Eine Vision nimmt Gestalt an

Die Desertec-Gesellschaft steht, der Startschuss für das Projekt, das Ökostrom aus Afrika nach Europa transportieren will, ist gefallen.

Anfang des Jahres hatten wir im Rahmen eines Berichts über die „Mittelmeerunion“, die der französische Staatspräsident im Sinn hat ( Europas Zukunft liegt im Süden), auf das „Atlantropa“-Projekt des Münchner Architekten und Schriftstellers Herman Sörgel aufmerksam gemacht, das dieser in der Zwischenkriegszeit verfolgt hatte. Durch partielle Austrocknung des Mittelmeers wollte er Afrika und Europa verbinden und mit dem umgeleiteten Wasser die Sahara in einen Garten Eden verwandeln.

Mit dem Bau zweier gigantischer Staudämme an den Meerengen von Gibraltar und an den Dardanellen sollte rund eine halbe Million Quadratkilometer Neuland gewonnen und das Mittelmeer in ein Binnenmeer verwandeln werden. Gleichzeitig sollte der Restzufluss, der durch die Niveauunterschiede der verschiedenen Meere entsteht, zur Stromerzeugung mittels Wasserkraft genutzt werden.

Die Vision

Noch im Sommer des gleichen Jahres wurden Pläne für ein Großprojekt namens Desertec bekannt, die allem Anschein diese Vision in energiepolitischer Absicht wieder aufgriff und auf Vorschlägen des Club of Rome basierte ( Apollo 2.0). Ein Konsortium von zwölf Unternehmen, darunter die Firmen E-on, RWE, Siemens und Münchner Rück, will in der nordafrikanischen Wüste mit Hilfe solarthermischer Kraftwerke, die das Sonnenlicht mit riesigen Parabolspiegeln bündeln, Ökostrom gewinnen, CO2-neutral und zu stabilen Preisen.

Mittels eines neuartigen Leitungsnetzes will man diesen Strom über 3 000 Kilometer nach Europa bringen. Für die Stromübertragung sollen Gleichstrom-Hochspannungsleitungen verwendet werden, die wesentlich geringere Leistungsverluste aufweisen als die bekannten Überlandleitungen hierzulande. Mittlerweile lässt sich dieser Strom nämlich relativ problemlos über große Distanzen transportieren. So fließen etwa zwischen den indischen Bundesstaaten Orissa und Karnataka zwei Gigawatt über eine 1450 Kilometer lange Stromleitung. Der Verlust bewegt sich dabei zwischen einem und drei Prozent pro 1000 Kilometer. Auch baut der an dem Projekt mitbeteiligte Siemens-Konzern derzeit eine 890 Kilometer lange Gleichstromleitung in China, von Anshun in der Provinz Guizhou bis zur Küstenprovinz Guangdong.

In zehn Jahren schon – so die Vertreter der beteiligten Firmen im Sommer – solle der erste Strom fließen. Und in spätestens fünfzehn Jahren wolle man mit dem in Afrika erzeugten Solarstrom bereits wettbewerbsfähig gegenüber anderen Energieträgern sein. Bis zum Jahr 2050 werde das Projekt wohl an die 400 Milliarden Euro verschlingen. Mit den dann zu erwarteten etwa 700 Terawattstunden Leistung könne Europa etwa fünfzehn Prozent seines Energiebedarfs decken.

Der Startschuss

Ende letzter Woche wurden die ehrgeizigen Pläne des Konsortiums fixiert. In München gründeten die daran beteiligten Unternehmen die Planungsgesellschaft „Desertec Industrial Initiative GmbB“ (DII), die das Projekt vorantreiben soll. Als Geschäftsführer bestellte man Paul van Son, einen niederländischen Energiemanager, der, wie Kritiker bemängeln, in der klassischen Energiewirtschaft beheimatet ist. Nach den jetzt in München bekannt gewordenen Plänen will man bereits in drei Jahren, wenn die wirtschaftlichen, technischen und rechtlichen Fragen zum Bau derartiger Anlagen geklärt sind, ein fertiges Konzept vorlegen, in dem die Standorte der einzelnen Anlagen und die dafür benötigten Summen verzeichnet sind.

Wenn in zehn Jahren die ersten größeren Investitionen fällig werden, will man laut Torsten Jeworrek, Vorstand der München Rück, die das Projekt federführend koordiniert, einen festen Kreis von Investoren versammelt haben, der das Projekt inhaltlich wie auch finanziell trägt. Seinen Aussagen nach peilt die DII einen Stamm von etwa zwanzig bis dreißig stimmberechtigten Gesellschaftern an, die auch und vor allem aus jenen Ländern kommen, die zu den Anrainerstaaten zählen.

Sorgen, dass es wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise an Investoren mangeln könnte, macht sich der verantwortliche Koordinator nicht. Die Liste derer, die sich an dem Projekt beteiligen wollen, würde immer länger, so der Vorstand im Gespräch mit der Zeitung „Die Welt“.

Probleme sind lösbar

An Subventionen durch den Steuerzahler ist nicht gedacht. Das Geld soll allein von privaten Geldgebern aufgebracht werden. Erwartet werde aber eine gewisse politische Unterstützung durch die Politik. Beispielsweise benötige man „gewisse Sicherheiten“, wie etwa die garantierte Abnahme des Ökostroms zu einem Festpreis.

Die Bereitschaft dazu scheint vorhanden. Die EU will die neue Technologie unterstützen und das Vorhaben mit öffentlichen Geldern fördern. Und auch die schwarzgelbe Koalition hat sich, wie man dem neuen Koalitionsvertrag entnehmen kann, für das Projekt ausgesprochen.

Desertec ist ein ebenso gigantisches wie tollkühnes Projekt – darüber sind sich Befürworter ( Der Wind des Fortschritts weht wieder) wie Gegner ( Wüstenstrom) einig. Mit Ausnahme vielleicht des Drei-Schluchten-Dammes am Jangtse-Fluss wurde bislang kein Projekt dieser Größenordnung auf den Weg gebracht. Die technischen Probleme sind enorm, ebenso die finanziellen und politischen. Schließlich gilt es die Interessen der Konzerne und Durchgangsländer zu berücksichtigen, unterschiedliche Kulturen miteinander zu vereinen und die Kostenspirale, die solchen Vorhaben folgen, in Grenzen zu halten.

Zu Kleinmut oder gar Pessimismus, wie bei der Vorstellung im Sommer rasch deutlich wurde, bestehen aber weder Grund noch Anlass. Es handelt sich um keine „Fata Morgana“, wie der Energieexperte der SPD und Lobbyist der Solarenergie, Hermann Scheer, Mitte Juni bei der Vorstellung des Projekts schwarz malte ( Die Kalkulation von Desertec ist absurd). Vielmehr handelt es sich um die Realisierung einer Vision, die auch ökologisch überzeugt und darum sowohl den Einsatz als auch das Wagnis lohnt. Zumal es dafür vorzeigbare kleinere Projekte gibt, die beweisen, dass es technisch funktioniert. Der „Solar Grand Plan“ der USA in der Mojave-Wüste (Der neue Sonnenkult: http://www.finanzen.net/euro/archiv/berichte_detail.asp?pkBerichtNr=168432&stmode=print) gehört ebenso dazu wie das Solarthermische Kraftwerk „Andasol“ in der Provinz Granada (Die Andasol-Kraftwerke: http://www.solarmillennium.de/front_content.php?idcat=109) oder das Kraftwerk Solar Tres.

Mahner, Warner und Bedenkenträger Was die Desertec-Kritiker umtreibt, ist denn auch eher politischer Natur. Fürchten die einen eine Neuauflage des Glaubens an die Macht der Technik ( Weiße Elefanten für den Sonnenkönig, glauben andere an ein Wiederaufleben „europäischer Hybris“, bei der erneut, die „ästhetischen, sozialen und kulturellen Wahrnehmungen“ der dortigen Bewohner unberücksichtigt bleiben ( Afriks Sonne). „Die abendländische Vernunft“, so der Historiker Dirk van Laak, „hat sich zu ihrem Gottesdienst auch immer Energiekathedralen gebaut.“

Gewiss sind die Unwägbarkeiten groß. So müssen beim Stromtransfer von Afrika nach Europa politisch instabile Regionen und Staaten verbindlich einbezogen werden. Zudem könnten die Wartungskosten erheblich werden, weil es in der Wüste regelmäßig zu Sandstürmen kommt, die einen ungestörten Betrieb beinträchtigen könnten. Außerdem scheint noch unklar, woher man das Wasser bezieht, das man für die Technik der Solarthermie benötigt. Bekanntlich erhitzt das Sonnenlicht ein Spezialöl, das seine Wärme an Wasser abgibt und es auf diese Weise zum Kochen bringt. Der entstehende Wasserdampf treibt dann jene Turbinen an, die Strom produzieren.

Selbstverständlich wird der Wüstenstrom auch künftig nur einen Bruchteil unseres gesamten Energiebedarfs decken. Freilich wird die Stromerzeugung aber auch nicht besser, sicherer oder gar billiger, wenn sie, wie im Gesetz zu Erneuerbaren Energien gefordert wird, dezentral und in den Händen vieler kleiner Anbieter liegt. Neben innovativen, mittelständischen Unternehmen braucht es dazu eben auch Großkonzerne, die nicht nur das nötige Wissen haben, sondern auch in der Lage sind, solche Großprojekte zu schultern.

Die Zukunft liegt, und da hat der Vorstand der Münchner Rück mit Sicherheit recht, in einem intelligenten Netzwerk – wozu große Kraftwerke ebenso gehören wie kleine dezentrale Anlagen auf unseren Dächern.

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