Eiszeiten und Klimawandel

Computer-generierte Ansicht der Erde während der letzten Kaltzeit

(Bild:  Ittiz / CC BY-SA 3.0 )

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte der Klimawissenschaften

In einem Interview im Feuilleton der Berliner Zeitung meinte kürzlich der Historiker Joachim Radkau, Emeritus an der Uni Bielefeld, Anfang der 1980er habe alle Welt von der nächsten Eiszeit gesprochen. Radkau wörtlich: "Anfang der 80er-Jahre hieß es noch: Die nächste Eiszeit kommt bestimmt."

Damit wollte er sich allerdings nicht als Klimaskeptiker outen, sondern darüber äußern, wie sich Zukunftserwartungen im Laufe der jüngeren Geschichte verändert haben.

Weil diese Behauptung aber immer wieder auftaucht, wenn Menschen meinen, die Klimawissenschaft mit derlei Bemerkungen abtun zu können, sei hier kurz darauf eingegangen. Anfang der 1980er wussten die Geowissenschaften zwar bereits, dass die Eiszeiten mit verschiedenen Schwankungen der Erdachse und in der Erdumlaufbahn zusammen hängen, nämlich mit den ziemlich präzise berechenbaren Milankowitsch-Zyklen.

Doch wie diese mit den einzelnen Komponenten zusammen wirken, war damals erst im Ansatz bekannt. Entsprechend sollte es noch längere Zeit dauern, bis der Wechsel von Eis- und Warmzeiten halbwegs realistisch mit den Klimamodellen simuliert werden konnte.

So gab es in den 1970er Jahren die eine oder andere Publikation, in der über den Beginn der nächsten Eiszeit spekuliert wurde, aber die Debatte in den Klimawissenschaften wurde keineswegs von dieser Frage dominiert.

Schon gar nicht gab es unter Klimawissenschaftlern bei ihr eine Übereinstimmung, die auch nur annähernd mit dem spätestens seit den 1990ern vorherrrschenden Konsens in der Frage des Klimawandels und der Rolle der Treibhausgase vergleichbar wäre. Wenn Radkau meint, die Warnungen vor einer Eiszeit hätten Anfang der 1980er dominiert, dann kann dies nur eine Folge der Bearbeitung wissenschaftlicher Diskussion in den Medien gewesen sein.

Intensiver als über potentiell drohende Eiszeiten, wurde hingegen schon seit vielen Jahrzehnten über die Treibhausgase und die durch sie möglicher Weise zu erwartende Klimaveränderungen debattiert, nachdem die Bedeutung vor allem des Kohlendioxids, aber auch des Wasserdampfes bereits im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Wissenschaftler wie Jean Baptiste Joseph Fourier, John Tyndal und Svante Arrhenius erkannt und berechnet wurde.

Die britische Zeitung Guardian veröffentlichte kürzlich den Beitrag eines Wissenschaftshistorikers, in dem dieser darauf hinwies, dass Edward Teller, einer der führenden Entwickler der ersten Atombomben, bereits 1959 die Erdölindustrie auf die drohenden Gefahren hingewiesen hat, als diese ihn nach New York zur 100-Jahr-Feier ihres Bestehens als Gastredner eingeladen hatte.

Der Autor weist außerdem auf einen im Auftrag des American Petroleum Institutes verfassten Bericht hin, in dem es neun Jahre später, 1968, eine andere wissenschaftliche Arbeit wiedergebend heißt: "Significant temperature changes are almost certain to occure by the year 2000 and these could bring about climate changes."

Und weiter in Bezug auf Kohlendioxid: "It is clear that we are unsure as to what our long-lived pollutants are doing to the environment; however, there seems to be no doubt that the potential damage to our environemt could be severe." Das war wie gesagt 1968.

Drei Jahre zuvor, 1965, hatte bereits die American Association for the Advancement of Science (AAAS) einen Bericht verfasst über die Reinhaltung der Luft verfasst. In diesem hieß es unter anderem:

"It is unlikely that the climate has been seriously affected as yet by the small increase in atmospheric carbon dioxide that has taken place since industrial coal combustion began (5). Significant effects may occure in the comming centuries, on the other hand, if the combustion of fossil fuels continues to increase – and it will keep rising if the fuel and pwoer requirements of our worldwide industrial civilization continue to rise exponentially, and if theses needs are met only to a limited degree by the development of tidal, solar and nuclear power."
AAAS, Air Conservation, 1965

Natürlich war, als diese Zeilen geschrieben wurden, noch vieles offen und das Thema nahm in den wissenschaftlichen Debatten nicht den großen Raum ein, den es heute hat. Auch hat sich ein Konsens unter den Wissenschaftlern erst gegen Ende der 1980er Jahre herauszubilden begonnen.

Zu jener Zeit waren wichtige Erkenntnisse über das Klima früherer Erdzeitalter hinzu gekommen, und es wurde offensichtlich, dass Mitte der 1970er Jahre eine neue Periode der globalen Erwärmung begonnen hatte.

Langsam setzte sich die Ansicht durch, dass dies bereits der Effekt der Erhöhung der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre sei. Korrekt mit Modellen simulieren konnten die Klimamodelle dies allerdings erst ab etwa Mitte der 1990er Jahre. Dazu musste nämlich unter anderem noch der kühlende Effekt der von den Kohlekraftwerken ausgestoßenen Schwefeldioxidemissionen abgeschätzt und in die Modelle aufgenommen werden.

Eine der schwierigen Fragen, die sich erst mit großer Rechnerleistung und ausgefeilter Modellierung beurteilen ließ, war die, welche Rolle die Wolken in einer wärmeren Welt spielen würden. Wird es in einer wärmeren Atmosphäre verstärkte Wolkenbildung geben und werden diese Wolken eher abkühlend wirken, wie es etwa Fritz Möller in seiner "Einführung in die Meteorologie" annahm, mit der in Westdeutschland noch Mitte der 1980er Jahre gelehrt wurde?

Inzwischen wissen wir durch verbesserte Klimamodelle, größere Rechner, aber auch durch die Beobachtung der bereits eingetretenen Erwärmung, dass dem nicht so ist. Die Wolken werden leider nicht als jenes Thermostat wirken, das die globale Erwärmung im erträglichen Rahmen halten könnte.

Projektion statt Vorhersage

Zum Interview lässt sich noch manches andere sagen. Zum Beispiel, dass der Interviewer einen Wissenschaftler befragt, aber nicht den Unterschied zwischen Theorie und These kennt. Ersteres wird in der Wissenschaft als ein in sich widerspruchsfreies und verifiziertes Modell zur Erklärung bestimmter Zusammenhänge verstanden.

Letzteres ist eine Annahme, meist aufgrund von Beobachtungen aufgestellt und zur Beantwortung ungelöster Fragen derart formuliert, dass sie mit weiterer Forschung verifiziert oder falsifiziert, also für richtig oder falsch befunden werden kann.

Anzumerken wäre auch, dass in der Druckausgabe die Überschrift noch "Das Zickzack der Zukunft" lautete, im Internet aber dann zu "Mit absoluter Sicherheit ist die Klimazukunft nicht vorhersehbar" wurde. Letzteres hat mit dem Inhalt des ansonsten lesenswerten Interviews weniger zu tun, will aber offensichtlich auf die Frage des Klimawandels zuspitzen.

Interessanterweise tut es dies mit einem Zitat, das aus dem Zusammenhang gerissen eine bemerkenswerte Zweideutigkeit enthält, über die Sprachwissenschaftler sicherlich manch Schlaues zu sagen hätten.

Doch egal wie man diese Überschrift liest - "Es ist keine 100prozentige Vorhersage möglich" oder "Es ist sicherlich keine Vorhersage möglich" - festzuhalten bleibt: Die Klimawissenschaftler haben gar nicht den Anspruch, die Zukunft vorherzusagen. Das kann streng genommen ohnehin keiner.

Wenn man nämlich mit dem Auto auf eine Wand zufährt, ohne den Fuß vom Gas zu nehmen, ist nicht 100 Prozent sicher, dass es zu einem schweren Unfall kommen wird. Es können immer noch Ereignisse eintreten, die dies verhindern. Nur sind diese nicht besonders wahrscheinlich. Der Autofahrer kann sich also ziemlich sicher sein, dass er besser den Fuß vom Gaspedal nehmen und lieber auf die Bremse treten sollte.

So ähnlich geht es auch in den Klimawissenschaften zu. Sie erforschen die diversen Komponenten des Klimasystems, entwickeln auf dieser Grundlage Modelle und treffen damit Aussagen wie: Wenn wir bis zum Ende der Jahrhunderts ungebremst wie bisher oder gar verstärkt Treibhausgase emittieren, also noch einmal etwa das Doppelte, dann ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 bis 100 Prozent davon auszugehen, dass die globale Durchschnittstemperatur im Zeitraum 2081 bis 2100 um 2,6 bis 4,8 Grad Celsius über der des Zeitraums 1986 bis 2005 liegen wird.

Dies - eine Zusammenfassung einer Aussage des letzten IPCC-Berichts - ist eher eine Abschätzung als eine Vorhersage, zumal in diesen Aussagen immer implizit enthalten ist, dass keine größere, das globale Klima beeinflussende Naturkatastrophe eintritt, wie es eine Serie sehr starker Vulkanausbrüche oder ein größerer Meteoriteneinschlag darstellen würde. Die Wissenschaftler hüten sich entsprechend, ihre Aussagen Vorhersage zu nennen, sondern sprechen lieber von Projektionen.

Anzeige