Discounter: Kostensenkung um jeden Preis?

Neue Studie über die Arbeitsbedingungen bei Zulieferbetrieben für Schnäppchen enthüllt massive Missstände

Die aufgehängten Wintermützchen, -schals und Anoraks im Kindergarten, der vom Nachwuchs zumeist ziemlich wohlhabender Eltern genutzt wird, zeigen auf einen Blick, was die kleine Plauderei zwischen Erwachsenen bestätigt, wenn es um günstige Bioprodukte geht: Besserverdienende kaufen gerne beim Discounter. Die Alltagsbeobachtung wird von einer heute veröffentlichten Studie belegt.

"In Discountläden würden verstärkt Markenwaren und eine größere Sortimentsbreite für eine zahlungskräftige Mittelschicht angeboten", heißt es dort und: "die größte Einzelgruppe der Kunden von Aldi [ist] die der Besserverdienenden". Das ist für viele wahrscheinlich keine neue Erkenntnis und für die Informierten dürfte auch das Kernergebnis der Studie von Ingeborg Wick keine Überraschung sein: die bei Aldi angebotenen billigen Aktionsprodukte werden von den Zulieferbetrieben in China unter "massiver Verletzung von Arbeitsrechten" hergestellt.

Nimmt man aber die beiden Aussagen zusammen, dann ist es ein wenig verwunderlich, wie leicht sich der Mittelstand, der sich als Papa und Mama in Erziehungsgesprächen gerne als sehr informiert und moralisch orientiert zeigt, über solches Wissen in der Realität hinwegsetzt und fleißig beim Discounter einkauft. Oder ist es letztlich die Endorphinausschüttung beim Schnäppchenmachen, die klassenübergreifend ist? Der gelungene Aldi/Lidl-Großeinkauf - Anlass für kleine, wöchentliche Victory-Zeichen von Haushaltsackermännern und -frauen? Es scheint manchmal so.

Antworten auf diese Fragen liefert die Studie, die von Wick im Auftrag des kirchlichen Südwind-Instituts angefertigt wurde, nicht. Wick hat ein andere Gruppen im Visier, die mit weniger Kaufkraft und die mit weniger Chancen auf einen Arbeitsplatz unter humanen Bedingungen. Mit der wachsenden Geldknappheit der Verbraucher, verstärkt durch die weltweite wirtschaftliche Rezession, steigen die Chancen der Billiganbieter, lautet einer der Trends, den Wick in der Einleitung ihrer breit angelegten Studie beschreibt:

Tatsächlich dürfte der Hauptgrund für eine Ausweitung des Discountgeschäfts in den kommenden Jahren in den sozialen Spaltungen und wachsenden Verarmungsprozessen liegen, die sich vor allem in den Entwicklungsländern, aber auch in Industrie- und Schwellenländern aus der weltweiten Finanzkrise und der Wirtschaftsrezession seit 2008 ergeben.

Doch es wächst nicht nur die mit der wirtschaftlichen Lage vergrößerte Bereitschaft, bei Billiganbietern einzukaufen, Wick befürchtet auch einen Anstieg derer, die bereit sind für wenig Geld und größere Schikanen die eigene Arbeitskraft bei solchen Billiganbietern feilzubieten

Inmitten wachsender Arbeitslosigkeit werden Arbeitskräfte in Discountfilialen und globalen Zulieferfabriken unmenschliche Arbeitsbedingungen verstärkt akzeptieren, um ein Einkommen zu haben; und die Bereitschaft der Verbraucher in Industrie- und Schwellenländern wird weiter steigen, ihren Konsumbedarf bei Discountern zu decken, da sich auch hier der Anteil von Armen und Niedriglohnbeziehern erhöht.

Zu den großen Kräftelinien gesellt sich ein anderer kleinerer Trend: die Gewinnung neuer Kunden durch das Schnäppchenprinzip, das Angebot sogenannter Aktionswaren, mit denen die Lebensmitteldiscounter dem Fachhandel mehr und mehr Kunden abspenstig machten. Die Sonderangebote aus dem Bereich IT, so der Aldi-Computer oder diverse Handyangebote, Haushaltswaren und Textilien, waren in den letzten Jahren große Zugnummern für Discounter, die damit sehr aggressiv auf dem Markt auftraten. Im Mittelpunkt der Studie stehen nun die Produktionsbedingungen solcher für den heimischen Fachhandel konkurrenzlos billiger Aktionsprodukte. Mehr als 40% der Aktionswaren wurden 2008 in China hergestellt. Entsprechend wurden die Arbeitsbedingungen in sechs Zulieferfabriken von Aldi im Perlflussdelta unter die Lupe genommen. In den Firmen werden von vorwiegend weiblichen Beschäftigten Elektronik -und Haushaltsgeräte, Kosmetika und Textilien hergestellt.

Die Recherchen von Wick und ihren Mitarbeiterinnen, die ihre Informationen hauptsächlich über Gespräche mit Angestellten bezogen, zum Teil auch durch Selbstversuche, erbrachten, dass die Beschäftigten unter großem Arbeitsdruck bis zu 91 Stunden pro Woche arbeiten und dafür eine Entlohnung bekommen, die zwar den offiziellen Mindestlohnbestimmungen genügt, die aber zum Leben kaum reicht:

"Der Arbeitsdruck ist enorm, und Fehler werden mit Geldbußen bestraft. Zudem werden grundlegende Rechte verletzt. Die Frauen erhalten weder Mutterschutz noch können sie unabhängige Gewerkschaften gründen."

In drei von sechs Fabriken waren die Beschäftigten nicht sozialversichert, obwohl die Arbeitgeber dazu verpflichtet wären. In allen Fabriken wurden die Arbeiter nicht ausreichend über ihre Rechte, was Arbeits-und Gesundheitsschutz angeht, aufgeklärt. Arbeitsverträge wurden auch nicht immer abgeschlossen, trotz "der enormen öffentlichen Aufmerksamkeit für das in diesem Jahr umgesetzte Arbeitsvertragsgesetz", so Wick, die konstatiert, dass die untersuchten Fabriken keinesfalls die schlimmsten im Perlflussdelta seien.

Dass Wick bei früheren Untersuchungen unter Näherinnen in China und Indonesien schlimmere Zustände vorfand, könnte vielleicht ein Anzeichen für eine allmähliche Besserung sein. Allerdings stellt sich bei vielen Produkten sich die Frage, welche unter besseren Bedingungen hergestellten Alternativen es für Verbraucher überhaupt gibt. Denn in den letzten Jahren sorgten auch Berichte über die Herstellungsbedingungen sehr teurer Produkte von Firmen wie Nike oder Apple für Schlagzeilen.

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