Die Eurokrise in der Eurokrise

Schuldenkrise oder nicht: nach den Leistungsbilanzsalden bleiben Überschussländer Überschussländer und Defizitländer bleiben Defizitländer

Schuldenkrise? Finanz- und Bankenkrise? Eurokrise? Mitten in der Krise herrscht immer noch Unklarheit darüber, was uns da eigentlich genau plagt. Absurd? Oder verständlich angesichts der Komplexität der Zusammenhänge?

Offensichtlich haben wir es mit mehreren interdependenten Krisenherden zu tun. Da besteht die Gefahr, einen Krisenherd zu übersehen bzw. bei den Lösungsansätzen zu vernachlässigen. Und während die Staatsschuldenkrise angegangen wird, es für die Finanz- und Bankenkrise zumindest zaghafte, vereinzelte Maßnahmen gibt (Stichwort Rekapitalisierung systemrelevanter Banken), währenddessen vernachlässigt man die Eurokrise.

Markige Rhetorik wie bei Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag ("Alles Gerede und Geschreie über eine angebliche Krise des Euro ist in Wirklichkeit leichtfertiges Geschwätz") verdeckt da nur einen Mangel an Analyse. Ja, der Euro ist im Innen- wie im Außenwert noch relativ stabil. Aber unter der glänzenden Oberfläche knirscht es. Nichts veranschaulicht das besser als folgendes Diagramm:

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Die Leistungsbilanzsalden geben die Differenz wieder zwischen dem, was in einem Land produziert wird, und dem, was in einem Land verbraucht wird. Ein Leistungsbilanzdefizit hat zur Folge, dass ein Land mehr importieren muss als es exportiert und sich dafür im Ausland verschuldet. Die Eurokrise in der Eurokrise ist eine Leistungsbilanzkrise.

Was trotz aller zufälligen und jahreszeitlichen Schwankungen der Leistungsbilanzsalden im Diagramm sofort auffällt: Überschussländer bleiben Überschussländer, Defizitländer bleiben Defizitländer. Die ungleichgewichtigen Strukturen haben sich seit Anfang 2008, also seit der Zeit vor Ausbruch der Krise, kaum geändert. Anders gesagt: Man ist trotz unzähliger Eurogipfel der Lösung der Eurokrise (die wohlgemerkt nicht die ganze Krise ist, aber ein wesentlicher Teil) nicht näher gekommen.

Eine genauere Analyse der Leistungsbilanzsalden ändert an diesem ersten Befund wenig. Ja, es gibt vor allem bei Spanien einen positiven Trend, der aber seit dem zweiten Halbjahr 2009 zu stocken scheint. Selbst die Salden von Griechenland und Portugal entwickeln sich langsam zum besseren. Vor allem bei Griechenland wird dieser Trend aber verdeckt durch die starken saisonalen Schwankungen. Im Sommer- und Urlaubsquartal weist das Leistungsbilanzsaldo regelmäßig eine Spitze auf, während die griechische Wirtschaft im Winter genauso regelmäßig in den Dornröschenschlaf zu fallen scheint. Zeichen einer starken Strukturschwäche der Wirtschaft.

Setzen wir allein auf den schwach positiven Trend, wie er sich für Griechenland vom 1. Quartal 2008 bis zum 2. Quartal 2011 berechnen lässt, brauchen wir noch weitere 8 Jahre, bis die Ungleichgewichte abgebaut und die Eurokrise bewältigt ist. Das wären 8 Jahre mit immer neuen Lohnkürzungen und Sparpaketen in den Südländern sowie 8 Jahre mit Milliardentransfers von Norden nach Süden.

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