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"Deutschland ist gerüstet und trotzt dem Terror"

Nur die Bild-Zeitung verrät den gemeinen Deutschen, wie sie sich jetzt vor dem Terror schützen sollen

Nicht dass es besonders wichtig ist, interessant ist doch immer, wie die Bild-Zeitung auf der Klaviatur der öffentlichen Erregung spielt. Da ist auch Terror immer willkommen, weswegen man nicht deeskaliert, sondern schon gerne anheizend tätig ist.

Immerhin hat sich die Bild-Zeitung auch anheischig gemacht, die Menschen konkret zu beraten, wie sie sich verhalten sollen, wenn schon die Politiker nicht sehr viel mehr sagen, als dass sie mehr oder weniger geängstigt auf Verdächtiges oder nur Ungewohntes aufmerksam sein sollen. Politiker wie Berlins Innensenator Körting sind sich nicht zu Schade, den Verdacht gleich einmal auf (fast) alle Ausländer zu lenken, mithin auf jene, deren Sprache arabisch klingt, aber auch auf die, deren Sprache man nicht versteht. Das könnte im Zweifelsfall auch ein Niederbayer oder Allgäuers ein, der sich nach Berlin verirrt hat.

"Wie kann ich mich jetzt schützen?" [1] wollen die Bild-Journalisten Inga Frenser und Franz Solms-Laubach dem gemeinen und verunsicherten Volk verraten und bieten einen "kleinen Leitfaden" an. Als erstes heißt es: "Ruhe ist jetzt erste Bürgerpflicht!" Das haben sie schön gefunden, ist aber auch der Kern der Rede des Bundesinnenministers, der meint, er könne Terrorwarnungen äußern und Normalität wahren.

Deutschland sei nicht wirklich "gerüstet" vor Terroranschlägen, wird dann durch Zitate von vermeintlichen Experten vermittelt. Um welchen konkreten Terror es sich handelt, wissen weder die Sicherheitspolitiker noch die Bild-Journalisten, aber sie haben dennoch Rat, wie man sich vor IHM schützt: "Es ist ratsam, immer die Augen für mögliche Gefahrenquellen offenzuhalten. Jeder sollte in seiner Umgebung, auf Bahnhöfen, Flughäfen oder auf belebten Plätzen auf Veränderungen, verdächtige Personen oder allein gelassene Päckchen und Gepäckstücke achten."

Was verdächtig ist, wird natürlich auch nicht gesagt. Als Beispiel wird nur ein herrenloser Koffer angeführt, wo man erst einmal herumfragen sollen, ob er nicht doch jemanden gehört, bevor man sich an die Polizei wendet – direkt dank der verstärkten Polizeipräsenz oder indirekt über die Notrufnummer. Das soll man ruhig machen, eher mehr als weniger, da Bürger "grundsätzlich" – naja – deswegen keinen Ärger mit den Behörden bekommen. Die Journalisten haben auch einen Psychologen, sogar diplomiert, gefunden, der weiß, wie man seine Angst kontrollieren kann: "Versuchen Sie Ihr Leben so normal wie möglich weiter zu führen! Die alltägliche Routine hilft, die Angst zu kontrollieren." Wo bleibt aber dann die "gelassene Wachsamkeit", die unser Bundesinnenminister von uns abverlangt?

Und dürfen wir jetzt noch auf Weihnachtsmärkte gehen? "Ja", sagt Bild, "denn wer sein normales Leben nicht einfach weiterführt, verhilft den Terroristen schon zu einem psychologischen Sieg." Fragt sich nur, warum dann die Terrorwarnung ausgegeben wurde. Irgendwie verlieren die Ratschläge dann ihre Konsistenz. Ob wir nun noch S-Bahn fahren oder mit dem Flugzeug reisen sollen, wird uns nicht klar. Aber die Journalisten – und da könnte man sich fragen, um welche Spezies es sich wirklich handelt – haben ja eine wirkliche und erbauliche Botschaft an uns Deutsche, die wir den Telepolis-Lesern einfach nicht vorenthalten können, schließlich werden den Bild-Journalisten die Köpfe geraucht haben, um den Bundesinnenministers Ratschläge für die Bildgehirne angemessen zu übersetzen:

"Die Terror-Warnung der Bundesregierung ist in dieser Form einmalig. Nie wurde hierzulande so eindringlich vor möglichen Anschlägen gewarnt. WIR Bürger müssen die Gefahr ernst nehmen!

Und wir müssen den Terroristen zeigen, dass die Deutschen in der Krise zusammenstehen - und kühlen Kopf bewahren. Die Botschaft an al-Qaida muss sein: Deutschland ist gerüstet und trotzt dem Terror."


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-1990325

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.bild.de/BILD/politik/2010/11/18/terror-alarm-wie-schuetze-ich-mich-jetzt-und/darf-ich-noch-auf-den-weihnachtsmarkt-gehen.html