Entrückung blieb auch gestern aus

Millenaristisch orientierte Christen in den USA müssen ihre Terminkalender erneut korrigieren

Die Entrückung ist eine in Deutschland kaum bekannte Vorstellung, nach der Jesus vor seiner Wiederkunft den dafür würdigen Bevölkerungsteil direkt in den Himmel auffahren lässt. Der Rest muss sich dann auf der Erde mit dem apokalyptischen Chaos herumschlagen, den der Kampf gegen den Antichristen mit sich bringt. In den USA wurde dieses Konzept aufgrund eines millenaristischer geprägten Christentums so bedeutsam, dass es in der christlichen Parallelkultur ein eigenes Left-Behind-Genre speist, welches in Cartoon-Serien von den Simpsons über American Dad bis hin zu Drawn Together parodiert wird.

Einige Religionsführer, wie etwa Harold Camping, der Präsident des Family Radio Christian Network, ließen den Termin der Entrückung nicht offen, sondern nannten ihren Anhängern einen Zeitpunkt dafür. Liegt es nicht allzu ferne in der Zukunft, dann hat solch ein konkretes Datum den Vorteil, dass er die Spendenbereitschaft potenziell erhöht – denn nach der Entrückung braucht man ja keine Ersparnisse für den Arzt oder das Krankenhaus mehr. Gestern lief Campings landesweit heiß debattierter Termin ab, ohne dass es Nachweise über Himmelfahrten in größerem Ausmaß gegeben hätte.

Weil man sich die Entrückung plötzlich und ohne irdische Besitztümer vorstellt, hatten Schelme in Foren aber dazu aufgerufen, Schuhe und Kleidung auf Gehsteigen und öffentlichen Plätzen zu verteilen, um auszuprobieren, wie Christen darauf reagieren. Auf Facebook war eine Gruppe entstanden, die sich (zumindest zum größeren Teil ebenfalls scherzhaft) mit der Plünderung der Häuser der Entrückten beschäftigte. Und der Fernsehkomiker Jon Stewart spekulierte darüber, dass gläubige Republikaner in dem Ereignis ihre letzte Hoffnung sehen, Präsident Obamas Gesundheitsreform doch noch zu verhindern.

Mit verhältnismäßig höherer Wahrscheinlichkeit eintreffen könnte nach der nun doch ausgebliebenen "Rapture" eine Prophezeiung, die der Evolutionstheoretiker und Religionskritiker Richard Dawkins wagte: Er hält es für wahrscheinlich, dass Camping jetzt der Welt offenbart, er habe sich bei Jonglieren mit Zahlen aus der Bibel verrechnet und brauche mehr Geld, damit er die nötigen Korrekturen verkünden könne.

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