Deutsche als Migranten

Von Schatzsuchern, Freiheit und Sehnsucht: Edgar Reitz' "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht"

Immer wieder rollen sie in der Ferne, die Trecks der Auswanderer, über den Hügel oder durchs Tal. Ein schier endloser Zug. Die Wagen sind vollbepackt. Sie rollen aus dem Hunsrück an die Mosel und an den Rhein, dort schiffen sich ihre Besitzer ein in Richtung Nordsee und dann weiter nach Nord- oder Südamerika, das Land ihrer Sehnsucht.

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Vergrößern Edgar Reitz Filmproduktion München

Dort wollen sie eine neue Heimat finden, denn in der alten ist keine Hoffnung mehr. "Chronik einer Sehnsucht" hat Edgar Reitz im Untertitel seinen neuen Film Die andere Heimat betitelt, ein ganz eigenständiges Werk und zugleich je nach Zählweise der vierte oder fünfte Teil seines "Heimat"-Epos. Und tatsächlich geht es hier, wie immer bei Reitz, um Sehnsucht und das, was ihr entgegensteht, das Wechselspiel aus Praxis und Theorie, um Romantik und die Illusionen, die mit ihr einhergehen.

"Mit offenen Augen träumen, eine andere Wahrheit suchen. Eine andere Wahrheit suchen. Der Sonne folgen, wenn sie hier untergeht. Das ist das Glück." Dialogzeile "Die Andere Heimat"

Wieder wendet sich Reitz dem Dorf Schabbach in den Wäldern des Hunsrück zu und mischt, indem er vom Leben dieses Dorfes und seiner Bewohner erzählt, Reales und Fiktion zu einem unverwechselbaren Ganzen. Doch nachdem er in den bisherigen Folgen das Wechselverhältnis zwischen Alltagshistorie und großer Weltgeschichte im 20.Jahrhundert erzählte und dabei bis in unsere Gegenwart nach der Jahrtausendwende vorgedrungen war, springt Reitz nun weit zurück ins 19.Jahrhundert, in die Zeit des "Vormärz" zwischen 1840 und 1847.

Im Zentrum steht ein Brüderpaar, Jakob (Jan Dieter Schneider) und Gustav Simon (Maximilian Scheidt), womöglich Vorfahren der anderen Simons, denen wir in "Heimat" begegnet sind. Ihr Leben als Söhne des Dorfschmieds ist hart, die Bauern hungern, von Missernten, Seuchen, hoher Kindersterblichkeit heimgesucht, während die Feudalherren versuchen, die in den Revolutionen erkämpften Rechte der Bürger wieder zurückzuschrauben. Viele wanderten aus. Dieses Historische der Anfänge unserer Globalisierung ist in jedem Fall gut recherchiert - und zugleich unerwartet. Wer weiß schon noch, dass viele Deutsche damals Migranten waren?

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Vergrößern Edgar Reitz Filmproduktion München

Der jüngere Sohn, Jakob, träumt vom Auswandern nach Amerika. Aber er ist ein Träumer, kein Macher. Das ist sein Bruder Gustav, und darum wird der es sein, der auswandert, während Jakob das Land der Phantasie genügt. So zeigt Reitz, wie sich Idee und Handwerk, Traum und Realismus auseinander bewegen: Die Tragik der Ausdifferenzierung, die Reitz sehr wohl auch überindividuell, prinzipiell und symbolisch meint.

Im Zentrum stehen nämlich auch die "kleinen Leute" als solche, die als Unterschicht von der Geschichtsschreibung oft ignoriert wurden. So wie man Reitz' "Heimat"-Projekt oft - ob zu recht oder zu unrecht sei hier einmal dahingestellt - nachgesagt hat, ihm gehe es darum, die Heimat zu rehabilitieren, so sehr geht es ihm wohl auch um Aufwertung dieser kleinen Leute. Ihrer Alltagserfahrung:

"Wenn wir das Leben der Armen und Underdogs erzählen wollen, finden wir nichts - denn sie haben nichts hinterlassen und meist war es ja so, dass sie bereits in der nächsten Generation ihre Häuser abgerissen haben und ihre Gebrauchsgegenstände erneuert. Es ist ja klar: Wenn man arm ist, hat man nichts zu vererben, auch an seine eigene Zukunft nicht. Und dieser Verlust aller Dinge, die wir in die Hand nehmen, ist ein großes Thema für mich geworden."

In nur zwei Jahren wanderte fast eine Million Deutsche aus. In Südwestdeutschland entleerten sich ganze Ortschaften. Denn in den von Napoleon eroberten Gebieten wurde die Leibeigenschaft abgeschafft. Nach dem Sieg der Gegenrevolution 1815 verarmten viele dieser neuen Kleinbauern, die mit der Freiheit, die sie unvorbereitet ereilte, nicht zurechtkamen. Gerade die jüngeren Geschwister, denen man nichts vererben konnte, litten Not.

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Vergrößern Edgar Reitz Filmproduktion München

Warum wanderten diese Leute plötzlich in Scharen aus? Reitz hat dafür eine eigenartige, unerwartete, aber spontan überzeugende Erklärung: Weil sie lesen konnten! 1815 führte der preußische Staat als Teil der großen Reformen die Schulpflicht ein, und sobald eine erste Generation alphabetisiert war, bildeten sich bald gerade auf dem Land allerorten Lesekreise.

Und was lasen die Leute? Bücher über ferne Länder, Abenteuer- und Reiseliteratur. Die Medien lösten ein Fernweh aus - wie man heute im Fernsehen oder Internet erfährt, wie gut es den Europäern geht, das weckt ihre Sehnsucht. Die Leute wanderten nicht wegen der Armut aus, sondern wegen ihrer Lektüre.

Die große Pauperisierungswelle und reaktionären Regierungen kamen einfach hinzu. Viele gingen damals nach Brasilien, denn der dortige Kaiser schickte Werbeagenten durch Europa, die Bauern und Handwerker von den Vorteilen des Landes überzeugen sollten.

So vergehen wie im Flug vier Filmstunden mit einer dicht gestrickten, breit ausgreifenden, ebenso leidenschaftlichen wie unsentimentalen Beschreibung eines Dorflebens vor 170 Jahren. Edgar Reitz hat eine einmalige Art, Geschichten als epische Chronik zu erzählen, voller Ruhe und Schönheit.

Woraus besteht diese einmalige Methode von Edgar Reitz, die seinen Filmen einen so einmaligen, auch eigenartigen Klang gibt? Wie im italienischen Neorealismus eines Roberto Rossellini werden auch bei Reitz manche Figuren von Laien gespielt, und immer haben alle eine überaus präzise soziale Position. Das Geschehen zwischen Einzelnem und der Gruppe - die manchmal wie ein Chor wirkt - ist immer eng verbunden, so dass man einem sozialen Körper zuguckt, einer Einheit.

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Vergrößern Edgar Reitz Filmproduktion München

Beziehungen werden visuell hergestellt, über Blicke und Kamerabewegungen. Und wieder hat der Regisseur hier in Jakob ein Alter Ego - mit ihm begibt er sich auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten. Wieder ist alles Schwarzweiß und zwischendurch gibt es ein wenig Farbe an sehr markanten Stellen. Gernot Rolls Bilder erinnern oft an niederländische Malerei - sie sollen das allerdings auch. Ein ganz eigenes Kapitel wäre einmal, die Beziehung von Reitz zur Malerei zu betrachten, besonders zu einem Maler wie Cezanne.

Die Grundhaltung ist wie immer die eines Chronisten. Reitz erzählt mit "und dann, und dann", nicht mit straffem dramatischem Bogen. "Die andere Heimat" ist gelegentlich stilisiert, dabei anti-sentimental, kühl und trotzdem voller Sehnsucht und Romantik. Das Symbolische und das Historische stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Man denkt bei diesem hervorragenden Film auch ein paarmal an Bertoluccis "1900", das ähnlich "große" und "kleine" Geschichte mischte.

Die Tragik dieser Familiengeschichte wird durch Komik und heitere Gelassenheit abgefangen. Reitz spezielle Poesie liegt in den Bildern genauso, wie in schönen, stilisierten Sätzen: "Es ist der Menschen Natur, Ernst zu machen." Und: "Freiheit ist nicht das Gegenteil von Gefangenschaft. Sondern etwas in uns."

In Schabbach glauben nicht wenige Zuschauer so etwas wie eine Wahlheimat gefunden zu haben: ein Land, in dem der hässliche Kapitalismus noch nichts zerstört hat, wo das besteht, was aus ihrer Sicht zum Wertvollsten gehört: fruchtbare Erde, Autarkie, Erzählgemeinschaft, bukolische Tauschverhältnisse, Sprache, eine Welt ohne Coca Cola und McDonalds - vorkapitalistische Wunschfantasien zwischen Bohème und Ackererde. Reitz kann man das nicht vorwerfen, aber er bedient all diese Affekte zumindest, distanziert sich nicht vor ihnen, schützt seinen Film nicht davor.

Geht es ihm denn nun darum, die Heimat zu rehabilitieren? Gewiß doch. Aber die Frage musste eher lauten: Welche Heimat? Um Aufwertung geht es nicht. Aber in Interviews formuliert Reitz Sätze, die kulturpessimistischer klingen, als er es meint:

"Auf jeden Fall habe ich das Gefühl, dass die nächste Generation eigentlich nur Müll findet von uns. Kaum etwas können wir unseren Kindern vererben - kein iPhone, keinen Computer - nichts von den heißbegehrten Gegenständen unserer Zeit. Und doch sagen wir, es sei unsere Freiheit, alles dieses zu besitzen."

Trotzdem hat Reitz das Sujet "Heimat", den Begriff wie die ihn umgebenden Mythen, von dem Ballast befreit, der ihn umgab. Seine "Heimat" ist keine Idylle. Kein Blut-und-Boden-Paradies, keine Folklore.

Viele Motive in dem neuen Film werden Reitz-Liebhaber wiedererkennen: Die Suche nach dem Absoluten bei gleichzeitiger Versenkung in die Details des Alltags. Die Lust an der Überhöhung, die Lust an einer Ordnung. Das Schwärmerische, die Grenze zum Kitsch, die Reitz wohl bewusst in Kauf nimmt, um die Sehnsucht im Kern zu treffen. Vielleicht ist Sehnsucht prinzipiell naiv. Vielleicht ist Naivität also berechtigt? Diese Fragen werden nicht direkt gestellt, aber umkreist.

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Vergrößern Edgar Reitz Filmproduktion München

Es gibt nervtötende altkluge Moralismen in diesem Film wie: "Pass gut auf, was du träumst. Träume haben ihre Zeit und gehen in Erfüllung." Es gibt wunderbar poetische Formulierungen: "die Heimat die treulose, die nichts als Knechtschaft für ihre Kinder bereit hielt". Und es gibt schöne Bosheiten, wie dieses Lied, das womöglich erfunden ist, jedenfalls nicht in alten Quellern zu entdecken: "Über die Berge kommt die Republik/ und das ganze Räuberpack/ kriegt die Rechnung präsentiert/ und muss dafür bluten."

Warum hat seinerzeit "Die Dritte Heimat" nicht wirklich funktioniert? Vielleicht, weil wir die Welt selber kennen, um die es da geht. Weil wir uns nie ganz in ihr verlieren können, nichts in ihr entdecken können, weil wir es besser wissen. Die Frage, die sich da nun stellt, ist eine doppelte: Wie, wenn sein Bild der Vergangenheit genauso historisch schief wäre, wie das der Gegenwart? Und: Wäre dies schlimm?

Es gibt ein Gegenmodell zur Heimat in "Heimat". Das ist die Technik. In diesem Fall beispielhaft an der Geschichte der Dampfmaschine des Schmiedes erzählt. An ihr wird die ganze Zeit gebaut. Einmal fliegt sie fast in die Luft. Bis Jakob dann vom Prinzip des Fliehkraftreglers erfährt und so einen einbaut - ihr Prinzip wird so beschrieben, "dass die Maschine auf sich aufpasst." Auch die Arbeitsteilung kehrt ein: "Ihr baut und ich sage Euch ob das richtig ist."

Der Zufall ist ein wichtiger Hauptdarsteller in "Heimat". Schon in früheren Teilen rückte der Regisseur die Zufälligkeit im Leben, besonders in Liebesdingen, ins Zentrum,. Wer zusammenfindet und glücklich zusammenlebt, ist nicht immer der, der zusammengehört oder gar "füreinander bestimmt" war.

Ein anderer Hauptdarsteller ist die Neugier der Menschen. Die Weltentdeckung, der Aufbruch, der schon bei den "Argonauten", einem seiner ersten Filme, im Zentrum stand. Das Begehren danach, eine andere Wahrheit zu suchen. Die Wissenschaft und hochfliegenden Träume werden in Schabbach immer konterkariert durch die Bodenständigkeit und Enge, auch durch den Ernst des Handelns. Richtig verspielt wirken die Figuren in dieser ausgezeichneten, schönen und sehr besonderen Film-Chronik selten.

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