Details: Depression und Antidepressiva

Letzte Woche war die Aufregung groß: Eine Meta-Analyse von Irving Kirsch und Kollegen hatte gezeigt, dass Antidepressiva bei leichten Depressionen nicht besser wirken als Placebo.

Letzte Woche war die Aufregung groß: Eine Meta-Analyse von Irving Kirsch und Kollegen hatte gezeigt, dass Antidepressiva bei leichten Depressionen nicht besser wirken als Placebo. Neu ist der Streit um die Wirksamkeit von Antidepressiva indes nicht: Kirsch hatte schon 1998 eine Meta-Analyse vorgelegt und Schwächen der umsatzstarken Medikamente gegenüber Placebo nachzuweisen versucht. Schon damals zweifelten Teile der Medizinergilde und natürlich die Pharmaindustrie die Ergebnisse an. Ein Artikel im Scientific American diskutiert nun ausgewogen unterschiedliche Studien und Statistiken zu Depressionen und Antidepressiva. Dazu sei bemerkt: US-Ärzte gelten als verschreibungsfreudig, vor allem, aber nicht nur im Bereich der Psychopharmaka. Welche Bedeutung die Studien daher für den deutschen und europäischen Raum haben, müsste abgeglichen werden.

  • In den USA sollen rund elf Prozent aller Frauen und fünf Prozent aller Männer Antidepressiva erhalten.
  • Eine Studie aus dem vergangenen Jahr hat gezeigt, dass ein Viertel aller auf Depression diagnostizierten Patienten unlängst einen belastenden Vorfall erlebt haben: Scheidung, Verlust eines Familienmitglieds oder des Arbeitsplatzes. Dies sollte eher „Trauer“ genannt werden, nur selten wird aus dieser Verarbeitungsphase später eine Depression.
  • 2006 fand eine Studie heraus, dass rund drei Viertel der Antidepressiva im US-Bundesstaat Georgia in Fällen verschrieben wurden, für die das Medikament gar nicht zugelassen waren. Dieser so genannte Off-Label-Use ist für einen überwiegenden Anteil des Umsatzes von Antidepressiva verantwortlich. Antidepressiva kommen so beispielsweise bei Angststörungen zum Einsatz.

  • Zweifelsohne gibt es Fälle von Depressionen, die so schwer sind, dass jegliche Lebenslust entzogen ist. Gerade in diesen Fällen, so zeigen auch die Studien, können Antidepressiva helfen. Mehr noch: In diesen Fällen helfen sie auch besser als Placebo. Am klügsten, so will Markku Timonen von der Universität von Oulu in Finnland heraus gefunden haben, sei bei schwerer Depression der kombinierte Einsatz von Medikamenten und Therapie.

  • Um einen Rückfall bei schweren Depressionen zu verhindern ist eine Therapie aber besser geeignet, sagt eine Studie aus dem Jahr 2004.

  • Bei nur rund 20 Prozent aller US-Patienten kontrolliert der behandelnde Arzt Erfolg oder Misserfolg der pharmakologischen Therapie. Der überwiegenden Anteil der Antidepressiva wird von Allgemeinärzten und nicht von Psychologen oder Psychiatern verschrieben.

  • Eine unheilvolle Rolle in der Ausweitung des Begriffs der Depression spielt das amerikanische Handbuch für mentale Störungen (DSM, Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders). Wie Allan Horwitz in seinem just erschienenen Buch zeigen konnte werden immer mehr emotionale Zustände in krankhafte überführt. So wurde Schüchternheit zur sozialen Phobie und Melancholie zur Depression. Das aktuelle DSM-IV identifiziert 347 psychische Störungen, in der letzten Ausgabe (DSM-III) waren es noch 265, in DSM-II erst 180. Gute Ärzte, so die Psychiaterin Sally Satel in einer ausführlichen Rezension des Werkes von Horwitz, gründen ihre Diagnosen ohnehin nicht zu sehr auf das DSM.

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