Deutsche Wirtschaft schwächelt

Trotz billigen Öls, Nullzinsen und Schwach-Euro fiel das Wachstum mit 0,3% im ersten Quartal bescheiden aus

Die neuen Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) verstärken heute die Fragen danach, von welchem Aufschwung eigentlich in Europa derzeit gesprochen wird. Gerade letzte Woche hatte die EU-Kommission die Wachstumsprognose für Deutschland und den Euroraum angehoben. Statt den bisher prognostizierten 1,5% hatte Brüssel die Prognose für Deutschland im laufenden Jahr sogar auf 1,9% angehoben. Dabei wurde auch auf den "Rückenwind" durch den niedrigen Ölpreis, den schwachen Euro und extrem günstiger Finanzierungsbedingungen gesprochen.

Die Destatis-Zahlen lassen daran zweifeln, ob dieser Optimismus gerechtfertigt ist, wenn trotz dieser sehr positiv wirksamen Faktoren die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal nur um 0,3% gewachsen ist. Dagegen ist die französische Wirtschaft sogar um 0,6% gestiegen, teilte Eurostat ebenfalls heute mit. Die Eurozone ist insgesamt um 0,4% gewachsen. So darf man davon ausgehen, dass die Wirtschaft in Deutschland und in der Eurozone ohne den massiven Rückenwind sogar geschrumpft wäre. Ohnehin sind die Daten seit dem vergangenen Jahr noch stärker verzerrt, weil auch illegale Geschäfte wie Drogenhandel, Schmuggel und Prostitution in die Wirtschaftsleistung eingerechnet werden. Deutschland schrammte durch die Neuberechnung schon im dritten Quartal 2014 sogar knapp an der Rezession vorbei. Wirksam waren dabei natürlich auch die Russland-Sanktionen, die auch weiterhin die Exporte belasten.

Die positive Tendenz zum Jahresende, als die Wirtschaft im vierten Quartal 2014 gegenüber dem Vorquartal wieder relativ stark um 0,7% wuchs, ist jedenfalls wieder vorbei. Destatis hat heute mitgeteilt, dass das schwache Wachstum vor allem von höheren Konsumausgaben und von höheren Ausgaben des Staates getragen wird. Auch hätten Investitionen zugelegt: "Sowohl in Bauten als auch in Ausrüstungen wurde deutlich mehr investiert als im vierten Quartal 2014."

Erstaunlich ist die Feststellung, dass nun gerade der Außenhandel das Wirtschaftswachstum gedämpft hat: "Nach vorläufigen Berechnungen wurden zum Jahresbeginn 2015 zwar etwas mehr Waren und Dienstleistungen exportiert als im Schlussquartal 2014, die Importe stiegen aber sehr viel kräftiger." Also hat es der deutschen Wirtschaft für Exporte in andere Währungsräume nicht viel genützt, dass der Euro von der Europäischen Zentralbank (EZB) im Währungskrieg heruntergeprügelt wurde und er sich im ersten Quartal sogar immer wieder der Parität zum Dollar genähert hat. Somit werden Waren und Dienstleistungen für andere Währungsgebiete deutlich billiger, weshalb Notenbanken zur Stützung der eigenen Wirtschaften gern zu diesem Schritt greifen.

Anders herum stellt sich aber nun die Frage, wie stark die deutsche Wirtschaft geschrumpft wäre, wenn deutsche Waren gegenüber dem Dollar nicht 25% billiger geworden wären. Denn dazu kommt auch noch die massive Konjunkturspritze durch den sehr billigen Ölpreis. Auch der erreichte im ersten Quartal seine bisherigen Tiefstände. Und dazu kommt schließlich auch noch, dass die Finanzierungsbedingungen derzeit so günstig wie nie sind, da die EZB den Leitzins praktisch auf Null gesenkt hat und sogar Strafzinsen dafür verlangt, wenn Banken Geld bei der Notenbank in Frankfurt parken.

Das bedeutet, dass es in Deutschland trotz allem Rückenwind nur zu einem schwachen Wachstum reicht. Ein nachhaltiges Wachstum oder ein Aufschwung ist das nicht. Und so stellt sich die Frage, was passiert, wenn das EZB-Doping aufhört, das auch dafür sorgt, dass sich Deutschland und andere Euroländer so billig wie nie refinanzieren können, und das höhere Staatsausgaben ermöglicht. Steigen der Euro und der Ölpreis wieder, was angesichts der platzenden Fracking-Blase in den USA bald zu erwarten ist, dann fällt mit dem Rückenwind auch dieses Wachstum in sich zusammen wie ein Kartenhaus.

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