Deutschland-Argentinien: Emotional extrem aufgeladen

Das Ballyhoo, das die Deutschen jetzt vor dem Spiel gegen Argentinien veranstalten, zeugt eher von Verunsicherung als von Stärke

Es hat schon ein gewisses "Geschmäckle", wie der Schwabe so zu sagen pflegt. Im Viertelfinale treffen nämlich morgen Nachmittag genau jene Teams aufeinander, die in ihren Achtelfinalspielen von grob fehlerhaften Schiedsrichterleistungen profitiert haben und vielleicht auch nur deswegen einen der vier Halbfinalisten unter sich ausmachen dürfen.

Die einen, weil der Italiener Rossetti ein klares Abseitstor wider besseren Wissens zum Tor erklärt hat; die anderen, weil der Referee wiederum einem klar erzielten Tor des Gegners die Anerkennung verweigert hat ( Bring on the Germans).

Begünstigte Teams

Von Dankbarkeit, Zurückhaltung oder gar Demut ist weder bei dem einen noch bei dem anderen Team etwas zu merken. Im Gegenteil, kaum waren die Diskussionen darüber abgeebbt, hob schon das Ballyhoo an.

Nachdem der argentinische Trainer, Diego Armando Maradona, Rache für die erlittene Endspielniederlage von seinen Spielern gefordert hatte, das die Deutschen vor genau zwanzig Jahren dank eines Elfmetertreffers von Andi Brehme nach einem gekonnten "Faller" von Rudi Völler gewannen, erinnerte der Ersatzkapitän der Deutschen, Bastian Schweinsteiger ( Der heimliche Leader) erneut an das unrühmliche Ende des Viertelfinalkrimis vor vier Jahren in Berlin.

Damals fühlte sich eine Reihe argentinischer Spieler nach dem verlorenen Elfmeterschießen von dem Spieler Tim Borowski provoziert. Der hatte sie nach seinem Penalty als "Quatschnasen" bezeichnet.

Weshalb es alsbald zu einer "Rauferei" zwischen den beiden Teams kam, in dessen Verlauf nicht nur der Spieler Per Mertesacker von dem Spieler Leandro Cufré ein Fußtritt in den Unterleib bekam, sondern auch Torsten Frings dem Argentinier Julio Cruz mit der Hand ins Gesicht wischte und prompt von der Fifa aufgrund eines Videobeweises mit einer Sperre für das Halbfinalspiel gegen Italien belegt wurde.

Schmutziger Fußball

"Ihre Handgreiflichkeiten von damals sind immer noch präsent", diktierte Schweinsteiger den überraschten Journalisten in die Notizblöcke ( Gibt's wieder einen Hass-Ausbruch?).

Das gelte im Übrigen auch für ihr Spiel, das er gar mit dem Begriff "schmutzig" belegte. Auf dem Platz verhielten sich die argentinischen Spieler "respektlos". Einerseits "gestikulierten sie wild herum" und versuchten durch diese Theatralik den Schiedsrichter zu beeinflussen; andererseits würden sie auf dem Platz gegen alles treten und schlagen, was sich bewegt und "gelbe Karten" für begangene Fouls von den Schiedsrichtern fordern.

Und weil der "emotionale Leader" gleich so in Fahrt war, bekamen auch die Fans ihr Fett ab. Die hätten alle einen überaus "schlechten Charakter". Statt sich auf ihre Plätze zu setzen, rotteten sie sich irgendwo im Stadion zusammen. Die anderen müssten dann im Stadion stehen oder sich andere Plätze suchen. "Die Argentinier", meinte er, "sind so".

Rundumschlag

Woher der Münchner Defensivkünstler seine Kenntnisse über das Verhalten des "argentinischen Fans" hatte, teilte er allerdings nicht mit. Sogar "der Spiegel" befand, dass er mit dieser "Attacke auf ein ganzes Land" ( Schweinsteiger eröffnet den Psychokrieg) seinem Team keinen Gefallen getan hatte.

Auch die Erinnerung an die Ereignisse von vier Jahren scheint bei dem Jungleader etwas lückenhaft zu sein. Bei seiner Attacke vergaß er nämlich, dass auch die deutschen Fans sich damals überaus aggressiv gegenüber den "Weißblauen" verhalten hatten.

Von einem "Sommermärchen" konnte damals im Berliner Olympiastadion, als es zum "Shoot out" kam, jedenfalls nicht gesprochen werden. Gnadenlos pfiffen die Zuschauer, als die Argentinier zu den "Strafstößen" antraten. Zumal auch der von Frings bedrängte Spieler Cruz einen Tag danach diesen öffentlich entlastet hatte und kundtat, von einem Schlag gar nichts gespürt zu haben.

Selbst auf der Flucht

Bei seinen "Stänkereien", die Philipp Lahm und Oliver Bierhoff bekräftigten, mag er die Spieler Maxi Rodriguez und Gabriel Heinze im Auge gehabt haben, die damals mit auf dem Platz gestanden haben und auch diesmal wieder dabei sind.

Aber für die anderen trifft das gewiss nicht zu. Vor allem auf Lionel Messi nicht, der "La Pulga", "der Floh", genannt wird. Gerade der muss ständig auf sich und seine Beine aufpassen, darauf, dass Verteidiger, die er ausspielt, nicht ihr Mütchen an ihm kühlen. Und gewiss auch nicht auf den Spiel- und Vereinskameraden Martin Demichelis. Anfang August wird es an der Säbener Straße wohl einigen Gesprächsbedarf darüber geben.

Reich an bösen Tritten

Von ungefähr kommen Schweinsteigers "Attacken" sicher nicht. Die Duelle mit der Albiceleste waren immer schon von extremen Emotionen geprägt, von bösen Tritten, üblen Attacken und anderen Nickligkeiten auf und außerhalb des Platzes.

Schon beim ersten bedeutenderen Aufeinandertreffen in Malmö bei der WM 1958 in Schweden mussten Fritz Walter und Horst Eckel verletzt vom Platz, als sich die "Gauchos" gegen allzu "gewalttätig" grätschende Deutsche mit heftigen Fouls "zur Wehr setzten".

Und auch anno 1966 beim Vorrundenkick in England oder 1990 beim Endspiel in Rom kam es zu überharten Einsätzen, die von den Referees dann auch mit Platzverweisen geahndet wurden, während bei Gastspielen in Buenos Aires deutsche Spieler noch unter ihrem Trainer Jupp Derwall mit Besuchen bei Animierdamen unangenehm auffielen.

Sich stark reden

Schließlich spricht auch die Bilanz eher zugunsten der Albiceleste. Bei den bislang achtzehn Begegnungen stehen fünf deutschen Siegen und fünf Unentschieden acht argentinische Siege gegenüber. Da braucht es schon markiger Worte, um sich selbst stark zu reden.

Offenbar hat man nicht nur das verlorene Match Ende März vor Augen, als man sang- und klanglos gegen Maradonas Team unterging. Auch beim Viertelfinalspiel in Berlin war man dem argentinischen Gegner hoffnungslos unterlegen. Wäre der damalige Trainer José Pekerman nicht auf die wahnwitzige Idee gekommen, seinen Spielmacher Juan Román Riquelme nach zwei Dritteln des Spiels auszuwechseln, hätte schon damals das "Sommermärchen" abrupt geendet.

Daher wundert es auch nicht, dass die Provokationsversuche einfach abprallten. Zu clever und selbstsicher scheint das Team diesmal wieder. Schweinsteiger solle sich lieber um seine eigenen Sachen kümmern, meinte der Mittelfeldspieler Javier Pastore auf die Frage eines deutschen Journalisten nüchtern. Er habe keine Zeit für Schweinsteiger, erklärte Maradona kühl. Sein Team sei stark genug, es werde angreifen und auf dem Platz die richtige Antwort geben.

Dieguito im Mittelpunkt

Wie überhaupt sich im argentinischen Lager alles um "Dieguito" zu drehen scheint, jenen Jungen aus Villa Fiorito, einem Elendsviertel am Rande von Buenos Aires, der vielen als der beste Spieler der Welt gilt, der jeweils auf dem Fußballrasen unterwegs war.

Unvergessen ist sein Sturmlauf im Viertelfinale gegen England 1986 in Mexiko, als er noch vor der Mittellinie den Ball aufnahm, fünf Engländer umkurvte und schließlich den Ball am Keeper Peter Shilton vorbei ins Tor schob. Und unvergessen ist auch sein Tor, das er mit der "Hand Gottes", wie er sein Handspiel später nannte, erzielte und damit die damals spielerisch überlegenen Engländer nach Hause schickte.

Schon wegen seiner Lebensführung sei er "kein guter Trainer", urteilte dagegen Pélé, der mit ihm bekanntermaßen in einer Privatfehde lebt, jüngst scharf über ihn.

Gewiss ist Maradonas Leben von etlichen Exzessen und Skandalen geprägt. Wie kein anderer lebte er stets am "Siedepunkt" (Georges Bataille), immer knapp am Exitus vorbei. Nichts ließ er aus, was das Leben aus der Bahn werfen kann: Drogen, Doping, Fettsucht und Schulden, um danach jedes Mal wieder geläutert zurückzukommen und erneut in den Sumpf zu fallen. Einen Mittelweg gibt und gab es bei ihm nicht, stellte sein Biograf Daniel Arcucci einst fest (http://www.welt.de/sport/wm2010/article8225174/Diego-Maradona-zwischen-Genie-und-Wahnsinn.html Zwischen Genie und Wahnsinn]).

Aura genügt

Aber muss ein Coach, um bei einem Turnier erfolgreich zu sein, überhaupt einen Fußballlehrerschein haben? Muss man, um ein Team zum Titel zu führen, Experte für Dieses und Jenes sein, so wie Jogi Löw das für sich beansprucht? Gibt es für Taktik und Organisation, für Defensive und Offensive, für Fitness und die Abstimmung der Laufwege nicht längst auch geeignetes Personal, das hinter den Kulissen die Dinge bewegt? Ist nicht auch Jürgen Klinsmann vor vier Jahren gut damit gefahren?

Reichen folglich nicht auch Ausstrahlung, Charisma und gelebte Leidenschaft dazu aus, vorausgesetzt, es gelingt, diese positive Energie auf die Spieler zu übertragen? Waren nicht seinerzeit auch Franz Beckenbauer und Johan Cruyff, die immer ohne Fußballlehrerschein agiert haben, extrem erfolgreich bei und mit ihren Teams? Könnte das später vielleicht mal auch bei David Beckham so sein, sollte er tatsächlich die "Three Lions" von Fabio Capello übernehmen?

Gute-Laune-Onkel

Wer sieht, wie Dieguito seine Spieler herzt, wie er jeden einzelnen nach dem Spiel umarmt, sie drückt und küsst, erkennt nicht nur, wie sehr er seine Spieler liebt, wie sehr er ihnen verbunden ist und wie sehr er ihnen vertraut, sondern auch, wie sehr sie ihn ihrerseits verehren, achten und bewundern – trotz oder gerade wegen seiner vielen Hochs und Tiefs.

Selbst im Training mimt er neuerdings den "Gute-Laune-Onkel" ( Wie auf einem Dorfplatz). Er fläzt auf dem Plastikstuhl, zelebriert ein Kunststückchen mit dem Ball oder gibt beizeiten den Rüpel vor der heimischen Presse. Nach den Trainingsspielchen, wenn die Verlierermannschaft sich ins Tor stellen muss und die Siegermannschaft nach Herzenslust auf sie "ballern" darf, stellt er sich immer mit hinzu, um danach mit den Betreuern zu balgen.

Gern wird zwar sein Hang zu Theatralik und zur Selbstinszenierung kritisiert. Doch weil er damit alle Aufmerksamkeit auf sich und sie damit von seinen Spielern abzieht, stellt er sich, wie das José Mourinho bei seinen Teams auch erfolgreich praktiziert, schützend vor seine Spieler. Die Spieler danken ihm das bislang mit guten Leistungen.

Wenn man im Lager der Deutschen mit der Heißblütigkeit der "Gauchos" rechnet, damit, dass ihr Temperament auf dem Platz wieder mal mit ihnen durchgeht und sie sich zu Tritten und Raufereien hinreißen lassen werden, der wird sich täuschen. Dieser Schuss wird nach hinten losgehen. Ein Hass-Gipfel, wie der Boulevard schon wieder menetekelt, wird es nicht.

Am Ende des Tages werden die Erfahrung, die besseren Einzelspieler und das komplettere Spielsystem über den jugendlichen Elan siegen. Daran wird auch die "einfliegende" Bundeskanzlerin nichts ändern. Der "Merkel-Dämmerung" wird sie nur eine weitere Fußnote hinzufügen.

Wie auch immer: Telepolis will wissen, wer gewinnen könnte und hat eine Umfrage gestartet: Nach dem Achtelfinale Welche Mannschaft wird Fußball-Weltmeister? Noch setzen die meisten auf Deutschland oder - an hzweiter Stelle - auf Brasilien.

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