Die Weisheit der Spanier ist die Dummheit der Märkte

Für niedrige Zinsen muss man die Schulden vervielfachen

Ein Signal an die Märkte soll der europäische Rettungsschirm ESM geben. Diese "bestrafen" angeblich Spanien mit einem IND: Zinssatz von 7,5 Prozent pro Jahr. "Sparmaßnahmen", so predigen IWF, EU, EZB und auch die deutsche Regierung, seien nötig. Wie gut, dass die Leser und Wähler nicht die Geschichte der spanischen Staatsschulden und Zinsen kennen. Eine kleine Aufklärung aus aktuellem Anlass.

Spanien, dessen Schulden heute auf 839 Milliarden Euro geschätzt werden, hatte 1987 erschreckende 87 Milliarden Euro Schulden. Für die mussten die Iberer 10 Prozent Zinsen bezahlen. Es gab kein Maastricht-Kriterium, keine Sparkommissare, kein Basel, keine Rating-Benchmarks. In weiteren neun Jahren, also bis 1996 verdreifachten die Spanier munter ihre Staatsschulden auf beträchtliche 322 Milliarden Euro. Dies entsetzte die Anleger derart, dass sie den Zinssatz der Spanier dem veränderten Risiko anpassten: mit einem Zinssatz von exorbitanten 10 Prozent.

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Vergrößern Quelle: Basel Institute of Commons and Economics

Spätestens 1996 wussten die spanischen Finanzpolitiker: Es gibt keinerlei Zusammenhang zwischen Zinssatz und Staatsschulden. Mit dem EU-Eintritt konnten die Spanier diese Annahme bis heute beweisen. Obwohl Spanien seit 1996 seine Schulden noch einmal mehr als verdoppelt hat, rufen die Märkte nun, nach vier Jahren angeblicher Weltfinanzkrise, ein strafendes "7,5 Prozent".

Wir stellen fest: Die Spanier und ihr tüchtiger Tesoro Público haben die weltweiten Finanzmärkte fest im Griff. Sie wissen, dass die von den Volkswirten und Funktionären verbreiteten Lehren des angeblichen Zinsdruckes "der Märkte" reiner Nonsens sind. Wenn sie allerdings in Form von Bürgschaften des ESM und Anleihekäufen der EZB von diesem Nonsens profitieren können - warum nicht?

Die Spanier haben übrigens dank der marktklugen Zinsweisheit auch schon 18 Prozent Zinsen bezahlt. Das war 1984. Da hatte Spanien noch einen Anteil von 2,4 Prozent am Weltbruttosozialprodukt (heute: 1,4%) und galt seit Jahrzehnten neben Japan als wachstumsstärkstes Land der Erde.

Ja, ja, die Märkte...

Alexander Dill ist Vorstand des Basel Institute of Commons and Economics.
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