times konfrontiert ihn mit Aussagen, die er damals gegenüber Parlamentariern machte, um sie auf seine Seite zu ziehen. Darin spricht er von einem aktiven Massenvernichtungsprogramm im Irak, das ausgebaut würde, das nicht abgebrochen wurde, sondern am Laufen gehalten:

"His weapons of mass destruction programme is active, detailed and growing. The policy of containment is not working. The weapons of mass destruction programme is not shut down; it is up and running now."

Diese Aussage Blairs sollte den Parlamentariern augenscheinlich klarmachen, dass Saddam nach objektiv anlegbaren Maßstäben daran arbeitet, sein Waffenprogramm zu vergrößern.

Blair soll nochmal vor den Chilcot-Ausschuss, um zu erklären, ob er die Bedrohung durch den Irak damals übertrieben habe, vor den Fragen muss er, wie sich heute zeigte, wahrscheinlich keine Angst haben.

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