Eric Kandel sieht keine Fortschritte bei der medikamentösen Behandlung psychischer Krankheiten

Der Nobelpreisträger mokiert sich über mangelnde Erfolge der Pharmakotherapie

Der Hirnforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel hat in einem Aufsatz für die DANA-Foundation das Jahr 2008 aus Sicht der Neurowissenschaften Revue passieren lassen. Er sieht zwei Kernpunkte: Zum einen weist Kandel auf den Misserfolg hin, spezifische Gene für psychische Krankheiten wie Schizophrenie und Depression verantwortlich machen zu können. Was für neurologische Erkrankungen wie Huntington-Chorea (früher "Veitstanz" genannt) gilt, hat bei anderen mentalen Leiden anscheinend komplexere Ursachen.

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Zum anderen wundert sich Kandel über die fehlenden Fortschritte in der Pharmakotherapie psychischer Malaisen. Aus Sicht Kandels hat man "hier gut begonnen und sich dann kaum weiter entwickelt". Die für die Therapie von Depressionen marktbeherrschenden SSRIs würden von den Arzneimittelfirmen nur noch kopiert werden. "Zwanzig Jahre", so Kandel, "und es herrscht allgemein Einigkeit darüber, dass weder besondere Unterschiede zwischen den SSRIs noch Verbesserungen existieren. Ein Medikament verkauft sich nicht deshalb öfter, weil es besser ist, sondern weil ein großer Firmenname damit verbunden ist."

Bei dem Krankheitsbild der Schizophrenie sei die Lage noch schlechter. Hier seien zwar Mittel mit weniger Nebenwirkungen entwickelt worden, aber ebenfalls keine pharmakologischen Neuheiten.

Fortschritte sieht Kandel in der Psychotherapie. Mittlerweile sei für einige Therapieformen wie die interpersonelle oder die kognitive Verhaltenstherapie nachgewiesen, dass sie mindestens genauso gut wie eine Pharmakotherapie bei milder und mittelschwerer Depression anschlagen und synergistisch bei schweren Depressionen wirken. Nach Jahren der strikt neurobiologischen Perspektive scheint sich Kandel, Jahrgang 1929, wieder auf seine psychoanalytischen Wurzeln zu besinnen. Der Freudschen Psychoanalyse hatte er Anfang der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts abgeschworen, weil sie ihm auf empirisch zu tönernen Füßen stand.

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