Die Nutzlosigkeit eines Lebens ohne Arbeit

Nichtstun und Gewalt beim Fantasy-Filmfest: Der fantastische Film setzt sich oft mit Extremsituationen auseinander - und obwohl die meisten davon fiktiv erscheinen, haben sie einen realistischen Kern.

In Mark Fitzpatricks "The Nothing Men" stehen die sechs titelgebenden Männer vor dem sozialen und beruflichen Nichts - im Wortsinne. Der Konzern, bei dem sie angestellt sind, hat ihren Produktionsstandort geschlossen, und damit die Arbeiter ihre Abfindung bekommen, müssen sie nun tagtäglich in das leere Fabrikgebäude gehen und den Arbeitstag dort mit Kartenspielen und Biertrinken totschlagen. Dass dieses Verhalten zu ihrer Entlassung führen könnte, wissen sie zwar, befürchten jedoch nichts - zumindest bis eines Tages ein neuer Mitarbeiter hinzukommt, den sie sofort für einen Spion der Geschäftsleitung halten. Die nun aufgrund des Verdachts selbst auferlegte Untätigkeit führt schnell zu Aggressionen - insbesondere gegen den Neuling -, die sich schließlich in Gewalt entladen.

"The Nothing Men" (Bild: Ausschnitt aus dem Trailer)

Das flexibilisierte, postfordistische Selbst trifft in "The Nothing Men" sozusagen auf seinen größten Albtraum: Die Arbeits- und damit augenscheinliche Nutzlosigkeit. Das ist ein Albtraum, der in den vergangenen Monaten für etliche Beschäftigte, wie sie die Sechs im Film archetypisch darstellen, bittere Realität geworden sein dürfte. Hatte zuletzt 2008 Gustave de Kerverns und Benoît Delépines "Louise-Michel" (in Deutschland herrlich dämlich mit "Louise hired a contract killer" umgetitelt) das Thema aufgegriffen und dabei die Aggressionen noch gegen die Firmenleitung gerichtet, so bleibt die Führungsriege in "The Nothing Men" vollständig unangreifbar - allenfalls in verbalen telefonischen Attacken kann sich der Frust nach oben entladen.

Damit diese Ohnmacht auch für den Zuschauer fühlbar wird, transportiert der Film sie in einem gewagten Experiment als Langeweile auf der Plot-Ebene: Es passiert so gut wie nichts in "The Nothing Men" - ein schwer zu ertragender und darum als Film kodiert umso beeindruckenderer Zustand.

Blutsauger

Vor einem ganz anderen Nichts stehen die Vampire im belgischen Film "Vampires" von Vincent Lannoo, als sie aus Belgien verbannt und ins kanadische Exil geschickt werden. Der Grund dafür ist folgender: Der eigentlich schon erwachsene Sohn einer Vampir-Familie (bestehend aus Vater, Mutter und zwei Teenagern) hat sich mit der Frau des Vampir-Clanchefs eingelassen, worauf eigentlich der Tod steht. Er erreicht es jedoch, die Strafe in Verbannung umwandeln zu lassen.

"Vampires" (Bild: Ausschnitt aus dem Trailer)

In Kanada herrschen allerdings andere "Lebensbedigungen" für Vampire als in Belgien: Für das finanzielle Auskommen muss gearbeitet werden, zu trinken gibt es nicht mehr Blut von leckeren, jungen, illegalen afrikanischen Einwanderern, sondern fast ausschließlich von Alten und Kranken, dafür sind in Übersee aber die Sexualkodizes lockerer, so dass sich die Vampire sexuell auch mit Menschen einlassen dürfen. Bei der Tochter der Familie feuert das adoleszente Begehrlichkeiten nur noch mehr an.

Wir erfahren von all dem in einem gefakten Dokumentarfilm: Ein TV-Team begleitet den Alltag jener Familie, skizziert deren sozialen Hintergrund und klärt über den modernen Vampirismus und seine historischen Wurzeln auf. Inszeniert ist das Ganze wie eine TV-Doku-Soap mit unsichtbar bleibenden Chronisten. Dass sie zeitweise doch ins Zentrum des Geschehens rücken liegt lediglich daran, dass sie als menschliche Journalisten für einige ihrer Dokumentarfilm-Protagonisten überaus schmackhaft erscheinen.

Deshalb ist es auch bereits die dritte Crew, die das Projekt durchzuführen versucht. Der Witz des Films liegt insbesondere im Konstatieren des Vampirismus als soziale Faktizität. Damit ist er dem ebenfalls belgischen Pseudo-Dokumentarfilm "Mann beißt Hund", der ähnliches mit einem Serienmörder lancierte, recht ähnlich. Neben der moralischen Frage, inwieweit das Team als Beobachter von Entführungen und Morden eine Mitschuld am Geschehen trägt, ist es vor allem die behauptete Authentizität des Gegenstandes, die sozusagen "frisches Blut" ins Vampirfilm-Genre bringt.

The LAW of TIGER and DRAGON

Mit Frischblut wird auch das Martial-Arts-Genre in Derek Kwoks und Clement Chengs Hongkong-Produktion "Gallant" versorgt - und das gleich im doppelten Wortsinn. Hier ist nämlich ein blutjunger Mann, der die Kunst des Kung-Fu lernen möchte, die Haupfigur. Er kommt als Fremder in einen Ort, wo er sogleich von einer streitlustigen Familie aufgemischt wird. Ein zufällig vorbeikommender Arbeiter rettet ihn. Der junge Mann möchte bei diesem Kung-Fu lernen, erfährt jedoch, dass dieser selbst nur Schüler ist und DRAGON heißt.

Zusammen mit einem anderen Schüler namens TIGER betreibt er eine Teestube, die einmal eine Kung-Fu-Schule war. Der eigentliche Meister LAW liegt nach einem Kampf schon seit 30 Jahren im Koma. Als er nach einem Überfall der Krawallmacher vom Anfang erwacht, wird die Schule wiedereröffnet und die Ausbildung der Kämpfer fortgesetzt. Schließlich geht es zum Kampf gegen die Widersacher.

"Gallants" (Bild: Ausschnitt aus dem Trailer)

Was hier klingt wie ein 70er-Jahre-Shaw-Brothers-Film ist nichts weniger als eine ironisch überhöhte Hommage an denselben. Denn die Geschichte wird im China der Gegenwart erzählt. Der junge Filmheld ist ebenfalls ein Verbannter: weil er seinem Büroleiter versehentlich einen Kaffee über die Hose geschüttet hat, wird er in eine weit abgelegene Dependance des Unternehmens geschickt - eben in den Ort des Geschehens.

Die Geschichte der Kampfschule ist in Wirklichkeit die einer Sportschule, in der Schaukampf gelehrt wurde. Das Übertragen des klassischen Sujets und der bekannten Erzählmuster in die chinesische Gegenwart ist dabei also zugleich eine Hommage, wie es die Aktualisierbarkeit von Konflikt-Erzählungen verdeutlicht: Der Kampf ums ökonomische Dasein kann eben auch als Kung-Fu-Geschichte erzählt werden.

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