Die Unterwäsche der Banker

Mit Haut und Haar Banker sein - der Dresscode der Großbank UBS: Im Namen des "inneren Friedens und der Sicherheit" ist alles geregelt bis zur Haarspitze

Wir leben von Geschichten und also von Übertreibungen, sonst wird's fad. Der Nerd zum Beispiel, erzählt man, hat ein lausiges Äußeres, ist schlampig angezogen und wenn er in Berlin lebt, isst er täglich Döner und trägt von der Mutter gekaufte Sachen; Computermagazin-Redakteure bündeln ihr dünnes Langhaar noch immer zu Pferdeschwänzen und tragen ganzjährig Unterhosen mit Weihnachtsmotiven; Blogger wie Forumsposter sitzen im fleckigen Schlafanzug vor dem Rechner und spucken Unrat auf die Welt - solche Lästereien sind täglich während der Kaffee-oder Zigarettenpausen irgendwo zu hören oder im Netz zu lesen; reine Äußerlichkeiten, unwichtig, sagt ein Bekannter, der als IT-Berater im Home-Office arbeitet und schon mal halb nackt anzutreffen ist. Woran sich sehr deutlich, die Hierarchie seiner Besucher ablesen lässt, denn für den Fall eines Geschäftsbesuchs liegt die seriöse "suitable wardrobe" griffbereit.

Kaum ein größerer Gegensatz zum Mythos des häuslich verwahrlosten arbeitsobsessiven Nerds lässt sich nun in einem "Leak" ablesen, dessen die Schweizer Zeitung "Le Temps" habhaft geworden ist. Es handelt sich dabei um eine 44seitige Dokumentation zum Dresscode von Bankern. Die Empfehlungen für das gepflegte und korrekte äußere Erscheinungsbild der Angestellten mit Kundenkontakt stammen von der Schweizer Großbank UBS. Und sie reichen buchstäblich von den Haarspitzen bis zum Material und der Farbe der Unterwäsche ("knitterfrei" und "hautfarben").

"Eine tadelose Erscheinung vermag es, inneren Frieden und ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln", heißt es im Dossier für die Bankangestellten. Bis ins kleinste Detail wird dort geregelt, wie diese Gefühlsoase beim Treffen mit dem Kunden herzustellen ist, anthrazitfarbener Anzug, weiße Hemden/Blusen, der oberste Knopf bleibt bei Männern geschlossen, die Taschen der Damenblazer bleiben möglichst leer, um Beulen zu vermeiden, die Jacke darf im Sitzen geöffnet werden; Kragen der Bluse immer über der Jacke, die Jacke darf bei heißen Temperaturen nach Erlaubnis des Vorgesetzten ausgezogen werden, Röcke bis zum Knie - "mindestens bis 5 cm über der Mitte des Knies", ein Halstuch ist vorgeschrieben, keine auffälligen Brillen, kein auffälliger Schmuck, nicht mehr als sieben Schmuckstücke (bei Männern nicht mehr als drei); keine Tattoos, kein Piercing, altersgerechter Haarschnitt; bei gefärbtem Haar ist auf tadellose Haarwurzeln zu achten, Parfum nicht mehr in der zweiten Tageshälfte nachlegen, auffällige, glänzende Strumpfhosen sind verboten; bei Männern kein Drei-Tage-Bart, keine dicken Brieftaschen in den Sakkotaschen, schwarze Schuhe; die Brille soll beim Kundengespräch abgelegt werden, Sonnenbrillen dürfen niemals auf dem Kopf getragen werden. Empfohlen wird eine Feuchtigkeitscreme und alle vier Wochen ein Besuch beim Coiffeur, gefärbte Haare werden als "wenig überzeugend" bewertet.

Beiden Geschlechtern wird nahegelegt, während der Woche auf knoblauch-und zwiebelhaltige Speisen zu verzichten. Laut eines Anwalts, den die Schweizer Zeitung dazu befragt hat, gehen die Vorschriften derart ins Detail, dass Kriterien für eine Arbeitskleidung erfüllt werden, die dann der Arbeitgeber bezahlen muss. Die Bank spricht von einer Pilotphase und beteuert, dass man Teilnehmern Auslagen bezahlt habe.

Doch so grotesk-übergriffig sich diese Vorschriften ausnehmen mögen, die Irritationen, die Geschäftsmänner im Jeansanzug mit Cowboystiefeln (bei der UBS verboten) hervorrufen, bergen genau deshalb noch größeres komisches Potential, wie die Episode "Casual Friday" von Larry Davids "Curb your enthusiasm" zeigt. Die David-Serie setzt auf eine sehr viel radikalere Weise, mit schärferem Witz, die Aufdeckung von ungeschriebenen sozialen Kodizes fort, die in den 1990er Jahren mit "Seinfeld" angefangen hatte.

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