Ein Gutmensch mehr!

Nach Frank Schirrmacher trennt sich noch ein weiterer FAZ-Redakteur mit lautem Getöse von seinem politischen Stamm

Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns irgendwann noch einmal über die politische Links-Rechts-Konfiguration so den Kopf zerbrechen müssten wie in letzten Wochen und Monaten. Vor genau dreißig Jahre widmete die linke Kulturzeitschrift Ästhetik & Kommunikation schon mal einen dicken Sonderband der Frage, was denn eigentlich noch links sei. Eine zufriedenstellende Antwort wollte damals den Beiträgern und Diskutanten, unter ihnen Oskar Negt, Peter von Oertzen und Ossip K. Flechtheim, nicht einfallen. Die Ereignisse von 1989 haben der Linken dann die Lösung dieses Problems abgenommen und sowohl ihre Identitätssorgen als auch die kommunistische Ideologie auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt.

Nein, ich bin nicht mehr dabei, please count me out. Es war eine schöne Zeit, diese vergangenen zehn Jahre unter Rechten, ich gestehe es. Vor allem aber war sie bequem. (Lorenz Jäger)

Rechnet nicht mehr mit mir!

Gut zwei Dekaden später stellt sich offenkundig ein Déja Vu ein - allerdings unter umgekehrten politischen Vorzeichen. Denn nun scheinen auch einige der politisch eher dem rechten Lager zugeneigten Wortführer in diesem Land, die sich vor noch nicht allzu langer Zeit zu recht als Sieger des ideologischen "Bürgerkriegs" gefühlt haben durften, dank der "Exzesse des globalen Finanzkapitalismus" und der aktuellen Ereignisse rund um Euro- und Schuldenkrise, eine akute Sinn- und Identitätskrise durchzumachen. Die Automatismen der Rettungsschirmpolitik, die die Euro-Staaten neuerdings in Gang gesetzt haben, um marode Mitglieder und vor allem Banken vor dem Bankrott zu bewahren, bringen auch bei einigen namhaften Vertretern des konservativen Genres die eine oder andere politische Selbstgewissheit mächtig ins Schlingern.

War es zunächst Frank Schirrmacher ( Ich beginne zu glauben, dass die Linke Recht hat), der von einem Verrat bürgerlich-konservativer Werte und Tugenden gesprochen hatte ( Hat die Linke tatsächlich Recht?), so hat nun auch der FAZ-Redakteur Lorenz Jäger, der einige seiner Bücher (Kulturgeschichte des Hakenkreuzes, übers Freimaurertum) beim Karolinger Verlag verlegen ließ, keine Berührungsängste mit politisch strammeren Rechtskonservativen zeigt und deswegen vor Jahren von Jürgen Habermas, auch wegen einiger diesbezüglicher Artikel in der FAZ, mal zum "einschlägig bekannten Rechtsaußen des Feuilletons" befördert worden ist, dem politisch rechten Lager abgeschworen und sich zum "Gutmensch" erklärt ( Adieu Kameraden, ich bin Gutmensch).

Wirklichkeitskontakt

Nun sind solche politische Stammes- und Stimmungswechsel nichts Ungewöhnliches. Mancher Altachtundsechziger hat im Laufe der Jahre das eine politische Hemd aus- und das andere angezogen. Er ist Kamerad geworden oder Regierungsberater, hat seine plötzliche Liebe zur Nation entdeckt oder hat im Schnellkurs gelernt, wie man "Kriege verkaufen" kann. Auch die amerikanischen Neocons waren, ehe sie die Befreiungstheologie der Bush-Administration entwickelt haben, in ihrer Mehrheit Trotzkisten. Irving Kristol hat seine politische Läuterung bekanntlich mit dem mittlerweile längst geflügelten Satz begründet: Ein Neokonservativer ist "ein von der politischen Wirklichkeit geläuterter Liberaler". Warum sollte der Wirklichkeitskontakt, den Jäger für ein genuin konservatives Thema hält, also nicht auch konservative Denker, Publizisten und Aktivisten zur Einkehr oder zur Überprüfung ihrer politischen Glaubensinhalte zwingen?

Zumal auch dem politischen Konservatismus wie seinerzeit der politischen Linken quasi über Nacht nicht nur alle politischen Feindbilder abhanden gekommen sind, sondern eben auch die politischen Werte, Tugenden und Ideale. Familie, Heimat, Volk und Nation zünden nicht mehr, das Eigene ist alles als andere als gewiss und Pflicht, Dienst, Stolz, Respekt oder Leistung haben mehr oder weniger ihre Bedeutung für den politischen Diskurs verloren. Sie sind durch die Dynamik des kulturellen, globalen und vor allem digitalen Strukturwandels ins Rutschen gekommen. Die Bundes-CDU hat in Gestalt der Bundeskanzlerin und mit dem ihr eigenen Pragmatismus auf den Verlust dieser Werte mit einer Politik des Machterhalts reagiert, was bei großen Teilen ihrer Partei zu politischen Verwerfungen und auch zu großer Verärgerung geführt hat.

Der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel sah sich beispielsweise genötigt, seiner Chefin und ihrer Regierung mal gehörig die Leviten zu lesen ( Ich schweige nicht mehr länger). Dass das ausgerechnet auf einer Seniorentagung der Partei geschah, ist dabei sicher mehr als eine amüsante Fußnote. Die kurzzeitige Aufregung, die Teufels Worte in der Partei verursachten, nachdem die FAZ die Rede publiziert hatte, ist aber rasch wieder abgeebbt - auch weil er keine Lösungen für die Dilemmata des politischen Konservatismus präsentieren konnte.

Konservativ sind alle

Schließlich ist der Konservatismus, also das Bewahren von Bewährten, Gewohnten und Althergebrachten, mitnichten ein politisch rechtes Thema. Auch die politische Linke pflegt und hegt seit Langem einen sehr eigentümlichen Konservatismus. Verbreitet war und ist er vor allem in gewerkschaftlichen Kreisen, in großen Teilen der Sozialdemokratie und in sozialistischen Parteiungen, aber auch in der Ökologie-, Naturschutz- und Müslibewegung.

Auch die Linke reagiert hierzulande zunehmend immer aggressiver auf "Verlusterfahrungen": etwa auf die Hinwegsanierung ganzer Stadtviertel, auf die Zerstörung von Natur und Klima, auf die Verstaatlichung von Lebensverhältnissen, auf den technisch-wissenschaftlichen Umbau der Lebensumwelt usw. Auch die Frage nach einem"linken Konservatismus" warf die Berliner Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation (siehe Heft Nr. 36/1979) schon mal auf.

Dies zeigt, dass die Verbindung: "rechts" und "konservativ" nicht nur eine recht willkürliche, sondern auch und vor allem eine sehr relative ist, die keinesfalls als Alternativ- oder gar Gegenbegriff etwa zum Begriff "fortschrittlich" taugt. Gegen "Großindustrie" und "Hochfinanz" war auch die politische Rechte immer schon. Darum macht es auch keinen Sinn, wenn sich Lorenz Jäger, der seinerzeit in Marburg, einer studentischen wie professoralen Hochburg des damaligen SHBs und MSBs, Soziologie studiert hat, von einer, wie er im Untertitel seines Bekenntnisses erklärt, "Ideologie der Großindustrie und Kriegsverkäufer" lossagt, zu der der Konservatismus angeblich in all den Jahren verkommen sei.

Irgendwie scheint der FAZ-Redakteur ein sehr eigenwilliges Bild vom Konservatismus zu haben oder zeichnen zu wollen. Was im Prinzip verwundert, da er es aufgrund seiner Vita, seiner Publikationen und seiner Diskursbekanntschaften eigentlich besser wissen müsste. Jägers "Sehnsucht nach Maßstäben, die von oben kommen" reichen heutzutage, eingedenk der Tatsache, dass von da mittlerweile alles Mögliche kommt, bei Weitem nicht mehr aus.

Raus aus der rechten Schmuddelecke

Bemerkenswerter als der lautstarke Abschied von den "Kameraden" ist daher eher das politische "Rührstück" (im buchstäblichsten Sinn des Wortes), mit dem Lorenz Jäger seine politische "Läuterung" grundiert. Es habe ihm stets großes Vergnügen bereitet, die "politischen Korrektheiten" in diesem Land aufs Korn zu nehmen. Angesichts der seltsamen Blüten, die sie hierzulande in der letzten Dekade getrieben haben, gaben sie ihm immer die Gelegenheit, irgendetwas zu glossieren.

Doch dieses Spiel langweile ihn jetzt nicht nur, es sei auch schal geworden. Fortan habe er keine Lust mehr, den Pausenclown zu geben und jede Marotte, die Frau Roth, Herr Beck oder andere Gleichstellungsbeauftragte neu erfinden, zu kommentieren. Dafür seien die Lage jetzt zu ernst und der Konservatismus, der sich gegenwärtig in den Medien kundtue, zu oberflächlich und primitiv. Er wolle raus aus der rechten Schmuddelecke, er sei es leid, das "Feigenblatt" der Zeitung und im deutschen Feuilleton zu sein, für ein politisches Programm, dessen "ganze Richtung" nicht mehr stimme.

Das "Programm", das er meint, verblüfft allerdings. So könne er weder den Klimawandel noch Obamas Krankenversicherungsplänen oder gar den Ausstieg aus der Kernkraft für die "Panikmache von Gutmenschen" oder gar für "sozialistische Erfindungen" halten. Auch könne er die zeitgenössische "Islamkritik", die zum Signum des neuzeitlichen Konservatismus geworden sei, nicht mehr nach-, geschweige denn mitvollziehen. An ihr störe ihm, neben ihrer politischen Bedeutungslosigkeit, dass sie sich obendrein "proisraelisch" und "proamerikanisch" gebe (Jäger meint hier wohl die "Hilfstruppen" von Politically Incorrect).

Seltsames Gebräu

Nun ist der aktuelle Konservatismus, weder der hierzulande noch der im befreundeten oder im näheren Ausland, mit diesen Themen irgendwie positiv oder gar negativ aufgefallen. Klimawandel und Atomausstieg sind längst keine genuin linken Themen mehr, sondern sind längst Mainstream und ziehen sich quer durch alle Bevölkerungsschichten und politischen Lager. Sarrazin und Sloterdijk, Broder und Friedrich Merz, die er als mögliche Anführer einer rechten Sammlungsbewegung nennt, fühlen sich eher dem Sozialdemokratismus, der Aufklärung oder dem Wirtschaftsliberalismus verpflichtet als dem Antimodernismus, der katholischen Gegenmoderne und dem Konservatismus, den Jäger offenbar vertritt.

Auch ist nicht jeder Afghanistan-Kriegsbefürworter oder Islamkritiker von Haus aus ein politisch Rechter. Vielleicht ist das Herrn Jäger entgangen, aber die Islamkritik ist, und das gilt erst recht für die von ihm gescholtene Tea-Party in Amerika, auch und vor allem vom politischen Liberalismus inspiriert. Zumal es bekanntlich auch Islamkritiker geben soll, die den Islam nicht in Bausch und Bogen verdammen, weil sie in ihm einen echten Kontrapunkt zum vermeintlich westlich dekadenten Liberalismus erkennen.

Unterschiedliche Resonanz

Bemerkenswert an Jägers politischen Stellungswechsel ist aber auch, dass er mit seiner Beichte bei den FAZ-Lesern auf nur wenig Resonanz gestoßen ist. Sein Eingeständnis, Jahrzehnte lang die falschen Farben vertreten und hinter der falschen Flagge hergetrabt zu sein, war eine Woche zuvor (5. Oktober) schon in der Printausgabe der Zeitung zu lesen. Worauf er einige spöttische Bemerkungen in der taz ( Konservative schaffen sich ab) und in der FR ( Ich bin nicht mehr dabei) lesen musste. Die Erwartung der Redaktionsleitung, dass sich das mit der Freischaltung des Artikels im Netz eine Woche später (13. Oktober) ändern würde, hat sich nicht erfüllt. Bis auf den heutigen Sonntagnachmittag weist die Kommentarfunktion eine Fehlmeldung aus.

Sauer und bitter reagierten dagegen die wirklich Rechten im Land, also jene, mit denen Lorenz Jäger lange Jahre in Diskussionszusammenhängen stand. Götz Kubitschek, ehemals Leiter des Instituts für Staatspolitik und Herausgeber der rechten Intellektuellenzeitschrift Sezession warf Jäger darum Verrat an der Sache vor ( Waren wir mal, Kameraden?). Und auch die Jungkonservativen der Jungen Freiheit, die ihn für einen Steigbügelhalter zum bürgerlichen Mainstream hielten, der ihren Belangen sehr aufgeschlossen gegenübersteht, sahen sich von ihm getäuscht und waren daher enttäuscht ( Der Aussteiger).

Wen interessiert’s

Mit all dem will ich nur sagen: So einfach verhalten sich die Dinge, wie sie sich Herr Jäger anno 2011 macht, nicht. Sein Bekenntnis mag ein persönliches sein. Als solches ist es auch zu respektieren. Die Frage ist nur, ob man derartige Geständnisse mit viel Getöse in die Öffentlichkeit tragen muss.

Lorenz Jäger mag für gewisse Kreise ein Symbol sein, einer der letzten politisch rechten Aufrechten, der sich nonkonform verhielt, ein Solitär sein und Ausnahme sein wollte und sich dem herrschenden Sozialdemokratismus des deutschen Feuilletons verweigerte. Aber so wichtig ist der FAZ-Redakteur nun auch wieder nicht, als dass man sich über seinen politischen Stammeswechsel ereifern müsste. "Ein guter Mensch mehr" halt, wie Die Presse aus Österreich treffend kommentierte

Bleibt nur zu hoffen, dass Jägers Bekenntnisse und Eingeständnisse keine Schule machen. Nicht dass auch noch andere auf die Idee kommen, sich öffentlich ob der schlimmen Verhältnisse auszuheulen.

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