"Doktor" raus aus Personalausweis und Reisepass?

Die Grünen-Sprecherin Krista Sager will mit ihrem Vorschlag verhindern, dass der Doktor-Grad "für gesellschaftliche Eitelkeiten und Titelhuberei" genutzt werden kann

Krista Sager von den Grünen, Sprecherin der Bundestagsfraktion für Wissenschafts-und Forschungspolitik, will den Doktortitel aus Pass und Reisepass entfernt wissen:

"Offenkundig tut es der Wissenschaft nicht gut, wenn der Dr.-Grad zu oft für gesellschaftliche Eitelkeiten und Titelhuberei genutzt werden kann. Um den Doktor aus der Sphäre von Statuskonventionen heraus zu lösen und auf seine wissenschaftliche Bedeutung zu konzentrieren, sollte er nicht mehr im Personalausweis und im Reisepass eingetragen werden."

Laut Sager basiere die Anrede mit dem Doktortitel auf "deutschen Konventionen" und sei international "völlig unüblich".

"Deutsche Promovierende haben im Ausland einen sehr guten Ruf. Dies zu erhalten ist wichtig. Doch der Dr. im deutschen Ausweis oder als Anrede löst international eher Missverständnisse und Verwunderung aus."

Das klingt sehr groß und wichtig und dadurch auch komisch, weil es wirklichkeitsfremd ist. Ebenso übertrieben wie die Kritik an Sagers Vorschlag, die von einem CSU-Politiker stammt: Mit dem Streichungsvorschlag der Grünen würde dem Forschungsstandort Deutschland ein Bärendienst erwiesen, bläst der forschungspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Albert Rupprecht (CSU) die Backen zur heißen Luft.

Forschung und Titel sind oft unterschiedliche Welten, wovon zuletzt ja gerade Politiker die deutlichsten Exempel vorstellten. "Der Dr. wird schon häufiger geführt, vor allem von Menschen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs", stellt der frühere Mitbetreiber und Autor des ausgezeichneten Bremer Sprachblogs, der Sprachwissenschaftler (Dr.) Anatol Stefanowitsch in seinem Beitrag zu Sagers Abschaffungsplan fest.

Die Wissenschaftler selbst würden den Titel häufig nur im universitären Kontext führen. Dabei, so betont Stefanowitsch an anderer Stelle zum Stichwort Titelkämpfe, sollten ehrliche Träger von Titeln, "Dr." und "Dipl. Ing.", oder Berufsbezeichnungen wie "Meister" oder "staatlich geprüft" diese durchaus offensiv mit Stolz tragen, denn es steckt ja ein hartes Stück Arbeit dahinter. Im Gegensatz zu Adelstiteln.

Außerdem: Amerikaner zeigen ihre akadamische Titel oft, so Stefanowitsch, der Sagers Wirklichkeitssinn auch an anderer Stelle korrigiert: Eitelkeit und Titelhuberei laufen ja nicht im Pass oder im Personalausweis versteckt zur größeren, angeberischen Form auf, sondern auf Türschildern, Klingeln, Wahlplakaten und Visitenkarten.

Der entscheidende Hebel liege woanders: "Man muss entlarvte Betrüger/innen die Konsequenzen ihrer Handlungen spüren lassen." Damit ist aber nicht etwa gemeint, dass man im Personalausweis Plagiatoren im Feld für den Titel mit einem dicken X kennzeichnen könnte, wie dies jüngst ein Telepolis-Autor vorschlug, sondern die Aufforderung zum Rücktritt. Es müsse sich die Erkenntnis durchsetzen, "dass akademischer Betrug politische Karrieren beendet."

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