Die "geraubten Kinder" in Spanien fordern Aufklärung

Geschätzte 300.000 Kinder wurden Regimegegnern in der Franco-Diktatur geraubt

Es war ein Schock für die Spanierin María Labarga, als sie über einen ungeheuerlichen Vorgang informiert wurde: "Dein Vater hat mir erzählt, dass du nicht seine Tochter bist, sondern gekauft wurdest", sagte ihr die Tante am Telefon. Die 42-Jährige hatte zwar nie einen Verdacht, aber stets eine leise Ahnung in sich getragen, doch erst im Sterbebett rückte der Mann vor vier Jahren mit der Wahrheit heraus, den María 38 Jahre für ihren Vater hielt. Seit dabei ihr Leben aus den Angeln gehoben wurde, ist sie auf der Suche nach sich selbst. "Mein Leben ist eine Lüge, alles ist falsch, ich weiß nicht wer ich bin, wo ich geboren wurde, was passiert ist", erklärt sie.

Für 200.000 Peseten wurde María gekauft und so viel kostete 1969 eine Wohnung in Spanien. Juan Luis Moreno und Antonio Barroso gingen für jeweils 150.000 Peseten ebenfalls 1969 über den Ladentisch. In ihrem Fall geschah das in einer Gesundheitsstation von Saragossa. Ein Priester verkaufte sie an zwei befreundete Familien aus Barcelona, die keinen eigenen Nachwuchs hatten. Weil sie in der Schule stets als "Adoptivkinder" gehandelt wurden, bestätigte der "Vater" von Juan Luis kurz vor dem Tod nur noch, was er insgeheim längst wusste. Daran änderte nichts, dass in allen Urkunden die falschen Eltern als leibliche Eltern vermerkt waren. Schnell fanden auch sie heraus, dass sie keine Einzelfälle waren und schlossen sich der "Vereinigung der irregulären Adoptionen" ( Anadir) an.

Menschenhandel begann während des Franco-Regimes

Um endlich Licht in den Menschenhandel zu bringen, hat Anadir kürzlich eine Sammelklage für 261 "geraubte Kinder" eingereicht, denn ein Mantel des Schweigens breitet sich weiter über die Vorgänge aus, die zwar allseits bekannt sind, aber ihren Ursprung in den 40 Jahren der brutalen Franco-Diktatur haben. Denn auch im Fall der geraubten Kinder hat sich 36 Jahre nach dem Tod des Diktators wenig getan.

Daran hat sich auch wenig geändert, als 2004 erneut eine Regierung die Macht übernahm, die sich "sozialistisch" nennt. Und der steht mit José Luis Rodriguez Zapatero ein Ministerpräsident vor, dessen Großvater sogar von den Faschisten ermordet und in einem Massengrab verscharrt wurde. Bisher hat die Generalstaatsanwaltschaft Anadir nur mündlich mitgeteilt, "nicht die Mittel zu haben, um alle Fälle zu untersuchen". Das sollen nun Provinzstaatsanwälte leisten. Nach dem Aufschrei in der Öffentlichkeit hat sich die Generalstaatsanwaltschaft aber bereit erklärt, die Ermittlungen wenigstens zentral zu koordinieren.

Der Vorgang, die explosiven Fälle aus dem Faschismus von Madrid in die Provinz abzuschieben, ist bekannt. So geschah es auch mit den zaghaften Versuchen, etwas Licht in die Vorgänge zu bringen, die sich um zehntausende Opfer der Diktatur ranken, die noch heute in den Massengräbern liegen. Denn auch die sozialistische Regierung hat an einer wirklichen Aufarbeitung der Diktatur kein Interesse. Immer wieder knickt sie vor den Nachfahren der Diktatur ein. So schaffte es die starke postfaschistische Volkspartei (PP) und die mächtige katholische Kirche, dass aus dem Gesetz zur "Wiederherstellung der historischen Erinnerung" ein verwässertes "Gesetz zur Anerkennung und Ausweitung der Rechte der Opfer des Bürgerkriegs und der Diktatur" wurde. Rechtssicherheit wird weder in der Frage der Öffnung der Massengräber noch für die geraubten Kinder geschaffen, nur ein individueller Klageweg steht offen. Dass in diesen Fällen an Provinzgerichten viel passiert, ist zu bezweifeln, meist fehlen dort die Mittel, der Wille oder der Mut, sich mit derlei Fällen zu beschäftigen. Ohnehin schätzen bisherige Untersuchungen, dass insgesamt 300.000 Kinder geraubt wurden.

Der Anadir-Anwalt will deshalb das Ministerium für Staatsanwaltschaft in die Pflicht nehmen. In Madrid müsse eine zentrale Datenbank mit genetischen Fingerabdrücken aufgebaut werden, um die wirklichen Eltern ermitteln zu können, erklärte Enrique Vila Torres. Er geht davon aus, dass eine kriminelle "Organisation, mit ökonomischer Macht, Zwischenhändlern und Kliniken, diese Kinder angeboten hat". Behörden oder Beamte müssten ebenfalls in großer Zahle verwickelt sein: "Die Kinder wurden niemals in den Gemeinden registriert, in denen sie geboren sind", erklärt Vila.

Kinder sollten "umerzogen" werden

Zunächst war der Kinderraub politischer Natur. Die Putschisten raubten Republikanerinnen, Linken, katalanischen und baskischen Nationalistinnen in den Knästen ihre Kinder. "Wegen ihrer schädlichen Ideen" seien sie für die Erziehung ungeeignet, schreibt die franquistischen "Kinderschutzbehörde". Aus dem Bericht geht hervor, dass fünf Jahre nach deren Sieg im Bürgerkrieg, also 1944, mehr als 12.000 Kinder von Franco-Gegnern "umerzogen" wurden. Eins von ihnen war Vicente Muñiz, gegen dessen Eltern schwere Anschuldigungen konstruiert wurden. Sie wurden schließlich ermordet und liegen noch heute in einem der Massengräber. Die Zahl der geraubten Kinder stieg sogar weiter an. 1954 sollen es nach Dokumenten der faschistischen Behörde schon 54.000 gewesen sein. Meist wurde im klerikalfaschistischen Spanien die Umerziehung Klosterschulen oder Priesterseminaren übertragen. Das hatte schon Muñiz Telepolis erzählt und in den kirchlichen Einrichtungen waren die Kinder meist Opfer eines brutalen Regimes.

Später wurde dann aus dem Kinderraub ein lukratives Geschäft, das noch bis in die 1990er Jahre angedauert haben soll. Doch statt die Kinder den Frauen in den Lagern oder Knästen zu entreißen, wurde ihnen später in den Kliniken meist erklärt, sie seien bei der Geburt gestorben. Faschistische Seilschaften, die sich im Übergang zur Demokratie amnestiert wurden, dienten auch nach dem Tod des Diktators auf allen Ebenen dafür, die Geschäfte abzuwickeln, falsche Dokumente zu besorgen, etc.

Erst 1987 wurde gegen die weit verbreitete Praxis ein Adoptionsgesetz erlassen. Doch es wurde nichts getan, um die zerrissenen Familien wieder zusammenzuführen und um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Auch hier könnte sich Spanien ein Beispiel an Ländern wie Argentinien oder Uruguay nehmen, wo die Diktaturen zwar später zu Ende gingen, aber die Aufarbeitung längst in Gang ist.

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