Die vergessene Ölpest

Mit der Anklage gegen die Besatzung der Prestige soll die Verantwortung von Spanien abgewälzt werden

Acht Jahre nachdem der Öltanker Prestige vor Küste in Spaniens Nordwesten zerbrach, beginnt nun langsam die juristische Aufarbeitung der Katastrophe. Während derzeit auf die Ölpest im Golf von Mexiko geschaut wird, ist fast vergessen, dass hochgiftiges Öl der Prestige der Atlantikküste in Spanien, aber auch in Portugal und Frankreich, eine Umweltkatastrophe unbekannten Ausmaßes bescherte.

Dunkle Hintergründe

Seit dem 13. November 2002, als der Öltanker vor der Küste Galiciens Alarm schlug, wurde versucht, die genauen Vorgänge und die Hintergründe zu vertuschen. Es deuteten sich dunkle Verbindungen an, die bis ins Schweizer Steuerparadies Zug reichten. Dort hatte die zur russischen Alfa Gruppe gehörenden Crown Resources ihren Sitz, der das Öl gehörte. Doch die Firma wurde nach der Katastrophe sofort verkauft und in Energy, Resources and Commodities Trading Company umbenannt, die ebenfalls ihren Sitz in Zug hatte.

Die neue Firma wurde von den Schweizern kontrolliert, die bereits bei Crown die Mehrheit im Verwaltungsrat hatten. Die Beziehungen reichten bis hinauf in die spanische Regierung, die damals die ultrakonservative Volkspartei (PP) stellte. Schiffseigner war der Präsident der Unternehmervereinigung von Madrid, Fernando Fernandez‑Tapias. Der war auch Berater der Firma Remolcanosa und an ihr beteiligt. Die hatte wieder einen Exklusivertrag mit der spanischen Regierung zur "Rettung" havarierter Schiffe. In der entscheidenden Phase der Tragödie stimmte sich der damalige Regierungschef Galiciens und Ex‑Minister der Franco Diktatur, Manuel Fraga (PP), mit Tapias ab.

Ob der Prozess, der im Herbst beginnen wird, Licht in die Vorgänge bringen wird, ist zu bezweifeln. Zu den Besonderheiten gehörten nicht nur die Verbindungen zwischen dem Eigner, der Schlepperfirma und den Hintermännern in Zug, sondern auch die Tatsache, dass ein Provinzgericht im Städtchen Corcubión mit den Ermittlungen betraut wurde. Acht Jahre brauchte man Galicien, um den Prozess vorzubereiten. Dass die Staatsanwaltschaft vor allem den Kapitän aufs Korn nimmt, weist eher darauf hin, dass man ein Baueropfer sucht. Gemäß der Anklageschrift soll Apostolos Mangouras der einzige und hauptsächliche Verantwortliche für das Desaster sein.

60.000 Tonnen Öl, das in Europa als Sondermüll hätte entsorgt werden müssen, strömten ins Meer

Auch das Ministerium für Staatsanwaltschaft, das heute von den Sozialisten (PSOE) kontrolliert wird, will offenbar die Verantwortung für das Desaster von Spanien abweisen. Dabei hatte PSOE, damals in der Opposition, vor allem die Konservativen für das Desaster verantwortlich gemacht. Denn in Madrid wurde in Abstimmung mit Tapias von den Konservativen entschieden, den manövrierunfähig vor der Küste treibenden Tanker Hunderte Kilometer aufs offene Meer hinaus zu schleppen, anstatt ihn in einen Hafen zu ziehen und auszupumpen. Das führte letztlich dazu, dass er zerbrach und knapp 60.000 Tonnen Öl, das in Europa als Sondermüll hätte entsorgt werden müssen, ins Meer strömten, sich weit verteilen konnten und über 2000 Küstenkilometer verseuchten.

Neben dem griechischen Kapitän sollen auch der Erste Offizier und der Maschinenraumchef angeklagt werden. Die Staatsanwaltschaft sieht aber auch Hinweise für ein kriminelles Verhalten des Spaniers José Luis López Sors, Direktor der Handelsmarine. Doch für ihn fordern nur Nebenkläger Haftstrafen. Für den 75jährigen Kapitän, der drei Monate in Untersuchungshaft saß, werden 12 Jahre Haft gefordert. Er sei zentral verantwortlich, meint die Staatsanwaltschaft. Er habe "nicht verhindert", dass das 26 Jahre alte Schiff mit einer "ernsthaft geschwächten Struktur" den Hafen von Sankt Petersburg verließ.

Es ist durchsichtig, warum die vor allem der Kapitän verantwortlich gemacht wird. Das wirtschaftlich angeschlagene Spanien fordert eine Entschädigung in einer Höhe von über 2,2 Milliarden Euro von der Versicherung.

Anzeige