Die Schönheit der Frauen in Zeiten der Krise

Geht es nach einer aktuellen anthropologischen Studie so sind Frauen ohne Idealmaße besser gerüstet, um "stark, robust, wirtschaftlich erfolgreich und politisch wettbewerbsfähig" zu sein

Zu bemerkenswerten Schlüssen kommt eine wissenschaftliche Untersuchung, die in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Current Anthropology" (Link zeigt leider nur die Oktoberausgabe) veröffentlich wird. Es geht um die Form von Frauenkörpern und daraus resultierende vitale Vorteile, die Wissenschaftler damit verknüpft sehen. Konkret geht es um das Verhältnis zwischen Taille und Hüfte - im englischen Fachvokabular: "waist-to-hip ratio", WHR, zu deutsch: das Taille-Hüft-Verhältnis (THV) - als Maß der Attraktivität von Frauen und als Reaktion auf Erfordernisse des Überlebens.

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Das Schönheitsideal vielerorts ist die sogenannte "Sanduhr-Figur", die der Waist-to-Hip-Ratio von 0,7 entspricht: die "magische Zahl", was Gesundheit und die Präferenzen der Männer angeht, so der Grundtenor der bisherigen Forschung auf diesem Feld, die sich von einer etwas klischeehaften Idee der "Biologie der Schönheit" inspirieren ließ.

Wissenschaftler von der University of Utah und der University of Chicago unter der Leitung der Anthropologin Elizabeth Cashdan haben sich nun die Frage gestellt, warum die Traumfigur mit der Wespentaille nicht überall gleichermaßen attraktiv ist. Warum Frauen auf der ganzen Welt größere waist-to-hip ratios haben und "zylindrischer aussehen", als es in unseren Breitengarden als "optimal" angesehen wird. Natürlich hatten die Anthropologen dabei den Gedanken im Sinn, dass der "nicht perfekte Körper" einige größere Vorteile mit sich bringt als jene Gratifikationen, die aus der idealen Entsprechung mit Playmates herrühren - ausgehend von Analysen der Maße von Playmates hatte der Psychologe Devendra Singh die Fachwelt vor Jahrzehnten auf die WHR-Spur gebracht.

Cashdan et. al gingen eigene Wege und fanden heraus, dass in 33 nicht-westlichen und vier europäischen Populationen die durchschnittliche waist-to-hip-ratio bei über 0,8 liegt.

Die Erklärung für diese Abweichungen fanden die Wissenschaftler in den Hormonen: in Androgenen (das bekannteste ist Testosteron). Androgene vergrößern die WHR, weil sie für mehr Fett am Bauch sorgen. Anderseits sorge ein erhöhter Androgen-Level auch für größere "Stärke, Stamina und Wettbewerbsfähigkeit", so die Forscher. Zudem erwähnen sie Cortisol, das dem Körper dabei hilft, besser mit stressreichen Situationen zurechtzukommen, Nebeneffekt sei auch hier mehr Fett um die Taille herum, das sei unter bestimmten Bedingungen und Anforderungen aber tatsächlich nebensächlich, so Studienleiterin Elizabeth Cashdan:

"Das Hormon-Profil, das mit einer hohen WHR assoziiert wird [...], begünstigt den Erfolg, der mit dem Wettbewerb um Ressourcen zu tun hat, vor allem unter stressreichen Umständen. Die Wirkungen der Androgene - Stamina, Initiative, Risikobereitschaft, Durchsetzungsvermögen, Dominanz - sind besonders dort hilfreich, wo Frauen von ihren eigenen Kräften abhängig sind, um sich und ihre Familien zu unterstützen."

So sei die dünne Taille manchmal die schlechtere Wahl und der bessere Deal stattdessen die Fähigkeit, "Ressourcen anzuhäufen". Laut Elizabeth Cashdan spiegele sich diese vorteilhafte Wahl dann auch bei den Bevorzugungen der Männer wieder.

Nach ihren Forschungen ist den Männern in Japan, Griechenland und Portugal, wo Frauen ökonomisch weniger unabhängig sind, eine dünne Hüfte wichtiger - im Gegensatz zu Männern in Großbritannien oder Dänemark, wo die Gleichberechtigung der Geschlechter weiter fortgeschritten ist. Und in jenen nicht-westlichen Gesellschaften, wo Nahrung knapp ist und die Frauen, die Verantwortung haben, sie aufzutreiben, bevorzugen Männer ganz eindeutig Frauen mit einem Taille-Hüft-Verhältnis (THV) über 0,7 (die Orginal Barbie-Puppe von 1959 hat übrigens 0.59).

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Die unbedingte universale Gültigkeit der O,7 WHR/THV Wissenschaftsformel für weibliche Schönheit ist Studienleiterin Elizabeth Cashdan zufolge widerlegt: Es komme ganz auf die Umstände an, welche Ratio die Männer bevorzugen, ob ihnen ein WHR mit einem höheren oder niedrigeren Anteil von Androgenen oder Östrogenen attraktiver erscheint. Das hänge davon ab, ob wie sehr sie sich wünschen, dass ihre Gefährtin "stark, robust, wirtschaftlich erfolgreich und politisch wettbewerbsfähig" sei. Und über all dem stehe ohnehin noch eine ganz andere elementar gültige Einsicht:

"And from a woman's perspective, men's preferences are not the only thing that matters."

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