Es ist nur ein Spiel, Stupid

Außer Kontrolle

Es ist einfach Fußball...

Egal ob Grand Prix oder Fußball-WM, kaum wedelt jemand mit einem Deutschlandfähnchen, gerät die kollektive Schreiberschaft dieser Journaille in Panik ob des anscheinend bevorstehenden 4. Reiches. Langjährig gehegte Freundschaften zerbrechen, weil festgestellt wird, dass das Gegenüber anscheinend all die Zeit vergessen hat zu gestehen, dass es sich bei ihm oder ihr um eine offensichtlich nationalchauvinistisch eingestellte Spezies handelt, die martialisch und vom Nationalbewusstsein beseelt alle Kritik beiseite lässt und sich mit ein oder mehreren Freunden trifft, um kollektiv das Gehirn abzugeben, damit es nicht medial gewaschen werden kann. Einst kritische Geister mutieren durch das Geständnis, "sich auch mal ein Spiel angesehen zu haben", zu Vollpfosten und -deppen, die demnächst sabbernd und "Schlaaaand" grölend durchs Ländle ziehen und nicht mehr bemerken, was sonst im Land vor sich geht.

Warum eigentlich? Natürlich - Fußball ist, wie jeder Sport letztendlich auch martialisch. Es geht um einen Wettkampf, den man gewinnen will und dazu gehören auch martialisch anmutende Rufe wie "macht den Gegner platt", "säbelt ihn um", man wünscht sich mörderische Pässe und einen "am Boden liegenden Gegner", doch im Idealfall sitzt man danach mit den Fans der "Gegenseite" zusammen, quatscht mit ihnen und fertig. Dass etliche Leute Fußball mittlerweile, genauso wie andere "Gemeinsamunternehmungen" dazu nutzen, ihre Aggressionen abzubauen bzw. den Sport als Ausrede nutzen, um andere Menschen zu verletzen ist ohne Zweifel Kritik wert, aber anscheinend können sich immer weniger Menschen vorstellen, dass jemand, der einfach mal den Grand Prix sich ansieht oder ein Fußballspiel nicht automatisch zum degenerierten Idioten wird, der alles hinnimmt und sich keine Gedanken mehr macht. Ähnlich wie bei Debatten zum Thema Musikgeschmack wird verbal auf denjenigen eingedroschen, der nicht hinter jedem Deutschlandfähnchen Nationalchauvinismus wittert, der sich freut, wenn "Schlaaaaand" gewinnt, ohne dass er deshalb gleich am liebsten den nächsten Ausländer ausweisen will - den wer mit anderen zusammen eine WM-Party feiert und hinter dem Schlaaaand-Ruf nicht gleich die Rückkehr in Nazizeiten wittert, der muss ja automatisch dumm sein. Der merkt gar nicht mehr, wie ihm geschieht und ist daher automatisch schon aus der Debatte raus.

Als wäre es heutzutage ein Makel, auch einfach einmal nur zufrieden, lustig, gesellig oder gar glücklich zu sein, muss jede Festivität, noch dazu mit anderen zusammen verbracht, in den Misstrauensdreck und den Gehirngewaschensumpf gezogen werden. Während um einen herum Menschen anderer Nationalitäten ihre Gesichter in den Landesfarben einpinseln, wird in Deutschland bei einem solchen Verhalten bereits etwas Schlimmes gewittert. Das ist okay - wer das so sieht, soll es so sehen, aber warum diese Wut, diese Aggression, manchmal schon fast Hass gegenüber jenen, die einfach nur mal ihren Spaß bei der WM haben? Man kann die WM an sich als Kommerzfest geißeln, als etwas, was mit Fußball nichts mehr zu tun hat, so wie man auch den Grand Prix kritisieren kann - aber wo bleibt eigentlich die Toleranz gegenüber jenen, die das einfach anders sehen? Warum werden Dinge wie der Grand Prix und die WM hier quasi zum Glaubenskrieg? Warum kann es nicht möglich sein zu akzeptieren, dass auch jemand, der sich kritisch mit der Lage in Deutschland befasst, trotzdem beim Public Viewing mit anderen gemeinsam "Schlaaaand" ruft?

Ehrlich gesagt: ich verstehe es zur Zeit nicht. Ich verstehe, dass Leuten der Lärm auf den Geist geht - das verstehe ich auch beim Karneval etc. Ich verstehe, dass Menschen die WM, den Grand Prix usw. nicht mögen, ich verstehe auch, dass sie sich wünschen, es wäre bald alles vorbei. Aber warum ist in ihren Augen jeder, der, egal ob zu einem durch Kommerz festgelegten Datum oder nicht, dies alles anders sieht, einfach dumm, gehirngewaschen oder schlimmeres?

Ich sehe die WM auch als Kommerz an, als Extremkommerz, ich sehe auch den Fußball als "National"sport kritisch und beschäftige mich mit Politik - aber warum sollte ich nicht dennoch einfach mal vor dem Fernseher oder der Leinwand ein Fußballspiel verfolgen, mich über ein Tor von Deutschland freuen (obwohl ich gestern Australien den Sieg gegönnt hätte) und es einfach als sportlichen Wettkampf sehen, wobei ich eben einer Mannschaft Sympathien entgegenbringe und der anderen weniger? Ich finde es sehr betrüblich, dass z.B. jetzt auch aus dem "inneren Reichtsparteitag" gleich wieder ein Skandal gemacht wird, dass hinter jedem Fähnchen das 4. Reich vermutet wird und dass jeder, der das Fähnchen schwenkt, als jemand angesehen wird, der wohl vergessen hat, was in Deutschland einst geschah.

Nein, das haben viele nicht vergessen, es kann auch gar niemand vergessen, weil man so viele Male damit konfrontiert wird. Aber dennoch kann man ihnen doch einfach mal schlicht und ergreifend auch ein wenig Spaß gönnen, ein wenig Ablenkung und Geselligkeit. Eben "einfach nur Fußball", ohne daraus gleich eine Staatsaffäre zu machen.

Sorry, mal wieder ein persönlicher Kommentar heute, aber irgendwie frage ich mich ehrlich, warum man sich heutzutage schon quasi entschuldigen muss, nur weil man ein Spiel der Nationalmannschaft ggf. beim Public Viewing anschaut und dabei tatsächlich Spaß hat. (Für Deutschfans kann man alternativ auch "Rudelgucken", gemeinsames Anschauen einer Sportveranstaltung auf einem großen Bildschirm oder einer großen Leinwand etc. einfügen, statt "public viewing" zu nutzen.)