Entropie des Atomzeitalters

Immer mehr Länder schaffen ihre Vorräte an atomwaffenfähigem Spaltmaterial offiziell ab, aber die Altlasten verteilen sich weltweit auch über die Atmosphäre und durch Diebstahl

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA stellt in ihrem "Nuclear Security Index" fest, dass sich seit 2012 weitere sechs Länder (Österreich, Tschechien, Ungarn, Mexiko, Schweden, die Ukraine und Vietnam) von ihren Bestände an atomwaffenfähigem Spaltmaterial getrennt haben. Damit ist deren Zahl weltweit von 32 auf 25 Länder gesunken.

Trotzdem sind noch immer rund 500 Tonnen Plutonium und 1.440 Tonnen hochangereichertes Uran in den Anlagen auf Lager. Neben der Gefährlichkeit als waffenfähiges Material ist auch die große Giftigkeit dieser Stoffe ein Problem. Die für einen Menschen tödliche Dosis von Plutonium liegt im zweistelligen Milligramm-Bereich und die Dosis für die Auslösung von Krebs ist noch viel geringer. Das Einatmen von 40 Nanogramm 239Pu entspricht dem Grenzwert der Jahres-Aktivitätszufuhr für Arbeitern in Atomanlagen.

Deshalb bewertet die IAEA in ihrem Index auch die Sicherheit der Aufbewahrung. 15 der verbleibenden 25 Staaten werden jetzt zwar besser bewertet, was den Schutz von waffenfähigem Nuklearmaterial vor Diebstahl angeht. Allerdings ist auch nach IAEA Einschätzung die Gefahr einer nuklearen Katastrophe oder eines Terrorangriffs mit diesem Material weiter vorhanden.

Denn trotz der Verbesserungen bei der Aufbewahrung und Sicherung kommt es jedes Jahr immer noch zu rund 100 Diebstählen von Nuklearmaterial und so zu dessen unkontrollierter Weiterverbreitung. Wie einfach das sein kann, zeigte wieder ein Fall im Dezember, als in Mexiko ein Lastwagen gestohlen wurde, der Kobalt60 für medizinische Zwecke geladen hatte.

Zu dieser schleichenden Verteilung strahlenden Materials durch unsichere Lagerung und Transport kommt u.a auch die Verteilung über die Atmosphäre. Das Magazin Nature Communications berichtet von den aktuellen Messergebnissen. Die Atomwaffentests des Kalten Krieges haben deutlich mehr Spuren in der Stratosphäre hinterlassen als bislang angenommen. Die Belastung durch radioaktives Plutonium, Strontium und Cäsium sei in 15 km Höhe bis zu 100.000 Mal höher als in Bodennähe. Diese Partikel gelangen nun, Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges, allmählich in immer tiefere Luftschichten und den Bereich der Niederschläge innerhalb der Troposphäre.

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