Die Schöne und das Biest

Hassgipfel zwischen den holländischen und deutschen Teams sind nicht mehr angesagt

Die "Feindschaft", die es zwischen dem holländischen Team und der deutschen Elf gegeben hat, ist nicht mehr das, was sie mal war. Den "Fußballkrieg", der die Duelle der beiden Nationen lange Zeit begleitet und gekennzeichnet hat, gibt es nicht mehr. Dazu sind die Spieler und Funktionäre in beiden Lagern viel zu brav und bieder geworden.

Zwar gibt es nach Auskunft von Mark van Bommel, dem holländischen Spielführer, nach wie vor keine "Freundschaftsspiele" zwischen den Beiden. Und es herrscht immer noch eine große Gegnerschaft, mitunter sogar "tiefe Abneigung", vor allem unter den Fans und Ultras. Weshalb das Polizeiaufgebot bei den Spielen zur Kontrolle gewaltbereiter Fans auch wesentlich höher ist als bei anderen Spielen und der liebste Schlachtgesang immer noch lautet: "Deutschland, Deutschland (resp. Holland, Holland), alles ist vorbei".

Doch dank der vielen internationalen Spiele, die die Kicker jahrein, jahraus absolvieren, kennt man sich nicht nur bestens von Vereinsseite oder von Vereinswechseln; auch dank der Globalisierung, die personal bekanntlich zuallererst im Profifußball Einzug gehalten hat, begegnen sich die Spieler mitunter per Handschlag als Kollegen und Mannschaftskameraden auf dem Feld, was es von Haus aus verbietet, dem anderen als "Feind" gegenüberzutreten.

"Hassgipfel", wie es ihn zuletzt im Halbfinale der EM 1988 in Hamburg gab, als Marco van Basten die deutsche Elf kurz vor Schluss mit 2 : 1 aus dem Turnier beförderte und sein Team anschließend auch den Titel, den bislang einzigen, errang; oder wie den, zwei Jahre später im Viertelfinale der WM in Italien, als die "Abscheu" voreinander in der legendären Spukattacke Frank Rijkaards auf Rudi Völlers "Lockenpracht" seinen unrühmlichen Höhe- und Endpunkt fand, sind in dieser Form gewiss nicht mehr möglich.

Noch weniger denkbar ist, dass ein holländischer Fußballreporter deutschen Berichterkollegen den Allerwertesten nackt präsentiert, wie geschehen nach dem Sieg in Hamburg 1988; oder dass Mark van Bommel nach dem Spiel am Mittwoch, sollte die "Elftal", wie das niederländische Team genannt wird, vorzeitig ausscheiden, seinen Hintern mit dem Trikot von Mesut Özil abputzen würde wie weiland Ronald Koeman mit dem von Olaf Thon.

Damals, in den späten Achtzigern, waren derlei Hassattacken an der Tagesordnung, auf dem Rasen wie auf den Straßen vor den Stadien. Da und schon davor wurden die Duelle zu symbolischen Ersatzhandlungen hochstilisiert, auf Seiten Hollands gar als Vergeltung für die Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen während WK II. Hinzu kam, dass es galt, die Minderwertigkeitskomplexe, die das kleine Land jahrzehntelang gegen den großen Nachbarn im Osten besaß, mit manchmal überbordenden Emotionen zu kompensieren.

Andererseits war auf Seiten der deutschen "Rumpelfüßler", die mit kraftstrotzendem Panzerfußball, den damals der Lauterer Peter Briegel oder die Waldhöfer Jungs um die Abwehrrecken Jürgen Kohler und Christian Wörns repräsentierten, ein immens großer Neidkomplex im Spiel, wenn sie auf den Spielstil der Holländer angesprochen wurden, den deren Spieler meist auf den Rasen zauberten.

Den Auftakt dieser gut zwanzig Jahre währenden "Feindschaft" bildet gewiss das WM-Finale von 1974, das die beiden Nationen in München bestritten und das die niederländische Fußballnation nach eigenem Empfinden "traumatisiert" zurückließ. In den Jahrzehnten davor war Holland in den Begegnungen mit der deutschen Elf meist chancenlos geblieben. Einmal hatte die Elftal sogar mit 7 : 0 in Köln die Segel streichen müssen.

Als am 7. Juli aber die "Goldene Generation" um Johan Cruyff im Olympiastadion auflief, um zum ersten Mal mit Beckenbauer, Müller und Co. um den Fifa-WM-Pokal zu wetteifern, galt Holland nicht nur als haushoher Favorit, die Elftal spielte auch dank ihres Anführers und Spielgestalters "König Johan" den wunderbarsten Fußball der damaligen Zeit.

Unter der Regie des schmächtigen, Kette rauchenden "Johan", den David Miller, ein Journalist der "Times", einst zum "Pythagoras in Fußballschuhen" erkor und der danach, am Ende des alten Jahrtausends, zum "europäischen Jahrhundertfußballer" gekürt wurde, noch vor dem "Kaiser" Franz Beckenbauer, Alfredo di Stefano oder Ferenc Puskás, spielten die Oranjes den "Fußball der Zukunft".

Über den spielenden Mittelstürmer, den man mittlerweile als "falsche Neun" bezeichnen würde, schrieb einst der argentinische Fußballphilosoph Jorge Valdano: "Wenn man sagt, Johan Cruyff spielt wie ein Gott, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Was er eigentlich tat, war, Spiele zu regieren." Nicht nur, sondern auch den Trainer und später auch Vereine, wie Ajax Amsterdam oder den FC Barcelona, könnte man da noch anführen.

Wer über das Spiel des "Königs" mit der Nummer 14 auf dem Trikot, über seine Regentschaft auf dem Platz und in der Kabine mehr erfahren will, sollte das Buch des Sportjournalisten Dietrich Schulze-Marmeling zur Hand nehmen, wo auf wundervolle Weise die Geschichte des "glaubwürdigsten und entschiedensten Verfechters eines angriffslustigen und attraktiven Fußballs" nacherzählt wird.

Mit ihrem "Voetbal totaal", das alle Spieler, einschließlich des Torwarts, in Offensiv- und Defensivaktionen einspannt, durch Pressing und Gegenpressing den Gegner in Verlegenheit zu bringen versucht und dabei den ganzen Raum des Feldes für ihr Pass- und Kombinationsspiel nutzt, eroberte Hollands Elf die Herzen der Fans im Sturm - auch das der Deutschen.

Doch wieder einmal bewahrheitete sich ein ungeschriebenes Gesetz des Fußballs. Nicht das bessere Team verließ in München den Platz als Sieger, sondern das weitaus schlechtere. Die Deutschen, die sich davor erneut durch ein Turnier "gerumpelt" hatten, durften den neugeschaffenen Pokal, der nötig war, weil Brasilien den Coupe Jules Rimet, wie die Trophäe davor noch geheißen hatte, 1970 zum dritten Mal gewonnen hatte, in die Höhe recken.

Nach dem verlorenen Finale von München bemerkte der italienische "Corriere dello Sport" treffend: "Der Pokal ging nach Deutschland, der Ruhm jedoch an die holländische Mannschaft." Während der WM-Titel hierzulande, verglichen mit dem "Wunder von Bern" zwanzig Jahre davor, relativ wenig Resonanz auslöste, war die Aufregung und Empörung über das verlorene Endspiel in Holland dagegen riesengroß.

Ab diesem Zeitpunkt war das Klima zwischen den Nationen jedenfalls vergiftet. Nicht nur, weil nach dem Sieg Hollands über die DDR in der deutschen "Bild", Aufnahmen mit leicht bekleideten "Mädchen" aufgetaucht waren, die sich am Pool mit niederländischen Spieler vergnügten. Frau Cruyff soll ihrem Mann deswegen noch am Finalabend eine Riesenszene gemacht haben, was ihn zu einem stundenlangen Disput mit ihr am Telefon gezwungen haben soll. Sondern auch, weil sowohl Spieler als auch Fans und heimische Presse felsenfest davon überzeugt waren, dass man das Finale zu unrecht verloren hatte und von den Deutschen verschaukelt und verkauft worden war.

Denn trotz der Party mit den "Hiltruper Mädchen", wie sie Bild nannte, und trotz eines von Ehestreitigkeiten geplagten "König Johan", spielten die Oranjes auch am Finaltag wie aus einem Guss. Zwar hatte Helmut Schön in "Terrier" Bertie Vogts einen "Wadlbeißer" abkommandiert, der "König Johan" auch auf die Toilette gefolgt wäre, wenn dieser sie aufgesucht hätte. Doch schon nach wenigen Minuten wusste sich der kleine Bertie nur mit einen Foul an Cruyff zu helfen, was dann prompt zum Strafstoß und zur holländischen Führung führte.

Gleichwohl hatte das Team in Bernd Hölzenbein einen "Schwalbenkönig", der mit einem geschickten "Faller" im Strafraum den Ausgleich durch Paul Breitner provozierte. Sicherlich hatte Holland nach dem Führungstreffer von Gerd Müller, der mit einem für ihn typischen Kullerball im Fallen den späteren Siegtreffer erzielt hatte, in Halbzeit zwei noch genügend Gelegenheiten zum Ausgleich und Sieg, scheiterte aber da am überragenden Sepp Maier.

Vier Jahre später, 1978 in Cordoba/Argentinien, nahm Holland dann allerdings Rache für den "verlorenen Krieg" im Münchner Olympiastadium, wie damals in der holländischen Presse zu lesen war. Die Elftal beendete dank eines Treffers von Rene von de Kerkhof in der Zwischenrunde abrupt Deutschlands Traum von einer erfolgreichen Titelverteidigung.

Und auch 1992, wiederum vierzehn Jahre später in Göteborg, bei der dortigen EM, gelingt es Hollands Mannschaft nochmals, das Vogts-Team mit 3 : 1 zu blamieren. Was letztendlich aber nichts daran änderte, dass es der deutschen Elf gelang ins Endspiel einzuziehen, um sich dort anschließend von den Dänen vorführen zu lassen.

Von all diesen, von "Schmach" und "Schande", "Stolz" und "Hass" geprägten Emotionen, die häufig von tief sitzenden Animositäten, ja sogar Ressentiments begleitet wurden, sind bestenfalls gegenseitige "Sticheleien" übrig geblieben, die von den Boulevardmedien, von "Bild" auf der einen und "de Telegraaf" auf der anderen Seite, meist kurz vor dem Spiel noch mal hochgekocht und aufgebauscht werden. Einerseits.

Andererseits gibt es natürlich immer noch diese etwas "seltsame Rivalität", die jede Begegnung charakterisieren und sie zu einem "Prestigeduell" werden lassen. Gegenüber stehen sich, zumindest in den Köpfen der hartgesottenen Fans, zwei Spielsysteme oder Spielphilosophien, die sich aber, seitdem Jogi Löw das Team coacht, auch immer mehr anzunähern beginnen.

Lauteten die Schlagzeilen zu Zeiten Bertie Vogts, Erich Ribbecks und Rudi Völlers noch: "Rumpelfußball" gegen "Voetbol totaal", Kraft gegen Ästhetik, Panzerfußballer gegen Filigrantechniker, wenn die beiden Nachbarn aufeinander trafen, so hat das deutsche Spiel längst angefangen, den holländischen Offensivstil zu kopieren und ihn mit den deutschen Sekundärtugenden zu kombinieren. "Die Schöne und das Biest", wie man die Teams von Holland und Deutschland immer auch gern bezeichnen hat, gibt es längst nicht mehr.

Dank Jürgen Klinsmann und Jogi Löw ist das deutsche Spiel holländischer geworden, genauso wie, siehe die Kicker van Bommel und de Jong, das holländische Spiel immer deutscher. Was dann einerseits zu jenem aufregenden Spielstil der Deutschen geführt hat, den die erstaunte Fußballwelt dann erstmals bei der WM in Südafrika bewundern durfte, und der andererseits die Elftal dann sogar ins Endspiel nach Johannesburg geführt hat, wo sie sich mit rustikalen Mitteln und robuster Spieltaktik gegen das gekonnte Kurzpassspiel der Spanier behaupten wollten.

Eine gewisse Komik wohnt dem Vorrundenspiel heute Abend in jener Stadt, in der die oppositionelle Oligarchin Timoschenko einsitzt und auf ihren Prozess wartet, doch bei. Aufeinander treffen zwei Mannschaften, die ihre Auftaktspiele nur jeweils durch einen Flipperball mit viel Spielglück bzw. Spielpech unverdient gewonnen bzw. verloren haben. Mal sehen, wem am Mittwochabend kurz vor elf Uhr der Fußballgott wohl gesonnen war.

Literatur: Dietrich Schulze-Marmeling, Der König und sein Spiel. Johan Cruyff und der Weltfußball, Göttingen: Verlag Die Werkstatt 2012, 352 Seiten, 19,90 Euro

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