Die kalte Schulter der Deutschen..

..und der Wunsch nach mehr Kontakt bei den Türken: Der Bericht des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zur Feindseligkeit nichtdeutscher Jugendlicher gegenüber Deutschen. Update

"Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration und Medienkonsum", so lautet der Titel des zweiten Berichts zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesinnenministeriums und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, dessen Direktor Christian Pfeiffer mit seinen Untersuchungen zur Jugendgewalt in Deutschland einige Berühmtheit erlangt hat.

Der Bericht, erschienen im Juni, erregte zu diesem Zeitpunkt große Aufmerksamkeit, weil er jungen türkischen männlichen Muslimen eine höhere Gewaltbereitschaft attestierte als anderen Migranten. Die Ergebnisse der Studie postulierten, dass die Religiosität der muslimischen Jugendlichen in Zusammenhang stehe mit der Verankerung in ihrem Glauben. Je religiöser sie sich darstellten, umso mehr würden sie "Machonormen" zustimmen, "gewalthaltige Medien" bevorzugen, häufiger "delinquente Freunde" haben und "schlechter integriert" sein (siehe dazu Junge Muslime und Gewaltbereitschaft).

Nun ist der 324 Seiten starke Bericht, dessen unterschiedliche und zahlreiche Untersuchungsergebnisse offensichtlich noch immer reichen Diskussionsstoff bereithalten, erneut in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Dabei kommt einem Ausschnitt daraus derzeit besondere Aufmerksamkeit zu, weil er Forschungsergebnisse genau zu der Diskussion beiträgt, die in den letzten Tagen besonders intensiv geführt wird: die sogenannte "Deutschfeindlichkeit" (siehe dazu Die Deutschen als Opfer). Im Abschnitt 3.5 (Seite 66) befasst sich der Bericht mit "Feindseligkeiten gegenüber Deutschen".

Dort zeigt sich, dass der Weg zu einer "sehr viel stärkeren Willkommensstruktur" in Deutschland ( Johannes Vogel, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion) weit ist, nicht nur was Bildungsunterschiede- und möglichkeiten und etwa die gegenseitige Abschottung der Wohnviertel betrifft, sondern auch die Einstellungen. KFN-Direktor Pfeiffer bringt dies der SZ gegenüber auf ein markantes Bild:

"Die Türken wünschen sich mehr Kontakt zu den Deutschen, aber die Deutschen zeigen ihnen die kalte Schulter."

Schlechte Erfahrungen deutscher Jugendlicher mit türkischen Altersgenossen, so Pfeiffer weiter, hätten zu diesem Ergebnis beigetragen: "Es gibt eine Macho-Kultur, die hier Probleme macht."

Auf die Frage, wen sie am liebsten zum Nachbarn hätten, antworteten die Schüler zum großen Teil zunächst erwartungsgemäß: "Türken wollen am liebsten andere türkische Personen als Nachbarn haben. Italiener am liebsten Italiener." Doch offenbarten sich jenseits solcher Gleichförmigkeitsbestrebungen größere Diskrepanzen - und auch antisemtische Tendenzen wurden bestätigt.

Auffallend sei, notiert der Bericht, "dass Türken und bis auf wenige Ausnahmen auch Juden bei allen Gruppen am wenigsten beliebt sind". Eine besonders hohe Abneigung gegenüber Juden als Nachbar fände sich bei Jugendlichen einer türkischen und arabischen/nord-afrikanischen Herkunft. Des weiteren fiel den Autoren die Diskrepanz zwischen türkischen und deutschen Schülern auf, was die gegenseitige Beliebtheit als Nachbar angeht.

"Während Personen mit türkischer Herkunft bei Deutschen zu den unbeliebtesten Nachbarn gehören, stehen die Deutschen bei den türkischen Schülern bei der Beliebtheitsskala an zweiter Stelle." (Genaue Tabelle auf S. 67 des Berichts)

40,9 Prozent der Türken gaben an, sie fänden deutsche Nachbarn "sehr angenehm". Umgekehrt sagten dies nur 9,2 Prozent der Deutschen über Türken in der Nachbarschaft. Angemerkt wird, dass sich diese Befunde in Ost-und Westdeutschland gleichen, obwohl in Ostdeutschland sehr viel weniger türkische Migranten leben. Der Einstellung lägen also weniger persönliche Erfahrungen oder soziale Kontakte zugrunde als Gefühle "kultureller Fremdheit", so die Interpretation der Berichtsautoren.

Was aggressive Übergriffe, die von Deutschfeindlichkeit motiviert sind, angeht, so berichtet die Studie von immerhin beinahe einem Viertel (23,7 Prozent) nichtdeutscher Jugendlicher im Westen, die "bewusst" einen Deutschen beschimpft haben; fast 5 Prozent gaben an, dass sie absichtlich einen Deutschen geschlagen haben und 2,1 Prozent haben ein von Deutschen bewohntes Haus beschädigt.

Diese Aggressionen werden eher von türkischen Jugendlichen und solchen aus dem ehemaligen Jugoslawien berichtet als von Jugendlichen anderer Herkunft. Man könne dies darauf zurückführen, dass die anderen Gruppen besser integriert sind und daher auch weniger Ablehnung seitens der Deutschen erfahren, so die Autoren. Auch gibt es ein Wechselverhältnis, dessen Ursache-Wirkungsverhältnis nicht klar zu ermitteln war: 41 Prozent der nichtdeutschen Jugendlichen, die angaben, eine "deutschfeindliche Aggression" begangen zu haben, waren selbst einmal Opfer eines Übergriffs.

Update

: Wie von einem medienkritischen Blog hingewiesen wird, lag der ursprünglichen Fassung des Textes ein Fehler zugrunde. Er ging irrtümlicherweise davon aus, dass aus der KFN-Schülerbefragung zwei "unterschiedliche Berichte" erstellt wurden. Tatsächlich handelt es sich aber um ein- und denselben "zweiten Bericht", der sowohl im Juni unter dem Stichwort "Junge Muslime und Gewaltbereitschaft" als auch aktuell im Oktober unter dem Stichwort "Deutschfeindlichkeit" großes Echo in den Medien fand. Der Fehler wurde nachträglich korrigiert. Der Autor bittet um Entschuldigung für das Versehen. Die inhaltliche Auseinandersetzung wurde davon nicht berührt.

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