Die Angst des Trainers vorm Verlieren

Die Bilanz der Euro 2012 fällt spieltechnisch ernüchternd aus. Das von vielen erhoffte Fußballspektakel ist ausgeblieben. Ballbesitz und Ballkontrolle dominieren und bestimmen das Denken der Zeit

Diesen Sonntag endet die EM 2012 im Osten Europas. Endlich, wird so mancher sagen, dem Fanmeilen und Autokorsos, Gehupe und Gegröle zu schlaftrunkener Zeit sowie die schwarzrotgoldene Beflaggung auf Wangen, Autos und an Fenstern zunehmend auf die Nerven gingen; leider, hingegen die vielen anderen, die den Fußball als emotionales Ersatzobjekt entdeckt haben, seinen Eventcharakter lieben und jetzt nach einer neuen Anschlussquelle Ausschau halten müssen, um ihre Partylaune oder ihren Hurra-Patriotismus zu stillen.

Spätestens mit Beginn der WM 2006 in Deutschland ist der Fußball modernisiert und Punkt für Punkt durchkommerzialisiert worden. Nicht nur viele neue Sponsoren sind auf die Wirkungs- und Vermarktungsmacht des Fußballs aufmerksam geworden, auf das enorme Werbeumfeld, das er Unternehmen, Personen und Verbänden liefert, um sich auf dem Markt zu positionieren.

Auch die Vereine haben seitdem wirtschaftlich aufgerüstet, um Firmen, Anhänger und Publikum noch enger an sich zu binden. Sie richteten großzügige Logenbereiche ein, verringerten das Stehplatzangebot und vermarkteten die Spielstätten zu Event-Orten. Gleichzeitig bauten sie die Internetpräsenz aus, um Fanartikel und kostenpflichtige Zusatzangebote zu verkaufen, Eintrittskarten zu vermarkten oder Diskussionen unter Fans und Anhängern zu ermöglichen.

Schließlich ist auch das mediale Angebot ungeheuer erweitert worden: Neue Magazine sind erschienen, die den Fußball zum "Lifestyle" erklären; Stadien sind von Grund auf renoviert worden, wodurch der Zuschauerschnitt der ersten Profiliga auf über vierzigtausend gestiegen ist; Jungprofis mutierten zu "Posterboys", die von Mädchenzimmerwänden strahlen oder von erwachsenen Frauen wegen ihrer muskulösen Körper, strammen Waden oder kernigen Profile angehimmelt werden.

Wer abends Fußball guckt, ob in der Kneipe oder unter freiem Himmel, in der Hotellounge oder im heimatlichen Wohnzimmer, der muss sich vermehrt mit verzückt aufkreischenden Frauenstimmen auseinandersetzen, wenn Mats Hummels an den Ball kommt und der nackte Oberkörper von Mario Gomez eingeblendet wird. Oder sich abfällige Bemerkungen anhören, wenn Cristiano Ronaldo oder Mario Balotelli sich ebenso makellos zeigen, da der eine ihnen zu arrogant ist, der andere viel zu urwüchsig und archaisch.

Mit Ruhm bekleckert haben sich während dieser fast dreieinhalb Wochen nur die wenigsten. Die UEFA nicht, die trotz absurder Schiedsrichterentscheidungen weiter strikt gegen die Einführung von Videobeweis oder Fußballchip ist, die TV-Übertragungen mit getürkten und glattgebügelten Bildern manipulierte und Zuschauer und Fachleute mit kaum durchschaubaren Rechenspielen, wie der Einzug ins Viertelfinale zu schaffen ist, verwirrte.

Das öffentlich-rechtliche Staatsfernsehen nicht, das sich häufig "am Rande wohlfeiler Aussagelosigkeit" bewegte, wenn es galt, Aufstellung und Spieltaktik zu werten und einzuordnen. Von den Reportern, die das Geschehen auf dem Rasen in die Wohnzimmer brachten, mal ganz zu schweigen. Die Häme, die den übertragenden Sendern wegen ihrer obskuren Expertenduos und ihrer intellektuell höchst flachen Vor- und Nachbereitung der Spiele aus den Zeitungen, Foren und Blogs entgegenschlugen, war mehr als gerechtfertigt.

Von der "Usedomina" und dem "Grillwurst-Olli" war da bisweilen zu lesen, "von der WOK-WM" aus dem Studio und einer "peinlichen Bierkutsche", die vom Ersten nach den Spielen in "Waldis EM-Klub" verabreicht wurde.

Aber auch viele Spieler konnten den hohen Erwartungen nicht genügen. Nach einer Kräfte zehrenden Saison wirkten sie merkwürdig müde, ausgelaugt, platt und mutlos. Zu selten konnten sie ihre beste Leistung abrufen. Vor allem jene nicht, die zu den Stars der EM zählen sollten, Wayne Rooney etwa, Arjen Robben, Robin van Persie oder Frank Ribery.

Was vor zwei Jahren schon bei der WM in Südafrika zu beobachten war, bestätigte und wiederholte sich in Polen und der Ukraine. Viele Teams waren konditionell nicht auf der Höhe, sie wirkten nicht wirklich fit und austrainiert und konnten das Tempo und die Laufbereitschaft, die verlangt waren, nicht über die die ganze Spielzeit durchhalten. Und das nicht nur wegen der Schwüle und den hohen Temperaturen, die mitunter in der Ukraine herrschten.

Diese Beobachtung konnte man nicht bloß bei den Außenseitern beobachten, bei Polen, Tschechen, Griechen und Ukrainern, sondern auch bei den Russen, Engländern und Franzosen, die mit zu den Favoriten galten. Häufig waren sie schon nach gut einer Stunde am Ende ihrer Kräfte und konnten nichts mehr zusetzen, wenn es galt, einen Rückstand aufzuholen oder auf den Siegtreffer zu drängen. Das Sinnbild dafür war Steven Gerrard, der Musterprofi des FC Liverpool, der im Spiel gegen Italien schon nach sechzig Minuten von Wadenkrämpfen geplagt wurde.

Es scheint, als ob der moderne Profi- und Spitzensport (siehe Handball, Basketball oder Eishockey) gerade an den physischen Grenzen seiner Akteure rührt, die auch durch bessere Athletik, physiologischere Betreuung oder gezieltere Ernährung nicht weiter verschiebbar oder ausdehnbar sind. Nicht immer war es bloße Enttäuschung über den verpassten oder vergebenen Sieg, der die Spieler nach neunzig Minuten zu Boden sinken ließ. Meist war es einfach die Erschöpfung, der sie in die Knie zwang, die mentale ebenso wie die körperliche.

Daher überraschte es auch kaum, dass die meisten der einunddreißig Spiele ziemlich eng gerieten und es dabei kaum zu Toren kam. Die meisten Teams beschränkten sich meist aufs Abwehren und Abwarten. Bloß nichts riskieren und durch einen fehlerhaften Pass in Rückstand geraten, stand augenscheinlich ganz oben auf der Taktiktafel. Die Null muss stehen, so lange wie möglich, schien für die meisten Trainer die Devise zu sein.

Statt das Spiel selbst zu bestimmen, den Gegner durch schnelle Passfolgen und überraschende Seiten- und Positionswechsel zu Fehlern zu zwingen, gestalteten die Mannschaften zuallererst das Spielfeld engmaschig, versuchten kompakt zu stehen und den Raum zu verdichten. Sie verschoben ihre Vierer-, manchmal gar Fünfer- und Sechserketten von links nach rechts und wieder zurück, und lauerten auf den einen Fehler, den es dann galt, mit einem blitzschnellen Konter kaltblütig auszunutzen.

Selten haben sich in einem Turnier die Worte des Holländers Louis van Gaal, wonach jede Mannschaft heute zwar gut verteidigen, aber nur wenige kreativ in den Strafraum kombinieren können, so bewahrheitet, wie bei dieser EM.

So verwundert es auch nicht, dass in jedem zweiten Match Kleinigkeiten und Widrigkeiten über Sieg und Niederlage entschieden, Stellungsfehler oder abgefälschte Bälle, Fehlentscheidungen und Pfostentreffer, die um Millimeter das Ziel verfehlten. Dass Deutschland ins Halbfinale und Spanien bis ins Finale vorstießen, hatten sie nicht nur der Klasse ihrer Spieler, sondern mitunter auch glücklichen Umständen zu verdanken.

Nur wenn relativ frühzeitig ein Treffer fiel, wie etwa in den Spielen der Ukraine gegen Schweden, Dänemarks gegen Portugal oder Schwedens gegen England, die gegnerische Mannschaft noch bei Kräften war, den Abwehrriegel lockern und zum Offensivspiel gezwungen war, ereignete sich zeitweise Spektakuläres auf dem Rasen.

Von dem in letzter Zeit in den Medien hoch gepriesenen Umschaltspiel, bei dem nach Balleroberung schnell in die Spitze gespielt oder über die Außen gekontert wird, wie es der BVB praktiziert, sah man dagegen viel zu selten.

Gewiss durfte man einige wunderbare Ballstafetten, technische Kabinettstückchen und fantastische Treffer bewundern wie den Seitfallzieher von Zlatan Ibrahimovic, den wuchtigen Kopfball von Andy Carroll, den Vollspannstoß von Kuba oder den wunderbaren "Drehhakler" von Danny Welbeck. Trotzdem verbreitete die Euro 2012 spieltechnisch wie ästhetisch wenig Glanz und bot insgesamt eine herbe Enttäuschung für die Zuseher. Dass mancher vor dem Bildschirm sanft entschlummerte und auch manchen Fan im Stadion der Schlafwunsch überwältigte, konnte eigentlich niemanden verwundern.

Immerhin stehen im Finale, da Überraschungen (sieht man mal vom frühen Ausscheiden der Holländer ab) ausblieben, die beiden spieltaktisch reifsten und besten Mannschaften des Turniers, Spanien und Italien. Schon in der Vorrunde hatten die beiden Teams die Klingen gekreuzt und dabei das beste Spiel des Turniers abgeliefert, eines, das sich auf allerhöchsten spielerischen und taktischen Niveau bewegte.

Anders als alle anderen versuchten sie sich an alternativen Modellen zum herkömmlichen und vorherrschenden System des 4-2-3-1. Dass es dabei um zwei wirtschaftlich angeschlagene Nationen handelt, die heute das Finale bestreiten und dem hoch gehandelten Klassenprimus Deutschland auch in Brüssel die Stirn gezeigt haben, ist zumindest eine hübsche Pointe am Rande.

Die einen verfeinerten (manche sagen verballhornten) ihren Stil zu einem kaum mehr zu überwindenden Bollwerk, indem sie auf einen gelernten Stürmer verzichteten und sechs Mann ins Mittelfeld schoben, die anderen wiederum belebten das Spiel mit zwei gelernten Stürmern, die relativ frei von defensiven Aufgaben die Abwehrreihen des Gegners anlaufen, während die übrigen acht in zwei variablen Viererketten, die sich mal 5-3 bzw. 3-5 formieren, das Tor verstellten.

Alle anderen spielten genau den Stiefel, den man seit Mitte der Nullerjahre kennt, in seiner offensiven oder defensiven Ausrichtung. Vor einer Vierkette bauen sich zwei defensive Mittelfeldakteure auf, vor denen dann eine Dreieroffensive agiert mit einem Stoßstürmer vorne dran. Die deutsche Elf hielt am 4-2-3-1 fest und scheiterte damit grandios an den Italienern, auch und vor allem, weil der von den Medien ob seiner goldenen Händchen gebauchpinselte Bundestrainer plötzlich zu "Übermut", ja sogar "Selbstüberhöhung" neigte und eher seinen plötzlichen Eingebungen folgte als rationalen Erwägungen.

Hätte er mehr dem Kopf als seinem Bauchgefühl vertraut, dann wäre er nicht auf die irrige Idee verfallen, die italienische Zentrale mit Andrea Pirlo, dem bislang besten Spieler des Turniers, und de Rossi mit Toni Kross, einem zusätzlichen Bayern-Loser, zuzustellen und dafür die rechte Außenposition zu opfern, auf der die Italiener gewiss zu packen gewesen wären.

Die Überlegung Jogi Löws selbst war im Prinzip gar nicht so schlecht. Nur hätte es eines echten deutschen Außenverteidigers bedurft, der diesen Raum nutzen und in Lücken stoßen konnte. Mit Boateng, der kein gelernter ist und obendrein auch den Ball nicht sonderlich gut zu behandeln weiß, war aber dies nicht zu bewerkstelligen. Weder von ihm, noch von Podolski auf der anderen Seite, kam genügend Druck auf die italienische Außenverteidigung. Im Gegenteil. Boatengs Counterpart Chiellini, ein Innenverteidiger wie er, aber zumindest mit Außenverteidigererfahrung, stieß immer wieder in diesen freien Raum, den die Deutschen ohne Not den Italienern feilgeboten hatten.

Zusätzlich verwirrte Löw mit seinen taktischen Maßnahmen die eigenen Spieler, die mit dessen Marschroute offensichtlich mental überfordert waren. Özil drängte in die Mitte und agierte wie immer in der Zentrale, ohne echte Defensivaufgaben zu erledigen, während die Italiener, weil gedanklich beweglicher und taktisch ausgebuffter, die offene Flanke, die Löws Team ihnen angeboten hatten, erkannten und folgerichtig über diese Seite auch ihre beiden Treffer erzielten.

Während sich der Bundestrainer in den letzten Jahren nur noch an der spanischen Ballfertigkeit orientierte, wohl wissend, dass Deutschlands Spieler diese hohe Kunst des schönen Spiels nie ganz werden erreichen, griff Césare Prandelli auf klassische Systeme und Spielphilosophien zurück, auf die Raute im Mittelfeld und zwei echten Vollblutstürmern, mit der das mittlerweile etwas steril wirkende 4-2-3-1 System zu knacken ist.

Mit langen, zielgenauen Pässen in die Spitze lässt sich das mit Spielern zugestellte Mittelfeld nämlich rasch überbrücken. Hat man obendrein wie die Italiener mit dem schwarzen Riesen Balotelli, dem neuen "Super Mario", einen Spieler in seinen Reihen, der dank seiner balltechnischen Fertigkeiten, jugendlichen Unbekümmertheit und sprunghaften Handlungsweisen solche Bälle technisch auch verwerten kann, dann hat man "Waffe und Instrument" an der Hand, um hochstehende Abwehrketten, die nicht mehr gewohnt sind, gegen zwei Stürmer zu agieren, auszuhebeln.

Warum der Bundestrainer Mats Hummels, der diese lange Bälle punktgenau spielen kann, dies untersagt, wird sein Geheimnis bleiben. Zumal er mit Miro Klose einen Stoßstürmer in seinen Reihen hätte, der in diese Räume sprinten könnte und mit diesen Bällen auch etwas anzufangen wüsste.

Wer hätte Abend den Titel erringt ist weitgehend offen, die Chancen stehen vermutlich 60 : 40 für Spanien. Nach Auskunft Vicente del Bosques sind seine Spieler müde. Nicht nur wegen des Halbfinals mit anschließender Verlängerung und dem mentalen Drucks eines Elfmeterschießens. Sondern auch und vor allem wegen der vielen Spiele, die den Akteuren in den Knochen stecken.

Auch die Italiener liefen im Halbfinale gegen die Deutschen etwa ab der achtzigsten Minuten auf Reserve. Die Wutausbrüche Gianluigi Buffons nach Ende des Spiels über die etwas lasche Spielweise seiner Abwehr in den letzten Minuten waren daher verständlich. Doch die Leidenschaft und der Wille, Großes zu schaffen, könnte bei den Italienern noch einen Tick größer sein als das Ziel den Spanier, eine neue Rekordmarke in Sachen Titelerringung aufzustellen.

In jedem Fall wird es ein Hochgenuss für Taktikfüchse und Taktikfanatiker sein. Ob es auch ein "schönes Spiel" wird, die hohe Kunst des Fußballs zeigt und vielleicht noch Drama und Tragödie wird, bleibt abzuwarten. Darauf freuen werden wir uns heute Abend allemal.

Von 2016 an wird die Europameisterschaft bekanntlich aufgestockt, von 16 auf dann 24 Mannschaften. In Frankreich werden dann vielleicht auch Rumänen dabei sein, Norweger, Slowenen und Schotten. Eine weitere Aufblähung des Turniers steht an, mit sechs Gruppen und einem Achtelfinale dann. Also noch mehr Spiele.

Dass dadurch die sportliche Qualität in Frankreich steigen wird, ist eher ein kühner Gedanke. Eher droht noch mehr Langeweile. Und Star- und Spitzenspieler wie Robert Lewandowski, Arjen Robben oder Wayne Rooney werden in vier Jahren noch mehr in den Seilen hängen als in diesen Tagen.

Doch um die Interessen von Spielern, Zuschauern und den Sport selbst geht es der UEFA nicht. Ihr geht wohl hauptsächlich um die Generierung neuer Geldquellen.

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