Eine Ahnung davon, was der modernen Gesellschaft fehlt

Glaubensgemeinschaften fordern den säkularen Staat heraus.

Schulgebet, Kruzifix, Kopftuch, Vorhaut ( Unzeitgemäßer Grundpfeiler): immer häufigen erregen Symbole des Glaubens das öffentliche Bewusstsein und fordern Gesellschaft und Politik zu kritischen Debatten und begründenden Ja/Nein-Stellungnahmen heraus.

Noch in den Siebzigerjahren wäre so eine Nötigung undenkbar gewesen. Fragen des rechten Glaubens und des religiösen Lebens spielten kaum mehr eine Rolle. Deren Riten, Legenden und Praktiken galten längst als Privatangelegenheiten, die obendrein, zumindest in Zentral- und Westeuropa, von immer weniger Menschen aktiv gelebt und ausgeübt wurden.

Vierzig Jahre später ist das anders. Der Bedeutungsverlust und das erwartete baldige "Ende der Religion" sind ausgeblieben. Ihr "Absterben" hat sich als Illusion des Säkularismus erwiesen. Weder der Marxismus noch der Kapitalismus oder die Postmoderne konnten die Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit, den Wunsch nach individuellem Glück oder den Traum einer Vielfalt der Werte und Meinungen erfüllen.

Im Gegenteil: Das Scheitern der großen Ideologien hat vielmehr die Suche nach alternativen Glaubensrichtungen befeuert, die Sehnsucht nach geistiger Orientierung und allgemeinverbindlichem Sinn. In diese offene Flanke stoßen vermehrt religiöse Gemeinschaften und andere pseudoreligiöse Sekten und Gruppierungen, die mit ihren heilsgeschichtlichen Angeboten versprechen, diesen Mangel zu beheben.

Zwar ist die Zahl der Kirchenaustritte in dem Maße gewachsen wie die der sonntäglichen Kirchenbesucher abgenommen hat. Und auch die Begeisterung für den Papst hält sich, trotz steter medialer Begleitung und Berichterstattung, ebenso in Grenzen wie der Zulauf zu den Kirchentagen gleich geblieben ist.

Geändert haben sich, dank Zuwanderung und Nine-Eleven, jedoch die Wahrnehmung und öffentliche Aufmerksamkeit für religiöse Anliegen und Positionen. Sie erfreuen sich seitdem nicht mehr nur größerer Beachtung und stärkerer Sichtbarkeit innerhalb der Gesellschaft, auch das Selbstbewusstsein derer, die religiöse Werte und Überzeugungen öffentlich vertreten und die Politik mit ihren moralischen Forderungen überziehen, ist spürbar größer geworden.

Anlass genug für Heinrich Meyer, den wissenschaftlichen Leiter der Siemens-Stiftung, zusammen mit dem Münchner Theologen Friedrich Wilhelm Graf eine Vortragsreihe ins Leben zu rufen, die ein Semester lang nach den Gründen für die "Wiederkehr der Götter" fragte und sich mit dem Problem befasste, wie der säkulare Staat auf solche partikulare, stark religiös unterfütterten Ansprüche reagieren sollte, ohne dabei sein liberales Outfit zu verlieren.

Nachdem u. a. Sepp Gumbrecht, Giorgio Agamben ( Am Anfang war der Befehl) und Hans Joas ( Heiligung der Person und Gemeinschaft) im Mai und Juni ihre Sicht der Dinge dargelegt hatten, luden die Veranstalter letzte Woche zum Abschluss Jürgen Habermas zu sich ins Schloss.

Für viele Beobachter etwas überraschend hatte der dreiundachtzigjährige Philosoph zuletzt in seinen Schriften die "Potentiale des Religiösen" zum quasi "unverzichtbaren" Bestand für die liberale Demokratie erklärt. Dank ihrer gemeinschaftlichen Bindungen und gelebten Beziehungen ihrer Mitglieder bilden Religionen ein starkes sozialintegratives Element. Damit liefern sie eine eminent wichtige Ressource, die in säkulare Gesellschaften aufgrund ihrer pluralen Zerfledderung immer rarer wird: Gemeinsinn und Solidarität.

Häufig werden diese religiöse Überzeugungen aber in einer unbedingten Sprache formuliert und abgefasst (Stichwort: Abtreibung, Sterbehilfe, Eingriffe ins Genom ...). Oder sie liegen mit der Gesetzgebung oder mit den Grundsätzen des Verfassungsstaates über Kreuz (Stichwort: Scharia, Zwangsheirat ...).

Um sie mit den Grundsätzen des liberalen Rechtsstaates kompatibel und auch verhandelbar zu machen, müssten sie, so der mitunter etwas greise wirkende Philosoph, in einer säkularen Sprache vorgebracht, begründet und gerechtfertigt werden. Für die westliche Demokratie sei die strikte Trennung von Glauben und Wissen konstitutiv und mithin unhintergehbar. Diese gelte für alle Bürger, auch für "Fromme" oder "ganz Fromme".

Falsch wäre es, wenn der Westen auf die "Wahrheitsansprüche" anderer Kulturen und Traditionen" mit Relativismus und Indifferenz reagiere oder gar den "bornierten" Weg der "Leitkultur" ginge. Umgekehrt bedeute das aber nicht, dass er deswegen seinen Universalanspruch aufgeben müsse. Undogmatisch, aber selbstbewusst und lernbereit sollte er mit deren Geltungsansprüchen verfahren. Ist dies der Fall, dann sei auch der liberale Verfassungsstaat mit starken religiösen Partikularismen vereinbar.

Global betrachtet beschreite die westliche Kultur damit zwar einen Sonderweg. Außerhalb des westlichen Hoheitsgebietes erlebe man "Säkularisierungstendenzen" noch immer als "Schock". Beispielsweise sei in diesen Kulturräumen der Gegensatz von Heil und Herrschaft, der sich einst an der "Arbeit am Mythos" (Hans Blumenberg) entzündet und vor gut zweihundert Jahren in Frankreich und den USA diese Verbindung dann endgültig enzweit habe, unbekannt.

Gleichwohl zeigte sich Habermas aber auch überzeugt, wie er das seinerzeit bei seiner Diskussion mit Josef Ratzinger in Tutzing verlauten ließ, dass weder die säkulare Vernunft noch der liberale Verfassungsstaat seine "normativen Grundlagen" aus sich selbst heraus schöpfen könne. Auch sie bedürften, seitdem die Vernunftphilosophie "die Wahrheit mit dem großen W" aufgeben musste, der Zuarbeit religiöser Traditionen und Lebensentwürfe und sei daher auf ihre substantiellen Überzeugungen angewiesen.

Habermas ist sich sicher, dass im Religiösen noch "Unabgegoltenes" (H. Bloch) ruhe, das einer weltanschaulich neutralen Gesellschaft noch von großen Nutzen sein könne. Damit wiederholt und bestätigt er im Grunde nur eine bekannte These von Carl Schmitt, den der Staatsrechtler in den Fünfzigerjahren im Widerstreit mit Hans Blumenberg mehrfach verteidigt hat ( Wie legitim ist die Neuzeit?). Sowohl in der Aufklärung als auch im Vernunftglauben steckten danach noch jede Menge sakraler Elemente und Begriffe, die bislang nicht vollkommen säkularisiert werden konnten oder möglicherweise niemals säkularisiert werden können.

Den Schluss, den der FAZ-Beobachter aus diesem Misslingen zieht, dass eine "profane, prozedural ausgetüftelte Vernunft" auch "nur Partikularitäten zu bieten" habe ( Gefährlicher mentaler Stoff)dürfte aber ebenso an den Realitäten vorbeigehen wie die Folgerung, Habermas sei im hohen Alter, wie manch anderer großer Denker zu Lebzeiten vor ihm (Horkheimer, Heidegger ...), nun religiös geworden.

Er, der sich als "Agnostiker" bezeichnete, vertrete keine religiösen Anliegen. Dafür fehle ihm die "religiöse Sozialisierung". Würde er an die "Gottesebenbildlichkeit" des Menschen glauben, dann könnte er manche religiöse Einstellung vielleicht nachvollziehen. Weil er diesen Glauben aber nicht habe, seien ihm auch alle Versuche, die Grund- und Menschenrechte zu sakralisieren (Hans Joas), vollkommen fremd und suspekt. Zu ihrer Verteidigung reiche das Rechtssystem des liberalen Verfassungsstaates vollkommen aus.

Nicht immer, hätte man da dem Philosophen und seinen Mitstreitern an dieser Stelle zurufen wollen, wenn man an die moralisch wie emotional höchst aufgeladene Debatte um die Zirkumzision und ihre sakrale Verklärung und Verniedlichung ansieht ( Die neue Sprache des Antisemitismus ist die Sprache der Menschenrechte).

Seltsamerweise nahm darauf niemand Bezug, obwohl doch gerade dieses kleine Penisteil an den politischen Grundfesten des säkularen Staates rührt ( Die Beschneidung gesetzlich zulässig machen) und erneut nachhaltig vorführt, wie sich Rechtssprechung und Politik in die Quere kommen, wenn es politisch, moralisch oder sonstwie opportun ist.

Kommt die eigene rechte Gesinnung ins Spiel, dann werden entweder die blödsinnigsten Argumente ( Menschenrecht auf Vorhaut) ausgepackt; oder es wird, feuilletonistisch gehobener, der "gesunde Menschenverstand" bzw. die "intakte Intuition" bemüht, die durch rasche Gesetzgebung dafür sorgen, dass nicht (man höre und staune) "sämtliche Juden das Land verlassen müssen"( Ein Rechenfehler).

Das Thema ( Freibrief für Gewalt) schien den Versammelten im Schloss allem Anschein nach zu heiß zu sein, als dass man sich am Schmerz der Kinder ( Nötiger Schmerz)oder am Vollzug eines völlig überflüssigen archaischen Rituals politisch die Finger verbrennen wollte.

Mit seiner nüchternen, völlig humorlosen und unmusikalischen Sicht der Dinge stieß der Diskursethiker naturgemäß auf Skepsis und Widerspruch. Vor allem bei seinen beiden Gesprächspartnern, dem Protestanten Graf und dem Politologen Meyer. Beide warfen Habermas aus je unterschiedlicher Perspektive vor, die Brisanz des "mentalen Stoffes", den besonders die monotheistischen Religionen in ihrer Berufung auf das "ganz Andere" und/oder den Inhalt "heiliger Bücher" transportieren, gewaltig zu unterschätzen.

Weder könne man "ganz Fromme", die sich im Besitz der "ganzen Wahrheit" vermeinen, mit noch so guten, säkular nüchternen Gründen überzeugen. Noch ließen sich diese Religionen funktionalisieren und sozialintegrativ umdeuten. Häufig bewirkten sie sogar das Gegenteil, sie wirken desintegrativ, isolieren, kapseln ab und fördern das Entstehen von Parallelgesellschaften.

Eingott-Religionen folgten auf ganzer Linie dem "Unbedingten", sie forderten daher die moderne Gesellschaft insgesamt und ganzheitlich heraus. Gott gebe es nicht "undosiert", so Heinrich Meier an den Philosophen. Sie gäben nicht nur vor, eine Ahnung davon zu haben, was ihr fehle, sie wüssten auch noch, wie dieser Mangel behoben oder kompensiert werden könne. Habermas täusche sich gewaltig, wenn er John Rawls folge und glaube, dass der politisch religiöse Radikalismus zur Selbstbegrenzung in der Lage sei und sich rechtsstaatliche Prinzipien "wie ein Modul" in deren Wertüberzeugungen einbauen ließen.

Das mag so sein - auf abstrakter Ebene. Gleichwohl sind die immensen Sorgen, die sich der politische und protestantische Theologe über den Fundamentalanspruch politisch agitierender Glaubensgemeinschaften machen, doch eher überzogen und daher unberechtigt. Die säkulare Gesellschaft mag bedeutungs- und bindungsschwach geworden sein. Und sie mag auch dem Eigennutz und der individuellen Selbstverwirklichung den roten Teppich ausgelegt haben. Trotzdem sind unsere Rechtssysteme stark genug, religiöse Anliegen, die mit der "Mehrheitskultur" über Kreuz liegen, in die Schranken zu verweisen.

Diese Zurückweisung fundamentaler Ansprüche gilt sowohl für den Judaismus, der in Europa eine eher untergeordnete Rolle spielt, als auch für den Islam und seine politisch radikalisierten Ableger. Gewiss ist die Gefahr von Anschlägen durch den religiös-politischen Radikalismus immer gegeben. Aber dass dadurch die Fundamente des demokratischen Rechtsstaats erschüttert oder gar ausgehebelt werden, ist kaum zu erwarten.

Die Bundesrepublik ist weder Nordmali noch Weimar, auch wenn das ein renommierter Beobachter für Europa prognostiziert ( The Weimar Union) und der öffentliche Erregungsgrad, den Massenmedien und ihre Lautsprecher beizeiten nähren, anderes suggerieren könnte.

Mittlerweile sind die westlichen Institutionen aber so stark, dass sie religiös motivierte Angriffe jederzeit abzuwehren in der Lage sind. Das Jammern und Klagen darüber sowie das leichtfertige Gerede um Krisen, Niedergang und Ende der Staatlichkeit erfolgt, wie auch der Protestant Graf feststellte, auf stabil hohem Niveau einer sozialen Ordnung, die für diverse Ansichten und Glaubenshaltungen Platz bietet.

Und dieses Etikett der "Zahnlosigkeit" gilt erst recht für das derzeitige Christentum. Guckt man sich diesbezüglich mal jenes Interview an, das der frisch gebackene Präfekt der Glaubenskongregation, dem Rechtsnachfolger der Inquisition, der "Süddeutschen Zeitung" am letzten Wochenende gegeben hat ( Erzbischof Müller warnt die Kritiker Roms), dann zeigt sich, wie zahnlos diese Religion letztlich geworden ist.

Erst jüngst hat sie den "Limbus" (Vorhölle) abgeschafft, der seitdem nur noch in einigen Köpfen der politischen Linken herumspukt ( Luc Boltanski), wie zuvor schon den Gedanken der "Erbsünde" und die Vorstellung vom "Jüngsten Gericht". Vom "Katechon" wiederum, jener paradoxen Figur, die einerseits das Chaos und den Untergang der Welt aufhält, andererseits dadurch das Kommen des Messias (Erlösung) auf unbestimmte Zeit hinauszögert, will der politische Katholizismus schon längst nichts mehr wissen.

Zwar will man sich, so der Präfekt, weiter verstärkt mit "atheistischen und säkularistischen Lebenskonzeptionen" auseinandersetzen. Auch will man intervenieren, wenn bestimmte Themen, wie etwa in der "Medizinethik", angesprochen werden. Doch auch er, der Kirche und Glauben vor Häresien und Abweichlern jeder Art zu schützen hat, bekennt sich zum Dialog, einer gängigen Haltung im Christentum, seitdem es den "zornigen" und "zürnenden Gott" gegen einen allseits "liebenden" ausgetauscht hat. Freiheit im Glauben, so Gerhard Ludwig Müller, sei vielmehr die Antwort "auf das, was Gott uns in seiner Freiheit vorgibt."

Antidemokratisch gebärdet sich der Katholizismus nur noch, wenn es um innerkirchliche Fragen geht, um Zölibat, Dogmatik oder Fragen der Liturgie. Dann kann die Institution schon mal streng werden und die Christenkeule auspacken. Den Glauben sich nach Gutdünken zusammenzubasteln, das erlaubt sie nicht. Aber sogar da, wie im Falle der Piusbrüderschaft, wo es ums Eingemachte geht, ist sie immer noch gesprächsbereit.

Gefahr für den Glauben droht eher von anderer Seite. Nicht von der Politik und ihren säkularen Zumutungen, sondern von konkurrierenden spiritualistischen Richtungen und Ideen. Da ihre eigenen Bindungskräfte zunehmend versiegen und immer weniger Menschen den christlichen Glauben attraktiv finden, wenden sich diese vermehrt esoterischen Zirkeln und Sekten zu, die mit pseudoreligiösen Botschaften und heilsgeschichtlichen Erweckungsversprechen und -erlebnissen auf Menschenfang gehen und dabei den von der Moderne stark verunsicherten, nach neuen Sinnangeboten und verbindlicher Orientierung suchenden Menschen in geschickter Weise das Geld aus der Tasche ziehen.

Welches muntere Gebräu da mittlerweile aus ganzheitlichem Denken, psychotherapeutischem Unfug und umweltbewusster Naturverbundenheit angerührt wird, sich dabei einen wissenschaftlichen Anstrich gibt und mit leeren Floskeln, vielsagenden Sprüchen und hohlen Phrasen diesen meist schwachen, von einer schmerzvollen Lebenskatastrophe heimgesuchten Sinnsuchern der Kopf vernebelt, kann man am Wochenende in München erleben.

Organisiert hat dieses zweitägige Treffen ein Veranstalter, der unter anderem eine obskure Webseite unterhält, die sich Mystica.tv nennt. Auftreten werden dort einschlägig bekannte Kandidaten, die von den Vorzügen entschleunigten Lebens, dunkler Seelen und innerer Stimmen erzählen, vom Wandel, von Gesundung und Neubeginn und nebenbei die Willigen und Gutmeinenden zu den magischen und mystischen Kraftquellen des Lebens und der Stadt München führen,

Bemerkenswert daran ist weniger der Inhalt. Der ist austauschbar und auf derlei Zusammenkünften immer derselbe. Immer wird den Leuten eine Heilung von allen Kümmernissen der Erde versprochen, von eigenen wie von allgemeinen. Bemerkenswert ist eher, dass eine renommierte und seriöse Institution wie das Münchner Literaturhaus seine Räumlichkeiten für so ein zweifelhaftes Meeting bereitstellt. Offenbar ist aber auch das letztlich eine Frage des Geldes.

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