Erneuerbare: Die Zukunft der Dezentralisierung

Unterschiedliche Tendenzen prägen derzeit den Ausbau der Erneuerbaren. Mieterstrom-Modelle könnten Netze entlasten und wieder für mehr Dezentralisierung sorgen

Beim Ausbau der erneuerbaren Energieträger geht der Trend, zum Ärger eines Teils ihrer eifrigsten Befürworter, zur Zentralisierung. Dafür sorgen neben dem vor allem in Ostdeutschland oft fehlenden Engagement auf der kommunalen Ebene und der wachsenden Anlagengröße vor allem die neue Ausschreibungspflicht.

Diese erhöht nicht nur den Aufwand, sondern macht es auch schwerer, vor Ort maßgeschneiderte Lösungen mit örtlichen Akteuren zu finden. Denn eines ist klar: Ohne die Einbeziehung der Bevölkerung in der Nachbarschaft der Windparks wird der Ausbau der Windenergie in den kommenden Jahren zunehmend auf Widerstand stoßen.

Es gibt auch gegenläufige Tendenzen. Der Preisverfall der Solarmodule führte Ende 2016 erstmalig seit langem zu einer leichten Belebung des Neubaus von Solaranlagen. Der Bundesverband Solarwirtschaft spricht bereits vom "Ende der Sonnenfinsternis".

2016 seien 51.900 neue Solaranlagen mit einer Leistung von rund 1,52 Gigawatt (GW) neu installiert worden. 2015 waren es 51.000 Anlagen mit 1,46 GW. Einen Schub habe es vor allem im zweiten Halbjahr 2016 gegeben. In diesem sei die Nachfrage nach neuen Anlagen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 80 Prozent gewachsen.

Zur Dezentralisierung der Stromerzeugung würde vor allem die verstärkte Erzeugung in den Städten beitragen. Da diese zugleich die Verbrauchszentren sind, würde damit auch das Netz entlastet und der Sinn der einen oder anderen neuen Höchstspannungstrasse in Frage gestellt. Diese werden ohnehin von der Bevölkerung eher skeptisch gesehen.

Eine im Auftrag des Solarfördervereins Deutschlands durchgeführte Umfrage ergab dieser Tage eine sehr deutliche Zustimmung zur Forderung nach vielen dezentralen Speichern, die dem Netzausbau vorzuziehen seien. "Derzeit werden Höchstspannungsleitungen gebaut, um Windstrom von Nord- nach Süddeutschland zu übertragen. Sollte man stattdessen Strom-Speicher in allen Regionen Deutschlands errichten, damit jede Region ihren eigenen Windstrom speichern und verbrauchen kann?", war – etwas suggestiv – gefragt worden.

Eine kritische Frage für den künftigen Solarausbau in den Städten wird die Behandlung von sogenannten Mieterstromprojekten sein. Bei diesen werden die Bewohner größerer Mietshäuser mit Strom versorgt, der auf ihrem Dach aus Solar-, Kraftwärme- und tendenziell vielleicht auch Kleinwindanlagen gewonnen wird.

Das Potenzial an geeigneten Dachflächen ist groß aber bisher operieren die wenigen existierenden Projekte noch in einer Grauzone. Unklar ist unter anderem die steuerliche Behandlung von Wohnungsbaugesellschaften, die sich entsprechend engagieren. Ein Problem ist auch, dass bisher der Strom vom Dach des Miethauses mit der vollen EEG-Umlage belastet wird.

Der Verbraucherzentralen Bundesverband vzbv beklagt, dass die derzeitigen Bedingungen den Mietern und damit einem großen Teil der Bevölkerung die aktive Beteiligung an der Energiewende und somit auch die Möglichkeit, ihre finanziellen Vorteile zu nutzen, erschweren.

Genau wie Hauseigentümer müssen auch Bewohner von Mietwohnungen die Möglichkeit haben, kostengünstigen Solarstrom selbst zu erzeugen und im eigenen Haushalt zu nutzen. Die Bundesregierung muss daher endlich ihr Versprechen umsetzen und die bestehende Ungleichbehandlung von Hauseigentümern und Mietern beenden. Nur so lässt sich die hohe Zustimmung zur Energiewende dauerhaft erhalten und dieses Jahrhundertprojekt zum Erfolg führen.
Klaus Müller, vzbv-Vorstand

Auch Greenpeace-energy, das mit der internationalen Umweltorganisation verbundene Versorgungsunternehmen für Strom und Gas aus erneuerbarer Erzeugung, verlangt von den Regierungsparteien eine rasche Entscheidung. "(N)och in dieser Legislaturperiode (muss) ein sinnvolles Modell auf den Weg" gebracht werden, dass "Mieterstrom in großem Stil ermöglich(t) und die Energiewende in die Städte" trägt. Das Unternehmen zitiert eine im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellte Studie wonach 3,8 Millionen Mieterhaushalte an entsprechenden Modellen teilnehmen könnten.

Mitte letzter Woche wurden die Forderungen schließlich erhört. Zumindest teilweise. Bis zur Sommerpause soll es ein entsprechendes Gesetz geben, berichtet unter anderem das Fachinformationsportal Solarify. Was darin stehen wird, bleibt abzuwarten. Die Branchenverbände haben ihre Anforderungen bereits in einer gemeinsamen Erklärung formuliert.

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