Die Niedriglohnpolitik frisst die Mitte

Update: Die DIW-Studie zur Einkommensverteilung in Deutschland: Die Reichen werden auch in der Wirtschaftskrise reicher, die Armen noch ärmer.

Wie sieht soziale Gerechtigkeit aus? Wer muss den sprichwörtlichen Gürtel enger schnallen? Bei wem ist etwas zu holen? Die Sparpläne der Bundesregierung haben die Diskussion darüber verschärft, wer das große Schuldenpaket abtragen muss, das zu einem beträchtlichen Teil auf toxische Verhaltensweisen des Finanzkapitals zurückzuführen ist. Eine Studie zur Einkommensverteilung in Deutschland, verfasst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), heute veröffentlicht wurde, liefert jener Seite neue Argumente und Zahlen, die der Koalition vorwerfen, dass ihre "Konsolidierungspolitik" sozial unausgewogen ist.

"Das Sparpaket muss korrigiert werden"

Die Wohlhabenderen würden durch das Sparpaket geschont und die Ärmeren noch mehr belastet - auch die Studien-Verfasser des Wirtschaftsforschungsinstituts üben scharfe Kritik an den Koalitionsplänen. Das Sparpaket müsse korrigiert werden. Die Wirtschaftsforscher werfen Merkel und dem Rest des Ensembles "Unangemessenheit" vor: "Die bisherigen konkreten Vorschläge des Sparpakets (betreffen) eigentlich nur die unteren Einkommensbereiche", wird Jan Goebel vom DIW in der Pressemitteilung zitiert. Es stelle sich die Frage, "warum eigentlich die Menschen mit den hohen Einkommen keinen Sparbeitrag leisten sollen".

Hintergrund dieser Äußerungen ist ein deutlicher Einkommenspolarisierungs-Trend, den die Studienverfasser Jan Goebel, Martin Gornig und Hartmut Häußermann bei ihrer Untersuchung der Einkommensverteilung ausgemacht haben: "Arm und Reich driften in Deutschland immer weiter auseinander." Nicht nur die Anzahl Ärmerer und Reicherer wachse immer weiter - "seit zehn Jahren werden ärmere Haushalte auch immer ärmer."

Wachsender Anteil der Haushalte mit niedrigerem Einkommen

In konkreten Zahlen zeigt sich der in der Wirtschaftskrise noch weiter gewachsene große Abstand zwischen niedrigen und höheren Einkommen laut DIW derart:

"Nur 60 Prozent der Menschen in Deutschland gehören noch zur Mittelschicht, mit Nettoeinkommen zwischen 860 und 1.844 Euro. 2000 waren es noch mehr als 66 Prozent. Stark gestiegen ist vor allem die Zahl der Menschen mit niedrigem Einkommen, von 18 Prozent 2000 auf fast 22 Prozent 2009. Zudem steigt die Zahl der Menschen mit Niedrigeinkommen nicht nur immer mehr an - diese Gruppe verdient auch in absoluten Zahlen immer weniger: Verdiente ein Singlehaushalt der unteren Einkommensgruppe 2000 im Schnitt noch 680 Euro, waren es 2008 nur noch 645 Euro. Gleichzeitig ist auch der mittlere Verdienst höherer Einkommensgruppen gestiegen, von 2.400 auf 2.700 Euro - der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößerte sich also erheblich."

(Anmerkung: An dieser Stelle waren zuvor Zahlen aufgeführt, die sich auf einen Bericht der SZ bezogen. Die DIW-Studie war erst im Laufe des heutigen Tages im Netz abrufbar, die Süddeutsche Zeitung präsentierte bereits am Morgen einen Vorab-Bericht.)

In der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt sehen die Studienverfasser sie Hauptursache für die zunehmende Entfernung der Einkommensgruppen voneinander: "Wenn die Zahl der Beschäftigten zurückgeht, steigt die Zahl der Menschen in unteren Einkommensgruppen."

Die Niedriglohnpolitik der letzten Jahre in Deutschland frisst sich in die Mitte, die "Working poor" werden mehr. Dank des "deutschen Jobwunders" habe die Wirtschaftskrise 2009 "keine massiven Auswirkungen" auf die Einkommensverteilung gehabt, so die Wirtschaftsforscher. Steigende Beschäftigtenzahlen könnten den "langfristigen, relativ gleichmäßigen" Einkommenspolarisierungs-Trend nicht umkehren, heißt es, höchstens stoppen: "Dieser Trend ist besorgniserregend."

"Statuspanik" und sozialer Friede

Zieht man Mietpreise, wie sie im Extremen in München verlangt werden heran, so tut sich eine vierköpfige Familie, die ein durchschnittliches Nettoeinkommen von 1800 Euro zur Verfügung hat, schwer; eine bezahlbare Wohnung findet sich meist nur in ärmeren Vierteln am Stadtrand, an vielbefahrenen Ringstraßen, in Vierteln mit hohem Ausländeranteil oder weit außerhalb. Dass sich künftig mehr Armenviertel bilden, ist eine der Sorgen der Wirtschaftsforscher.

Die Mitte schrumpft, warnt das DIW. "Verlierer des vergangenen Jahrzehnts" ist nach ihren Zahlen eindeutig die "mittlere Einkommensgruppe". Das sei nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch ein politisches, das die Stabilität der Gesellschaft gefährde, den sozialen Frieden, die Toleranz - und zugleich Anfälligkeiten für Animositäten erhöht.

"Gerade bei den mittleren Schichten, deren Status sich auf Einkommen und nicht auf Besitz gründet, besteht eine große Sensibilität für Entwicklungen, die diesen Status bedrohen."

Der Angst vor dem Abgleiten der Mittemitglieder in untere Schichten gibt die DIW-Studie einen neuen Namen: "Statuspanik".

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