Der wissenschaftliche Rückstand der islamischen Länder..

..und das Plädoyer des algerischen Soziologen Safir für eine "Kritik der islamischen Vernunft"

Die meisten Studien werden kurz nach ihrer Veröffentlichung von der Öffentlichkeit vergessen und leben dann in mehr oder weniger geschlossenen Kreisen weiter. Das dürfte auch für den aufwendigen Unesco-Wissenschaftsbericht (deutsche Zusammenfassung hier (PDF) zutreffen, der vor einer Woche vorgestellt wurde und hierzulande etwas Aufmerksamkeit erregte, weil daraus hervorgeht, dass asiatische Länder, an der Spitze selbstverständlich China, aber auch Indien und Südkorea, im Wissenschaftssektor deutlich aufgeholt haben.

Der algerische Soziologe Nadschi Safir hat sich die Mühe gemacht, das Zahlenmaterial des Unesco-Berichts hinsichtlich der wissenschaftlichen Produktion in islamischen Ländern genauer anzuschauen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, die aktuell in der französischen Zeitung Le Monde nachzulesen sind. Er folgt darin der Vorgabe, die sich auch im Titel der deutschen Zusammenfassung des Unesco-Berichts findet: "Die wachsende Bedeutung von Wissen für die Weltwirtschaft". Wissenschaft, insbesondere die Naturwissenschaften, und Technik begreift auch der Gesellschaftswissenschaftler als grundlegend für künftiges Wirtschaftswachstum in Regionen, die, wenn sie über kein Öl verfügen, unter hoher Jugendarbeitslosigkeit leiden und keine rosigen Perspektiven bieten (siehe auch Kein Öl, keine Arbeit, viel Unruhepotential).

Safir rechnet Zahlen zusammen, die in Tabellen über Anteile an Wissenschaftspublikationen im Jahr 2008 (siehe dazu u.a. Seite 14 und 15 des Berichts, Grundlage ist der Thomson Reuters' Science Citation Index) zu finden sind. Die Bilanz der islamischen Länder - als Basis dafür nimmt er Länder, die zur Organisation der Islamischen Konferenz gehören: 20 Prozent (1,350 Milliarden) der weltweiten Bevölkerung produzieren nur 5,3 Prozent der wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Die arabischen Staaten, die immerhin fast 5 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen (329 Mio gegenüber 6, 67 Milliarden), nur 1,4 Prozent.

Die wissenschaftlichen Publikationen aller islamischen Länder in absoluten Zahlen zusammengerechnet (52.300) liegen deutlich unterhalb dessen, was einzelne Länder wie Frankreich (57.133) oder Deutschland (76.368) veröffentlichen. Die arabischen Länder kommen auf insgesamt 13.574. Die relativen Zahlen machen die Kluft noch deutlicher. Gerechnet auf die Anzahl von Publikationen auf eine Million der Bevölkerung liegt der weltweite Durchschnitt bei 147,82. Die islamischen Länder kommen hier auf 38,7; die arabischen auf 41,23. Zum Vergleich: Iran liegt bei 150,7; die Türkei bei 243,7; Israel bei 1.459,3 und die USA bei 1.022,8.

Der Ausweg aus dieser Misere besteht für Safir, der sich dabei auf die beiden im letzten Jahr verstorbenen Philosophen Mohammed Abed al Jabri ( "Kritik der arabischen Vernunft") und Mohammed Arkun ( "Für eine Kritik der islamischen Vernunft") beruft, in einer "grundlegenden Neusichtung" des intellektuellen islamischen Erbes.

Damit wieder Räume für Kreativität, "unbedingt nötig für jede signifikante wissenschaftliche Produktion", geschaffen werden, müsste man die Anstrengung unternehmen, vereinfachende, reduktive Herangehensweisen hinter sich zu lassen. In der islamische Kultur, so wie sie sich präsentiert, würden solche Herangehensweisen überwiegen.

Die Wurzel der Vereinfachung sieht Safir in zwei fortschrittshemmenden Dichotomien: dem Gegensatz zwischen der islamischen Zivilisation und dem Westen ("wir und die anderen"), der Verbindungen nicht wahrhaben wolle. Und die Trennung von technischen Gebrauchsgütern von deren intellektuellen Produktionsbedingungen. Man tue so als seien sie "neutral", irgendwie zugehörig zum "Reich der Notwendigkeit", und ignoriere dabei aber die wissenschaftliche Entwicklung und die geistigen Bedingungen, die zum Produkt geführt haben. Man dürfe dabei aber nicht vergessen, dass die islamische Kultur früher zu diesen Entwicklungen und der Wissensanhäufung wesentlich beigetragen habe. Wer puristisch und simplizistisch westliche "Eingaben" ablehne - wie dies etwa derzeit Iran zur Politik erhebt - der amputiert nach Safirs Überzeugung "auch eigene Anteile". "amputieren".

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