"Ein gutes Land"

Wie Bundespräsident Gauck die guten Absichten Deutschlands anpreist und dabei die Wirklichkeit pastoral verfehlt

In grauer Vorzeit, als es noch keine Smartphones, iPads und ähnlichen Zeugs gab, mit denen man die Weltläufte und das Geschehen im Heimatland rund um die Uhr verfolgen konnte, war der Urlaub bekanntermaßen noch eine Zeit der Ruhe, der Entspannung und der Selbstvergessenheit. Man lag vielleicht am Strand herum, ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen, schlürfte dabei ein Eis und las in irgendeinem der mitgebrachten Bücher.

Zwar konnte man sich, wenn man nicht allzu weit in die Ferne schweifte und sich in der Umgebung der bekannten Teutonengrills niederließ, in Jesolo, Bibione oder Rimini, die heimische Tageszeitung mit eintägiger Verspätung an den Urlaubsort kaufen oder sich auch zusenden lassen. Oder man wurde beim Schlendern an den Verkaufsstraßen an den Kiosken von dem Blatt mit den großen Lettern und grellen Überschriften mitunter und beizeiten aufgeschreckt, sodass man kurz und interessiert anhielt, um zu sehen, was sich hinter diesen Aufmachern konkret verbarg.

Doch mit diesen wunderlichen Zeiten ist es allemal und unwiderruflich vorbei, seitdem man auch in den entlegendsten Tälern, Alpen und Hütten auf Empfang sein kann, und jedes Mittelklassehotel und -zimmer Kabelfernsehen besitzt, wo die Heimatprogramme zu empfangen sind, Tageszeitungen aus den Heimatländern aufliegen und kostenlose Wlans installiert sind, mit denen man mit seinen Gadgets jederzeit seine medialen Favoriten aufsuchen, Nachrichten checken oder versenden kann.

Selbst wenn man, wie ich letzte Woche, sich in die Berge zurückzieht und sich vornimmt, bewusst Abstand und Auszeit von den jeder- und allzeit aufgeregten Medien zu nehmen, von Snailmedien auf Papier genauso wie von den digitalen Echtzeitmedien, gelingt das nicht immer, da einerseits die Gelegenheiten zu vielfältig geworden sind und die Versuchung, mal kurz nach dem Öffentlich-Rechten zu sehen, einen dann doch manchmal übermannt.

Doch diesmal waren es weder die elektronischen Medien noch irgendwelche Fernsehkanäle, die mich letzte Woche mit irgendwelchen Nachrichten oder Schlagzeilen überraschten, sondern es war seltsamerweise die Süddeutsche Zeitung vom Donnerstag, den 5. September. Das Münchner Tagesblatt zeigte ein politisch und moralisch überaus korrektes Bild des französischen Präsidenten Hollande und des deutschen Bundespräsidenten Gauck, die gemeinsam Robert Hebras stützten, einen der letzten Überlebenden jenes Massakers, das deutsche Soldaten am 10. Juni vor neunundsechzig Jahren in Oradour-sur Glane, einem mittelfranzösischen Dorf, verübt hatten.

Bis zum 4. September dieses Jahres hatte kein hochrangiger deutscher Repräsentant es gewagt, dem Dörflein seine Aufwartung zu machen. Zu tief saß das Entsetzen über die beispiellos grausame Tat im "Märtyrerdorf", wie es auch genannt wird. Bei dem Erschießungskommando, das rund zweihundert Männer der Waffen-SS seinerzeit verübt hatten, waren rund 640 Zivilisten ermordet worden, 180 Männer, mehr als 250 Frauen und über 200 Kinder. An der Tat hatten sich auch Franzosen beteiligt, Elsässer. Zur Rechenschaft gezogen wurden danach allerdings nur wenige der Täter. Einige von ihnen wurden später sogar amnestiert, andere wiederum kamen danach bald wieder frei.

Doch war es weniger das Bild und der Bericht über die Performance, die der Bundespräsident hingelegt und die Franzosen, wenn man den Berichten in französischen Zeitungen folgen darf, tief beeindruckt hatte, die meine Aufmerksamkeit erregte. Vielmehr war es die Überschrift, mit der die Zeitung ihren Bericht machte. "Deutschland will Europa nicht beherrschen", hatte der Bundespräsident in seiner kurzen Ansprache nach dem Besuch der Gedenkstätte seinen französischen Zuhörern versichert. Deutschland sei "ein gutes Land", das "Europa bauen" und keineswegs dominieren wolle.

Wie kein anderes Land vor ihm habe sich Deutschland mit seiner Geschichte "ernsthaft" auseinandergesetzt und sich um eine "Aufarbeitung bemüht". Aus der Vergangenheit habe es Lehren gezogen und wolle schon deshalb nie mehr "über anderen Ländern stehen". Da war es also wieder, das deutsche "Sich-Kleinreden", das "Sich-Kleinmachen", das "Sich-Wegducken" und auf politischen "Underdog" machen. Mit derart wohlfeiler Rhetorik hat das Land post WK II bis auf den heutigen Tag in der Welt und in Europa erfolgreich Politik gemacht und seine wirtschaftliche Dominanz unter den Scheffel gestellt.

Selbiges hatte bekanntlich vor einiger Zeit schon der deutsche Finanzminister in einem Beitrag für sechs große europäische Zeitungen versucht. Auch Wolfgang Schäuble hatte darin geleugnet, dass Deutschland in Europa Takt, Ton und Rhythmus vorgeben wolle, nach denen alle anderen fortan zu tanzen hätten. Nicht zuletzt auch, weil angelsächsische Beobachter die politischen Eliten hierzulande aufgefordert hatten, der ihr zugefallenen Führungsrolle endlich gerecht zu werden und in Europa politisch Flagge zu zeigen.

Das war der politischen Prominenz hierzulande offenbar sichtlich auf den Magen geschlagen. Das Land beanspruche keine Sonderrolle, tönte der Finanzminister daraufhin. Schon aufgrund seiner Geschichte komme ihm eine "besondere Verantwortung" zu. Weswegen Deutschland auch eine "dienende Funktion" für die Gemeinschaft zukomme.

Mit der Realität in Europa hat all das aber nichts zu tun. Sie spricht eine ganz andere Sprache als die pastorale Symbolpolitik, die der evangelikale Pfarrer aus Rostock an den Tag legte, um seine französischen Nachbarn der guten Absichten des Landes zu versichern. Mit der Energiewende und der Sparpolitik, dem moralischen Rigorismus und politischen Pazifismus, der grünen Umwelt- und Müllsammelwut ist das Land sehr wohl dabei, allen anderen in Europa vorschreiben zu wollen, wie man fortan Politik machen muss und die Welt vor sich selbst retten kann.

Noch am selben Tag, als der Bundespräsident seine französischen Nachbarn mit wohlfeiler Phraseologie zu beschwichtigen suchte, redete der Historiker Dominik Geppert, wohlgemerkt und ausgerechnet im Springerblatt Die Welt, politischen Klartext. Das "andere Deutschland", das der Bundespräsident in Oradour anpries, gibt es nur auf dem Papier oder im Wort zum Sonntag. Mit seiner Euro(pa)-Politik hat sich das Land mehr als jemals zuvor in Europa "isoliert". Je südlicher man die europäische Achse an- und verlegt, desto weniger schätzt man das von Gauck so hochgelobte und angepriesene "andere Deutschland".

"Arrogant, dominant und autoritär" kommt es laut einer Online-Befragung, zu der vier europäische Großzeitungen ihre Leser jüngst aufgefordert hatte, daher. Offensichtlich hat eine Reihe von Lesern die Aufforderung des britischen Guardian, der italienischen La Stampa, der spanischen El Pais und der französischen Le Monde als willkommene Gelegenheit gesehen, mal so richtig gegen die deutsche Besserwisserei abzulästern und politischen Dampf gegen den ungeliebten Partner in der Mitte und im Herzen Europas abzulassen.

Dabei weiß man heute aus historischen Quellen und Bekundungen von Zeitzeugen sehr genau, dass Helmut Kohl gleich nach dem Fall der Mauer nur deswegen die D-Mark zugunsten des Euro aufgegeben hat, und zwar entgegen besserer ökonomischen Vernunft, um sich bei den europäischen Freunden und Nachbarn Liebkind zu machen.

Allerdings ist dieser Schuss längst nach hinten losgegangen. Statt einer starken hat Deutschland eine weiche Währung importiert; statt die europäische Integration voranzubringen, ist sie vom Scheitern bedroht; statt dass das Land geachtet und geliebt wird, muss es sich wieder mit geopolitischen Fragen der Vormacht und Hegemonie auseinandersetzen, die sie mit der Einigung eigentlich ad acta legen wollte.

Eine gehörige Portion Schuld daran trägt die Kanzlerin. Mit ihrem leichtfertig ohne Überlegung dahingesagten Satz: "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa", hat Angela Merkel nicht nur eine unheilvolle Allianz zwischen Währung und Politik geknüpft, sie hat auch selbst und ohne größere Not eine "rote Linie" gesetzt, die sie fortan nicht mehr ohne Gesichtsverlust hintergehen kann.

Dabei ist Deutschland trotz demografischer Größe und wirtschaftlicher Potenz in Europa an entscheidenden Stellen längst ins Hintertreffen geraten. In der EZB spielen ihre Repräsentanten keine Rolle mehr und werden von allen anderen regelmäßig überstimmt. In der Fiskal- und Rettungspolitik wird es von bestimmten Staaten ständig ausgetrickst. Und mit den Transferzahlungen, die immer wieder anfallen oder nachgeschossen werden müssen, ist das Land zum einen finanziell überfordert und zum anderen zunehmend erpressbar geworden.

Welche Früchte diese Politik auf anderen Feldern tragen kann, hat die Bundeskanzlerin zuletzt auf dem G20 Gipfel in St. Petersburg eindrucksvoll und schmerzhaft zu spüren bekommen. Hinter ihrem Rücken und ohne sie vorher davon in Kenntnis zu setzen, haben der französische, britische und andere europäische Führer die von Washington gewünschte Erklärung zur Syrien-Politik unterzeichnet und die Deutsche vor aller Welt blamiert im Regen stehen lassen.

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