Die Marie Antoinette der CDU

Ansgar Heveling offenbart, wie weit die Welten von Bürgern und Politikern auseinanderliegen können

Gestern veröffentlichte das Handelsblatt einen Kommentar des CDU-Politikers Ansgar Heveling, der sich nur unzureichend beschreiben, dafür aber gut verlinken lässt. Das dürfte dem Eindruck von Thomas Knüwer nach auch das Kalkül der Zeitung gewesen sein, die damit ihre IVW-Statistik ordentlich aufpolieren kann. Heveling behauptet nämlich, das Web 2.0 werde "bald Geschichte sein" und es stelle sich "nur die Frage, wie viel digitales Blut vergossen wird". Eine Begründung dafür ersetzt der Bundestagsabgeordnete durch eine Aneinanderreihung bizarrer Gewaltmetaphern, die wie eine Art Ernst-Jünger-Cargo-Kult aus der Psychiatrie wirken:

Wenn wir nicht wollen, dass sich nach dem Abzug der digitalen Horden und des Schlachtennebels nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken und wir auf die verbrannte Erde unserer Kultur schauen müssen, dann heißt es, jetzt wachsam zu sein. Also, Bürger, auf zur Wacht! Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen! […] Also, Bürger, geht auf die Barrikaden und zitiert Goethe, die Bibel oder auch Marx. Am besten aus einem gebundenen Buch!

Der CDU-Hinterbänkler aus Korschenbroich bei Mönchengladbach weilte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung allerdings nicht in einer Anstalt, sondern auf einer Festivität der Musikindustrie in Cannes. Nachdem sein Text gestern zum Aufmerksamkeitserzeuger des Tages wurde, sagte er der Süddeutschen Zeitung, er habe mit seinem "prononcierten Diskursbeitrag" (der "einen echten Diskurs über Urheberrechtsfragen" herbeiführen solle) nicht gemeint, dass das Internet "verschwindet", sondern nur "die Geisteshaltung, die hinter dem Web 2.0 steht".

Bis dahin hatte ihn allerdings nicht nur dieses Web 2.0 gründlich zerlegt: Auf Twitter gibt es mittlerweile mehrere für ihn angelegte Hashtags und mehr Heveling-Witze, als man Zeit zum Lesen hat. Sie laufen fast alle nach dem Schema ab, das Frank Rieger anwendet, wenn er schreibt: "Herr Heveling ist definitiv kein Internetausdrucker. Er lässt sich interessierende Webseiten per Hand abschreiben." Außerdem fielen häufig Vergleiche mit einer Büttenrede und noch häufiger gab es Spekulationen, welche Genussmittel Heveling wohl konsumiert, um so ein wirres Werk zustande zu bekommen. Solcher Spott fand sich zeitweise sogar auf der Website Hevelings, für deren Administration der Politiker (oder ein von ihm Beauftragter) offenbar seinen Nachnamen als Benutzernamen und seinen Vornamen als Passwort gewählt hatte.

Besonders bemerkenswert ist Hevelings offen zur Schau getragene Ahnungslosigkeit unter anderem deshalb, weil der Abgeordnete für die CDU in der Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft sitzt. Allerdings beeilten sich Unionspolitiker wie Peter Tauber und Dorothee Bär gestern mit mehr oder weniger deutlichen Distanzierungen von ihrem Fraktionskollegen. Diese Erfahrung musste Heveling bereits letzte Woche machen, als er zusammen mit Günter Krings eine Pressemitteilung zur Verteidigung von SOPA und PIPA veröffentlichte. Krings ist in Immaterialgüterrechtsfragen ähnlich gepolt wie Heveling, konnte bisher aber größere Aufmerksamkeit vermeiden, obwohl er im letzten Jahr in der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) meinte, die Dissertation von Karl-Theodor von und zu Guttenberg könne kein Plagiat sein, weil sie in einem "höchst renommierten Wissenschaftsverlag" erschienen sei, in dem er auch selbst veröffentlicht.

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