Ein Marshall-Plan für Südeuropa?

Die europäische Staatsschuldenkrise hat ein (west)deutsches Vorbild. Ob es zur Lösung der Krise taugt, ist aber höchst umstritten

Wirtschaftshistorische Betrachtungen sind hierzulande eher selten geworden. Lehrstühle dafür gibt es in Deutschland kaum noch. Mit Beginn der Finanzkrise anno 2008 hat sich das aber geändert. Das Interesse an der Deutung und geschichtlichen Einordnung wirtschaftlicher Prozesse ist gewachsen, besonders in den überregionalen Tageszeitungen und Wochenblättern. Verwundern sollte das allerdings nicht. Der Blick schweift gern in die Vergangenheit, wenn die Zukunft verhangen und im Nebel liegt.

I almost cut my hair...
I feel like I owe it to someone
David Crosby[/b]
Ob die Menschen aus der Geschichte am Ende auch etwas lernen, ist allerdings umstritten. Auch und erst recht unter Fachleuten. Anschauungsmaterial für die eine oder die andere Ansicht gibt es zuhauf. Gewiss lernen sie etwas dabei, die Frage ist allerdings, ob sie bei all den Ausflügen in die Vergangenheit auch das Richtige lernen, ob sie die entsprechende Schlüsse daraus ziehen und ob sie das dann auch auf die jeweilige Situation passgenau übertragen.
Das gilt insbesondere, ganz aktuell und im konkreten Fall für die europäische Schuldenkrise. Seit nunmehr fünf Jahren brennt sie Parlamenten und Eliten, Regierenden und Bürgern auf den Nägeln. Sie verursacht nicht nur heftiges Magengrimmen bei allen Beteiligten und hat so manche demokratisch legitimierte Führungsclique aus Amt und Verantwortung gejagt, sie ist auch "Dauergast" auf den vorderen Seiten der großen und kleinen Gazetten des Landes.
Dabei gibt es für die europäische Krise, das machte unlängst Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der "London School of Economics" im Nymphenburger Schlossrondell bei der "Carl Friedrich von Siemens Stiftung" deutlich, ein geschichtliche Vorbilder:
Erstens, die deutsche Schuldenkrise in der Weimarer Zeit; zweitens, der Versuch der Regierung Brüning, sie mit einer Austeritätspolitik, also etwa mit Kürzungen von Pensionen, der Entlassung von Staatsdienern und der Senkung von Löhnen zu lösen; und drittens, mit dem "Marshallplan" der US-Regierung, der das notleidende, vom Krieg fast vollkommen zerstörte Westeuropa post WK II wirtschaftlich wieder auf die Beine brachte.

Für das "European Recovery Program", kurz ERP genannt, der auf Initiative des damaligen US-Außenministers George C. Marshall zustande kam, gab es außer den materiellen Hilfen für die an Hunger leidenden Bevölkerungen Europas noch zwei weitere wichtige Gründe, ideologie- und wirtschaftpolitische. Einerseits sollte der Gefahr einer weiteren Expansion des Sowjetkommunismus nach Westeuropa ein Riegel vorgeschoben werden; andererseits suchte die US-Regierung nach neuen und weiteren Absatzmärkten für die amerikanische Überproduktion.

All diese Gründe sind weidlich bekannt, sie stehen nicht nur in jedem Lehrbuch, sie werden den Schülern in der gymnasialen Oberstufe auch so beigebracht und können zudem in der Wikipedia jederzeit nachgelesen werden. Dort erfährt man auch, dass das Stützungsprogramm, das der ERP unterhielt, eher unbedeutend für den beginnenden Aufschwung und den sich ausbreitenden Wohlstand in Westdeutschland nach dem Kriege war.

Zumal es sich bei den US-Wiederaufbauhilfen, das vorwiegend aus Rohstoffen und Krediten, Waren und Lebensmitteln bestand und von 1948 bis 1952 währte, um (aus heutiger Sicht und angesichts der Summen, die die europäischen "Rettungsschirme, EFSM und ESM, verschlingen) läppische 13 Milliarden US-Dollar handelte, was einem heutigen Gegenwert von knapp 80 Milliarden Euro, und das verteilt auf vier Jahre, entspricht. Etliche Historiker sprechen daher auch gern und mit Fug und Recht von einem "Mythos" oder einer "Legende", die sich seitdem um den Erfolg und die Wirkungen des Marshallplans gebildet hat.

Doch diese Hilfsdienste waren, was den meisten viel weniger bekannt sein dürfte, nur die äußere Hülle des ERPs. Im Kern handelte es sich bei dem Marshallplan um ein großangelegtes Entschuldungsprogramm vor allem für Westdeutschland, dessen Nachwirkungen nach Ansicht Ritschls noch heute spürbar sind und das sein fernes Echo in der südeuropäischen Schuldenkrise findet.

Die Kritik, die der ERP post WK II sowohl in Amerika als auch bei den Alliierten erfuhr, war seinerzeit ähnlich gelagert wie jene, die aktuell von Politikern, Meinungsmachern und Stammtischbrüdern über die Hilfszahlungen an notleidende Länder in Südeuropa laut geäußert werden. Vor allem den Briten und Franzosen, und wohl auch einem Großteil der Amerikaner, missfiel, dass sie für die Schulden eines anderen Landes aufkommen und/oder dafür gerade stehen sollten.

Doch die Amerikaner hatten aus den Fehlern gelernt, die post WK I im Umgang mit der Weimarer Republik gemacht wurden, als man nämlich die Bitten der Deutschen nach Stundung der Reparationszahlungen, nach Krediterleichterungen und Zahlungsaufschüben geflissentlich und absichtlich überhört hatte, dem Technokraten Brüning an die Macht verhalf und später dadurch indirekt und unfreiwillig den Aufstieg Hitlers und der Nazis befördert hat.

Da war es schon besser und wirtschaftlich sinnvoller, Westdeutschland die Schulden zu erlassen, seine Schwerindustrie nicht zu zerstören und Deutschlands Exportwirtschaft zum Motor einer europäischen Neuordnung und Neugestaltung zu machen. Ohne diesen "Schuldenschnitt" bzw. den Schutz vor Reparationszahlungen, die der ERP für den Westen Deutschlands bedeutete, wäre das sogenannte "Wirtschaftswunder" und der Mythos "Ludwig Erhard" jedenfalls so nicht möglich gewesen.

Für die von Deutschland damals besetzten Länder stellte der Verzicht jedoch eine schwere Bürde dar. Schließlich wurden sie, die Gläubiger, um die Früchte ihres Sieges geprellt. Kein Wunder, dass vor allem die Franzosen darüber nicht besonders begeistert waren. Doch blieb den Franzosen nichts anderes übrig, als sich dem Druck zähneknirschend zu beugen, den die USA auf sowohl auf sie als auch auf die anderen Siegermächte ausübte.

An dieser prominenten Stelle dürfte dem aufmerksamen Beobachter sofort jenes Memorandum in den Sinn kommen, das Alexandre Kojève unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg für die französische Regierung verfasst hatte und worauf wir jüngst ausführlich hingewiesen haben ( Europas Hegemon unter intellektuellem Kreuzfeuer).

Darin hatte der Philosoph und Neu-Administrator Charles de Gaulle dringend vor den neuerlichen politischen und wirtschaftlichen Ambitionen seines deutschen Nachbars gewarnt. Deutschland werde sich "friedlich" und "demokratisch" in den Musterschüler Amerikas verwandeln, sehr bald mit seiner wirtschaftlichen Macht den Kontinent beherrschen und der Grande Nation eine dienende Funktion bescheren.

Als politische Alternative zu der von den Amerikanern den Deutschen zugedachten Rolle propagierte Kojève eine Art "lateinischen" Morgenthau-Plan. Deutschland sollte rasch entindustrialisiert werden. Die deutsche Schwerindustrie sollte "rasiert", die Stahlproduktion verboten werden. Des Weiteren sollte die Landwirtschaft ihre Düngemittel in Zukunft aus Frankreich importieren, während Deutschlands Kohlegruben in Rhein- und Saarland den Fortbestand der französischen Stahlindustrie sichern sollten. So vorausschauend die von Kojève vorgeschlagene "Eisen und Kohle Konvention" auch war: erstens kam es anders, und zweitens, als er dachte. Aus der wirtschaftlichen Kooperation, den die Amerikaner den Franzosen und Deutschen aufzwangen, erwuchs später dank funktionierender deutscher Institutionen und unter französischer Führung (auch, um ihr Gesicht nach außen wahren zu können) unter amerikanischer Oberaufsicht der Schuman-Plan, der die "Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl" vorwegnimmt, aus der erst die EG, später dann die EU hervorgehen sollte.

Aber auch der damalige Kanzler Konrad Adenauer war über das Diktat der Amerikaner alles andere als amused. Auch er weigerte sich zuerst, ihre harten Bedingungen und Auflagen zu erfüllen; auch er wollte keine Austeritäts- und/oder Deflationspolitik betreiben; und auch er sperrte sich gegenüber allen Forderungen nach Zinserhöhungen, bis Hilfszahlungen ausgeschöpft waren und er neue Kredite in Anspruch nehmen musste.

Im Nachhinein erwies sich jedoch diese Deutschlandpolitik der US-Amerikaner: Erlass der Schulden, exportgeleitetes Wachstum, wirtschaftliche Kooperation in Europa für das Land selbst als Glücksfall. Aus der von einer Militärdiktatur aufgezwungenen "Deflationspolitik" entstand nach und nach jene positive Leistungsbilanz, die zu einer Exportüberschusspolitik führte, die nicht nur bis heute andauert, sondern auch Teil jener Krise ist, die sich vor allem in Südeuropa auslebt.

Sieht man sich nämlich das Auslandsvermögen Deutschlands an, dann betrugen diese bis zur Einführung des Euro rund 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Zwar waren die Leistungsbilanzen immer unausgeglichen. Doch konnten die Staaten zuvor das entstandene Wirtschaftsgefälle mit der Abwertung ihrer Währungen begegnen. Seitdem das mit der Gemeinschaftswährung nicht mehr möglich ist, explodierte dieses Vermögen und hat sich mittlerweile vervierfacht. Letztes Jahr betrug das deutsche Gesamtvermögen an Auslandsschulden gar 80-90 Prozent des BIP.

Die Erwartung oder gar die Hoffnung, dass Deutschland Teile dieses Vermögen jemals wiedersehen wird, wies Ritschl in den Bereich der Träume. Diese Auslandsvermögen werden nicht mehr zurückgezahlt werden können, Deutschland werde dieses Geld abschreiben müssen. Insofern sei das Land in einer ähnlichen Lage, wie es die Alliierten post WK II waren.

Die Regierung werde darum um einen Verzicht, um einen "Schuldenschnitt", nicht herumkommen - auch wenn das die Kanzlerin unlängst nochmals ausdrücklich ausgeschlossen hat. Über eine entsprechende Kavallerie, die einmarschieren und das Vermögen heimholen könnte, oder über eine vergleichsweise Militärdiktatur, die das anordnen könnte, verfügt weder sie noch der Kanzlerkandidat - auch wenn dieser gerne damit operiert, vor allem gegenüber kleineren Ländern.

Es ist undenkbar, dass die Schuldnerländer das gigantische Ungleichgewicht, das sich in den Bilanzen der einzelnen Wirtschaften dank des Euro aufgebaut hat, jemals ausbalancieren werden können.

Und da auch nicht zu erwarten ist, dass die Deutschen auf liebgewordene Konsumgewohnheiten verzichten werden, also fortan nur noch Maserati und Fiat statt Audi und BMW kaufen, spanischen Tomaten verzehren und portugiesischen Portwein schlürfen werden oder gar massenhaft in Griechenland statt in Oberbayern urlauben, was eine Möglichkeit wäre, um irgendwie zu einer ausgeglicheneren Leistungsbilanz zu kommen, wird man um Schuldenschnitte, Schuldenerlasse und Entschuldungen nicht herumkommen, ehe man dann wohl auch eine Vergemeinschaftung der Schulden ins Auge fassen wird.

Doch für diese "Haircuts", wie das in der Fachsprache heißt, muss der deutsche Michel erst noch weichgekocht werden. Wenn man dem Herrn Professor Ritschl folgt, und in Deutschland den "größten Schuldensünder des 20. Jahrhunderts" ausmacht, dann sind wir das den anderen Ländern, allen voran den Südeuropäern, wohl auch schuldig. Auf diese Weise bekommen die Lyrics von David Crosby, sinnigerweise auf dem "Déjà Vu"-Album platziert, dem allerersten von CSNY, einen neuen Ton und einen ganz anderen Klang.

Die südeuropäischen Schuldnerländer werden dann allerdings einen Souveränitätsverlust hinnehmen müssen, genauso, wie es Deutschland post WK II ergangen ist, als man über vierzig Jahre lang okkupiert war und zum politischer Spielball US-amerikanischer Stimmungen degradiert wurde.

Künftig werden all diese Länder wohl zwei Herren dienen müssen: ihren Wählern einerseits, aber und vor allem: dem Ausland. Die Frage ist dann nur, wer den "leeren Platz" des Königs dann einnehmen wird. Wer wird künftig das Sagen in Athen und Rom, in Lissabon und Madrid, in Dublin oder vielleicht auch bald in Paris haben? Der IWF? Die EZB des Mario Draghi? Oder gar das deutsche Finanzministerium unter Wolfgang Schäuble?

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