Elitenförderung statt Bafög für Alle?

Die von der Bundesregierung beschlossene Erhöhung des Büchergeldes für Stipendiaten sorgt auch bei vielen Studierenden für Kritik

Kurz vor der Bundestagswahl widmet sich die Bundesregierung noch einmal der Bildung. Zum Wintersemester 2013/2014 wird das Büchergeld für öffentlich geförderte Stipendiaten erneut erhöht. Bereits zum Sommersemester 2011 war es von 80 auf 150 Euro pro Monat angehoben worden. Damit würden wertwolle Freiräume für Stipendiaten geschaffen, schreibt die Arbeitsgemeinschaft der Begabtenförderung in einer gemeinsamen [http://www.studienstiftung.de/aktuelles.html?user_press[uid]=333&cHash=ad16bd91e585cc78f2e6c54f73db9e40 Pressemitteilung].

"Das neue Büchergeld ermöglicht es vielen unserer Stipendiatinnen und Stipendiaten, auf Nebenjobs zu verzichten, und es eröffnet zusätzliche Gestaltungsfreiheit und Chancen für ein vertieftes und umfassendes Studium sowie zu fortgesetztem und verstärktem gesellschaftlichem Engagement", [http://www.studienstiftung.de/pressemitteilungen.html?user_press[uid]=284 begrüßt] Dr. Annette Julius, Generalsekretärin der Studienstiftung des deutschen Volkes (), die Erhöhung . Dabei wäre es interessant zu erfahren, wie hoch der Anteil der Stipendiaten wirklich ist, die ohne Erhöhung des Büchergeldes jobben müssten.

"Nach wie vor stammt der Großteil der Stipendiaten aus akademischen Haushalten, nur rund 27 Prozent haben keinen akademischen Hintergrund und gehören zu den sogenannten Bildungsaufsteigern", heißt es in einer Pressemitteilung der Jusohochschulgruppen . Mit ihrer Kritik sind die Jusos nicht allein. Schon im letzten Jahr fasste Simon Kerbusk in der Zeit die Begabtenförderung unter dem Motto zusammen: "Wer hat, dem wird gegeben."

Er bezog sich dabei auf eine Studie des Hochschul-Informations-Systems, das die soziale Herkunft der rund 20.000 Stipendiaten der Begabtenförderungswerke untersuchte. Sie kamen zu dem Ergebnis: "Die Stipendien bekommen vor allem die Kinder gut verdienender Akademiker. Arbeiterkinder schaffen es selten in den Kreis der Auserwählten. Werden Bildung und Berufsstatus der Eltern berücksichtigt, hat demnach weniger als jeder zehnte Stipendiat in der Studienförderung eine, wie die Forscher sagen, 'niedrige soziale Herkunft', kommt also beispielsweise aus einer Arbeiterfamilie. Die Kinder beruflich erfolgreicher Akademiker Stipendiaten mit 'hoher sozialer Herkunft' – machen dagegen mehr als die Hälfte der Geförderten aus." Der Co-Direktor des Zentrums für Ungleichheitsforschung an der amerikanischen Yale University Karl Ulrich Maye nannte das Stipendiatensystem ein "Instrument zur Selbstreproduktion des deutschen Bildungsbürgertums und zur "Heranbildung von Eliten".

Wie die Jusohochschulgruppen hat die Vollversammlung der Stipendiaten der Rosa Luxemburg Stiftung die Erhöhung des Büchergeldes kritisiert. In einem Interview räumt ein RL-Stipendiat ein, dass es auch unter ihnen einige Studierende gibt, für die das Mehr an Büchergeld materiell eine notwendige Erleichterung bedeutet, beispielsweise weil ihre Eltern ihnen die Unterstützung entzogen haben. Doch statt selektiv nur bestimmte Gruppen zu fördern, könne durch eine Bafög-Erhöhung für Alle eine Verbesserung der Lebensbedingungen für alle Studierenden.

Auf diese Forderung können sich alle Kritiker der Stipendiatenförderung einigen. Ob allerdings der Vorschlag, das Büchergeld zu spenden, eine Lösung ist, sollte gründlich diskutiert werden. Denn ein Bafög, von dem man leben kann, wäre ein Rechtsanspruch. Eine Spende behält, mag sie auch noch so gut gemeint sein, dagegen den Charakter eines Almosens.

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