Europäische Banken brauchen 115 Milliarden Euro

Der neue Stresstest gibt den Kapitalbedarf spanischer Institute fast so hoch an wie den der griechischen Geldhäuser - bedenkliche Entwicklung auch bei den deutschen Banken

Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) hat am späten Donnerstag zum Beginn des EU-Gipfels in Brüssel den Kapitalbedarf für europäische Großbanken veröffentlicht. Die in London ansässige EBA erwartet, dass europäische Geldinstitute fast 115 Milliarden Euro benötigen, um die neue Kernkapitalquote zu erfüllen, die auf dem letzten Gipfel im Oktober beschlossen wurde.

Demnach müssen bedeutsame Banken in Europa ab Juni 2012 neun Prozent Kernkapital "höchster Güte" ausweisen. Da die EBA in einem "Blitz-Stresstest" im Oktober einen Rekapitalisierungsbedarf von 106,5 Milliarden Euro ermittelt hatte, fallen die neuen Ergebnisse nun noch schlechter aus.

Ausfallrisiken von Staatsanleihen mit im Test

Vor allem für spanische Banken sind die EBA-Ergebnisse sehr bedenklich. Wurden sie lange als sehr stabil und als Musterschüler behandelt, wie noch im Stress-Test vor einem Jahr, ist diese Einschätzung auch offiziell längst mehr als hinfällig. Denn vor allem für die große Banco Santander kommt es knüppeldick, seitdem in den Stresstest nun auch die Ausfallrisiken von Staatsanleihen einfließen.

Die waren sogar noch im letzten Stresstest im vergangenen Juli ausgeklammert worden, weil man im Sommer noch einen Schuldenschnitt, wie für Griechenland danach beschlossen, aus politischen Gründen ausgeklammert hat. Dieser Test hatte, wie schon der im Vorjahr, praktisch keine Aussagekraft und das hatte sich am Beispiel Irland deutlich gezeigt. Die Banken der Insel hatten 2010 den Test bestanden und mussten aber danach verstaatlicht werden. Sie haben danach sogar das gesamte Land unter den EU-Rettungsschirm getrieben.

Spanien und Griechenland

Auffällig ist, dass Spanien und Griechenland gemeinsam fast die Hälfte des gesamten Kapitalbedarfs in Europa haben. Ganz besonders gebeutelt wird die spanische Großbank Banco Santander. Allein sie braucht Kapital in einem Umfang von 15,3 Milliarden Euro. Diese Bank braucht mehr Geld, als für alle deutschen Institute zusammen ermittelt wurde. Zudem ist ihr Kapitalbedarf seit Oktober um weitere gut 300 Millionen Euro angestiegen.

Die italienische Unicredit braucht auf dem zweiten Platz mit acht Milliarden nur etwa die Hälfte der Summe. Insgesamt brauchen italienische Banken 15,4 Milliarden Euro, 700 Millionen mehr als im Oktober ermittelt. Auf dem dritten Rang der Liste folgt hinter Unicredit gleich die zweite spanische Großbank. Auch die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) braucht 6,3 Milliarden viel Geld. Allerdings ist ihr Kapitalbedarf seit Oktober um über 700 Millionen Euro gesunken.

Insgesamt brauchen die fünf geprüften spanischen Großbanken, zu denen auch noch Bankia, Caixabank und die Banco Popular gehören, mehr als 26 Milliarden Euro. Übertroffen wird die Summe nur noch von den 30 Milliarden, die für Griechenland veranschlagt werden. Das Land lief aber mehr oder weniger außer Konkurrenz, denn die EBA hat keine aktuellen Zahlen benutzt, weil noch der beschlossene freiwillige Schuldenschnitt von 50 Prozent vorsehen ist.

Da die Arbeitslosigkeit in Spanien weiter stark steigt und die Kreditausfallquote immer neue Rekorde bricht, ist zu vermuten, dass bis zum Stichtag Ende Juni weitere Löcher in die Bilanzen gerissen werden. Das zeigt sich auch bei der Bankia, eine mit Steuermilliarden beförderte Fusion von sieben gestrauchelten Sparkassen, die, wie die Banco Popular und die Caixabank ebenfalls mehr Geld als zuvor ermittelt, benötigt.

Deutsche Institute: deutlich höherer Kapitalbedarf

Besonders bedenklich ist aber auch die Entwicklung bei den deutschen Instituten, denn bei ihnen hat sich ein deutlich höherer Kapitalbedarf ergeben, als die EBA noch im Oktober ermittelt hatte. Hier spielt der fortgesetzte Preiszerfall der Anleihen von südeuropäischen Staaten eine große Rolle. Hatte die EBA im Oktober ermittelt, dass die 13 bedeutenden deutschen Banken knapp 5,2 Milliarden Euro an frischem Kapital benötigen, geht man in London nach verschärften Kriterien nun davon aus, dass es mit 13,1 Milliarden Euro eine mehr als doppelt so hohe Summe ist.

Wie erwartet hat die teilverstaatlichte Commerzbank mit 5,3 Milliarden Euro den größten Bedarf, um die neuen Kriterien zu erfüllen. Sie steht nun auf dem vierten Rang und ihr Kapitalbedarf hat sich seit Oktober fast verdoppelt. Hinter ihr steht die Deutsche Bank. Statt den im Oktober veranschlagten zwei Milliarden Euro benötigt sie nun schon 3,2 Milliarden Euro. Erwartungsgemäß brauchen auch Landesbanken viel Geld, die NordLB (2,5 Milliarden), die Helaba (1,5 Milliarden) und die WestLB (224 Millionen Euro).

Man darf gespannt sein, ob die Landesbanken auch diese deutlich gestiegenen Summen ohne Staatshilfe stemmen können, wie sie noch im Oktober versichert haben. Die WestLB steht zwar noch auf der Liste der Großbanken, gehört streng genommen aber nicht mehr dazu, da ihre Zerschlagung schon entschieden ist. Zur Vollständigkeit sei erwähnt, dass die genossenschaftliche DZ Bank mit 353 Millionen Euro etwas mehr Kapital als die WestLB benötigt.

Frankreich, Belgien und Portugal

Frankreich gehört ebenfalls zu den Ländern, deren Banken noch sehr viel Geld benötigen. Allerdings hat sich der Bedarf um etwa 1,5 Milliarden auf gut 7,3 Milliarden Euro verringert. Anders sieht es in Belgien aus, wo zusätzliche zwei Milliarden aufgebracht werden müssen und insgesamt eine Summe von gut 6,3 Milliarden Euro benötigt wird.

Allerdings steht das Land weiter hinter Portugal, wo sich der Kapitalbedarf ebenfalls um 850 Millionen auf fast sieben Milliarden erhöht hat. Bei den drei österreichischen Großbanken RZB, Erste Group und ÖVAG klafft zusammen eine Lücke von fast vier Milliarden Euro, wobei die Summe um 400 Millionen Euro gesunken ist.

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