Die Misere des afrikanischen Fußballs

"Undiszipliniert, uneffektiv, unstabil": Überlegungen zum verdeckten Kolonialismus vor Ghanas Viertelfinale

Wieder mal wurden große Hoffnungen geweckt: Die WM in Südafrika werde den Durchbruch des afrikanischen Fußballs bieten hieß es. Die afrikanischen Mannschaften seien bärenstark, die Elfenbeinküste hätte gar das Zeug zum Weltmeister; Nigeria, Kamerun und Ghana würden eine gute Rolle spielen und Gastgeber Südafrika sowieso. Auf derartige gönnerhafte Mythen folgte, wie immer bei diesem Thema, Enttäuschung und Ernüchterung: Nur zwei afrikanische Siege gab es für die sechs afrikanischen Nationalteams in der gesamten Vorrunde. Südafrika schied als erster Gastgeber in der WM-Geschichte schon in der Gruppenphase aus, und für Ghana wird nun allem Ermessen nach im Viertelfinale gegen Uruguay Schluss sein.

Spielball autokratischer Politik

Die Gründe der Misere sind klar: Der afrikanische Fußball ist nicht halb so stark, wie er geredet und geschrieben wird, vielmehr funktioniert auch hier der Fußball als ziemlich präziser Seismograph für politische, ökonomische und kulturelle Entwicklungen. "Wüsste man nichts über afrikanische Politik und Ökonomie im Allgemeinen, sondern nur über afrikanischen Fußball im Besonderen, so wäre er durchaus ein geeigneter Indikator, um die großen historischen Umwälzungen zu markieren, die der Kontinent in den letzten 150 Jahren durchlief", schreibt auch Gerald Hödl in einem wichtigen Aufsatz zu "Afrika in der globalen Fußballökonomie" ("Peripherie", Heft 117/2010).

Afrikanische Mannschaften sind undiszipliniert, inffektiv, überaus unstabil in ihren Leistungen. Sie sind ein Spielball autokratischer Politik und zugleich gefangen in einem mafiösen Netzwerk aus Wirtschaftsinteressen, Korruption und Kriminalität. Jüngstes Beispiel: Der nigerianische Staatschef "entließ" die nigerianische Nationalmannschaft nach deren unrühmlichen Ausscheiden und löste gleich auch noch den gesamten Verband auf. Dass derartiges auch - Beispiel Frankreich - gelegentlich in Europa vorkommt, macht es nicht besser.

Durch Fußball sollten "die Schwarzen" lernen, Autoritäten zu akzeptieren und mit Ungerechtigkeit zu leben

Fußball ist Afrika ist zunächst einmal eine koloniale Erfindung. Fußball diente keineswegs dazu, die Freizeit aktiv und sinnvoll zu gestalten. Missionare, Kolonialbeamte und Unternehmer wollten vielmehr mit seiner Hilfe Zöglinge, Untertanen und Arbeitskräfte zurichten. Fußball war ein pädagogisches Instrument, um die schwarzen Eingeborenen zu disziplinieren, um sie auf die industrielle Produktion vorzubereiten. Durch Fußball sollten "die Schwarzen" lernen, sich an Regeln zu halten, Autoritäten zu akzeptieren und vor allen Dingen auch mit Ungerechtigkeiten zu leben und umzugehen. Etwa, wenn der Schiedsrichter entscheidet, muss man sich ihm fügen - egal, ob das nun eine gerechte Entscheidung oder eine ungerechte war.

In seinem Buch "Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer. Die Tragödie des afrikanischen Fußballs" beschreibt Christian Ewers, wie die britischen Kolonialherren auf Sansibar den Fußball eingeführt und instrumentalisiert haben.

"Bitte lasst es nicht so kommen, dass Ghana Weltmeister wird"

Die heutige Situation des afrikanischen Fußballs ist alles andere als gut. Die Nationalmannschaften sind keine Weltklasseteams. Das Viertelfinale einer WM ist einstweilen das höchste der Gefühle: Bisher war es zwei Mal passiert, dass ein afrikanisches Team in ein Viertelfinale gekommen ist: Kamerun 1990 und Senegal 2002. Ghana ist jetzt die dritte Mannschaft. Nach wie vor aber ist es eine Träumerei, dass ein afrikanisches Land ins Endspiel kommt. Ein Halbfinale wäre schon das Allerhöchste der Möglichkeiten.

"Es wäre auch einer afrikanischen Mannschaft auch gar nicht zu wünschen", ergänzt Ewers in einem Gespräch:

"Ich habe während der Recherchen zu meinem Buch mit dem Chef der ghanaischen Liga gesprochen. Der hat mir gesagt: Bitte nicht! Bitte lasst es nicht so kommen, dass Ghana oder Elfenbeinküste Weltmeister wird."

Denn dann würde es heißen: Afrika habe es geschafft. Das wäre ein negatives Signal nach innen. Weil der Reformbedarf doch enorm ist.

Alle reden mit: Stammesfürsten, Könige, Stars, Staatschefs

Nach wie vor ist der alltägliche Fussballbetrieb in Afrika auf primitivem Niveau: Ein Spieler in der - reichen - ghanaischen Liga verdient 200 bis 200 US-Dollar im Monat. Wenn er das Geld bekommt. Denn die Verträge sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben wurden. Finanziert wird wie in Europa über Mäzene, Sponsoren und Medien, die für Übertragungsrechte zahlen.

Äußere Einflüsse sind viel größer: Gerade in Afrika dominiert den Fußballbetrieb ein kompliziertes Beziehungsgeflecht. Stammesfürsten, Könige, Politiker, Stars, ehemalige Stars reden mit. Staatschefs greifen in Aufstellungen ein. Die Macht der Fans ist - auch über Eintrittsgelder, auf die die Clubs angewiesen sind - so hoch, dass sie Trainer feuern können, indem sie die Spiele boykottieren oder Trainer bedrohen. Eine souveräne autokratische Position, wie sie europäische Trainer haben, wäre in Afrika undenkbar.

Darum, und weil Nachhaltigkeit nicht existiert, weil perspektivisches Arbeiten in Afrika sehr schwer ist, weil Teams und Umfeld Niederlagen nicht aushalten, an längerfristigen Planungen kaum festhalten, wenn es eine Niederlage gab, ganz dem kurzfristigen Erfolg verpflichtet sind, arbeitet in Afrika meist nur die zweite oder dritte Garnitur der Trainer. Oder ausrangierte wie Sven-Göran Erikkson für die Elfenbeinküste.

"Na ob wir den eingefangen kriegen"

Für europäische Clubs sind Afrikaner dafür billige Ware: Am Rande des Menschenhandels werden afrikanische Fußballer nach Europa importiert. Unterstützt wird das durch ein völlig idealisiertes Europabild, das in Afrika vorherrscht: Europa als das Land, wo Milch und Honig fließen. Für diejenigen wenigen, die dann auf Weltklasseniveau bezahlt werden, mag das zutreffen. Für die Masse aber kaum.

Die ersten Afrikaner spielten in den 70er Jahren in Europa. Damals galten sie "als lustige verspielte Kinder, denen man erstmal die Disziplin und die Taktik beibringen musste. Alle Schablonen wurden erfüllt". (Manfred Breuckmann)

Auch heute, so Ewers, gebe es immer noch viel latenten Rassismus:

"Ich habe mit einem Spielerberater gesprochen, der auch brasilianische Spieler vermittelt. Es sei wesentlich leichter, einen Brasilianer zu vermitteln als einen Afrikaner. Wenn ein Brasilianer kommt und Hacke-Spitze-eins-zwei-drei spielt, dann heißt es: 'Der sprüht ja, der hat Energie, der hat Ideen.' Wenn es ein Afrikaner macht, dann heißt es: 'Naja, ob wir den eingefangen kriegen.' Das ist eher Circus Krone."

Verdeckter Kolonialismus

Wie aber wirken sich die Erfahrungen in Europa auf den afrikanischen Fußball aus? Man könnte einerseits argumentieren, dass es entscheidend ist, dass Afrikaner ihren afrikanischen Weg gehen. Dass sie afrikanischen Fußball spielen. Einen Fußball, der die Kultur, die Mentalität, die Tradition berücksichtigt und verschiedene Regionaltemperamente. Was dagegen zur Zeit in Afrika auf verschiedenen Wegen geschieht, ist verdeckter Kolonialismus: Es kommen europäische Trainer in afrikanische Länder, tragen über Fussballschulen und Talentschmieden europäischen Fußballstil nach Afrika und produzieren so vor allem Nachschub für europäische Clubs.

Aber gibt es überhaupt so etwas wie afrikanischen Fußball? Es ist entspricht zumindest dem Vorurteil: Dass die Afrikaner "wie große Kinder" sind, technisch ganz vorzüglich spielen, dass ihnen aber die europäische Effizienz fehlt. Sich auf solche "afrikanische Eigenarten" zu beschränken, sie gar noch zu pflegen, würde in dieser puristischen Form bedeuten, dass der große internationale Erfolg nicht möglich wäre. Wie spielt man dann gegen ein "europäisches" Team, dass sich in der eigenen Hälfte verschanzt und mit zwei Kontern zwei Tore macht?

Ausbeutung pur durch die FIFA: Wer hat die Macht?

Einstweilen bleiben Afrika und seine Spieler also Material im großen Spiel des Weltfußballs. Ein eigenständiger Player sind sie nicht. Die Heilserwartungen, die mit der Fußball-WM verknüpft wurden, konnten nicht eingelöst werden. Was stattdessen in Südafrika in den vergangenen Jahren stattfand, war "so eine Art Heuschreckenüberfall von Seiten der FIFA" (Manfred Breuckmann).

Wie eine Karawane fielen der Weltfußballverband und die damit verbandelten Agenturen in Südafrika ein: Etwa die Agentur "Match", die alle Fluglinien, Reiseagenturen und Hotels während der WM kontrolliert, sich diverse Reglementierungen anmaßt, Tausende von Straßenhändlern vertreibt. Man muss die Frage stellen: Wer hat da eigentlich noch die Macht? Wenn die WM vorbei ist, dann zieht diese Karawane weiter und die FIFA ist um etwa vier Milliarden Euro reicher geworden. Doch die Frage: Wer hat eigentlich etwas von so einer Fußball-Weltmeisterschaft unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet? - diese Frage ist eine andere Geschichte.

Literatur:

Christian Ewers: "Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer. Die Tragödie des afrikanischen Fußballs"; Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010; 164 Seiten, 17,95 Euro

"Peripherie. Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt", Heft 117; März 2010; Thema: "fußball peripher"; Verlag Westfälisches Dampfboot; Münster 2010

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