Die Max Frisch-Identität

Der Schweizer Literat arbeitete für die CIA, ohne es zu wissen

Gegen Ende seines Lebens befasste sich Max Frisch intensiv mit dem Schweizer Inlandsgeheimdienst. In der sogenannten Fichen-Affäre war 1990 bekannt geworden, dass der Schweizer Staat seinen berühmten Dichter von 1948 an 42 Jahre überwacht hatte. In seinem unvollendeten Werk Ignoranz als Staatsschutz? rechnete Frisch spöttisch mit der eidgenössischen Spitzelei ab. Allerdings lagen die Schweizer Geheimen nicht völlig falsch, denn tatsächlich war Frisch ein Geheimagent - allerdings einer, dem seine Rolle auf dem politischen Schachbrett offenbar gar nicht bewusst war.

Dieser Tage beleuchtet die Schweizer Presse das Wirken der CIA, die in den 1950er Jahren westliche Künstler förderte, solange solche sich nicht dem Kommunismus zuwandten. Auch Max Frisch kam 1951 in den Genuss eines Stipendiums der Rockefeller-Stiftung, die ihm ein Jahr in den USA ermöglichte. Die Rockefellers kooperierten aufs Engste mit der CIA.

Der mächtige Strippenzieher und späterer CIA-Direktor Allen Dulles war zeitlebens zugleich auch Rechtsanwalt des Rockefeller-Konzerns, dem der US-Geheimdienst die Voraussetzungen für Schürfrechte im Ausland besorgte. Die Rockefellers wiederum finanzierten der CIA u.a. das unheimliche MKUltra-Programm, bei dem man Menschen nicht mit Lügen, sondern mit medizinischer Gehirnwäsche in willenlose Geheimagenten verwandeln wollte. Nelson Rockefeller vertuschte als Vizepräsident die Verbrechen seiner Handlanger (Zensierter Bericht über CIA-Morde von 1975).

Das wohl effizienteste Instrument der CIA war die politische Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Export von Kultur wie Jazz und Spielfilmen, die für ein positives Verhältnis zur atombombenwerfenden Supermacht sorgten. Bewährt hatte sich dieses Konzept bereits bei den Rockefellers persönlich, die vormals die verhasstesten Personen der USA waren, bis die Rockefeller-Stiftung die intriganten Milliardäre als noble Philanthropen erscheinen ließ. Bekannteste antikommunistische Tarnorganisation war der in Paris angesiedelte Kongress für kulturelle Freiheit, wo man auch Linksintellektuelle einsammelte. Die vom Geheimdienst geförderten Künstler glaubten bis 1967, das Geld stamme von der US-Gewerkschaft American Federation of Labor.

Wie nun der Schweizer Tagesanzeiger berichtet, investierte die CIA auch in Max Frisch. Der Harvard-Professor Henry Kissinger empfing häufig deutschsprachige Autoren und Lektoren wie etwa Martin Walser und Siegfried Unseld zum Sommer-Seminar. Frischs Kontaktperson bei der Rockefeller-Stiftung Charles B. Fahs war sogar ein ehemaliger Agent des CIA-Vorläufers OSS. Fahs versuchte, Frisch zur Gründung einer politischen Zeitschrift zu bewegen. Bekannt gewordene CIA-Zeitungsgründungen in Westeuropa sind "Preuves", "Encounter" und "Der Monat".

Zwar lehnte Frisch das Angebot einer journalistische Karriere ab, jedoch schwärmte der Schweizer nach seiner Rückkehr von den Bibliotheken, Museen und der US-Verfassung, war mithin gegen sog. "Antiamerikanismus" vorläufig immun. Seine Eindrücke prägten den Roman "Stiller", der Frisch literarisch zum Durchbruch verhalf. 1956 wurde der kooperative Dichter und Architekt mit einer bezahlten Teilnahme an einer Design-Konferenz in Aspen belohnt.

Frisch war sich durchaus bewusst, dass man sich im Kulturbetrieb anzupassen hatte. So zitiert der Tagesanzeiger Frisch mit den Worten, wer mit der Regierung von Konrad Adenauer einverstanden sei, ob Künstler oder Gelehrter, werde nicht verhungern müssen. Das Radio zahle gut, wenn sie artig seien, die deutsche Industrie schmeichele sich als Mäzen allenthalben ein.

Frisch verdankte seinen Kontakten 1970 eine Einladung ins Weiße Haus, wo Kissinger inzwischen für Präsident Richard Nixon die Kriege besorgte und zu dieser Stunde Kambodscha bombardieren ließ. Frisch fragte sich, wie er zu dieser Ehre gekommen war. Tatsächlich jedoch war die ihm zugedachte Funktion gewesen, den europäischen Intellektuellen eine Identifikation mit der US-Regierung zu vermitteln, die rund um den Globus Kriege gegen arme Länder führte. Vor allem der spröde Nixon konnte Glamour von populären Künstlern gut gebrauchen. In den 1980er Jahren besaß der Starliterat in Manhattan sogar eine Wohnung.

Frischs von der CIA sorgsam gepflegte positive Einstellung zu den USA hinderte den Dichter jedoch langfristig nicht an Kritik über Washingtons Auslandspolitik. Der einst unkritisch-patriotische Weltkriegssoldat sprach sich schließlich sogar für eine Abschaffung der Schweizer Armee aus. In Zuge der Fichen-Affäre nahm Frisch trotz fortschreitender Krankheit intensiv Einsicht in seine Überwachungsakten und konnte zumindest nachhalten, inwiefern der Schweizer Geheimdienst seinen großen Sohn kontrollierte.

Der Dichter hatte insofern Glück, dass seine Akten noch vorhanden waren. Solche über die ebenfalls 1990 enttarnte Schweizer Geheimarmee P-26, die ohne gesetzliche Grundlage und ohne politische Kontrolle operiert hatte, sind gerade verschwunden.

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