Fall Mollath: Der Strick, an dem ein Leben hing

SZ veröffentlicht verstörende Bilder aus dem Innern der Forensischen Psychiatrie in Bayreuth

Die Bilder sind ein Gau für das Bezirkskrankenhaus in Bayreuth und für die Klinik für Forensische Psychiatrie: Ein altes Seil zusammengebunden zu einem Strick, der in einem tristen Badezimmer an einer Duschstange festgemacht ist und herunter baumelt, ein alter Schuh, eine "Badelatsche", die nur noch von einem provisorisch angebrachten Pflaster zusammengehalten wird.

Das zeigen Fotos, die der Süddeutschen Zeitung von einem ehemaligen Insassen der Forensischen Psychiatrie in Bayreuth zugespielt wurden. Es sind Bilder, die auf schonungslose Weise einen Einblick hinter die Fassaden der Klinik zeigen.

Laut SZ sei normalerweise das Fotografieren innerhalb der Klinik untersagt, der ehemalige Patient habe die Bilder aber dennoch aufgenommen. Kontrastiert man das Foto, das die vergammelte Badelatsche zeigt, mit der Pressemitteilung, die das Bezirkskrankenhaus am 22. Mai dieses Jahres veröffenlicht hat, klingen die folgenden Zeilen, die in der Pressemitteilung zu finden sind, wie blanker Hohn: "Außerdem erhalten mittellose Patienten, wenn sie Bedarf an Kleidung haben, vom Bezirkskrankenhaus die erforderliche Kleidung gestellt...Kein Patient muss über Jahre hinweg nur mit dem auskommen, was er auf dem Leib trägt."

Am späten Nachmittag waren weder der Chefarzt der Forensischen Psychiatrie, Dr. Klaus Leipziger, noch ein Sprecher der Bezirkskliniken für eine Stellungnahme zu erreichen.

Erika Lorenz-Löblein, die Verteidigerin von Gustl Mollath, sagte, es sei gut, dass das Kleiderproblem nun sichtbar werde, da ihr das Problem generell bekannt sei und die Angehörigen der Untergebrachten, genauso wie die Untergebrachten selbst Repressalien fürchten, wenn sie das Problem ansprächen.

Telepolis hatte sich bereits am Dienstag vergangener Woche in einer schriftlichen Anfrage an den Vorstand der Klinik und Chefarzt Leipziger gewandt. Die gestellten Fragen sind bis heute noch nicht beantwortet. Die Forensische Psychiatrie in Bayreuth ist im Fall Mollath sei längerem in der Kritik, unter anderem auch wegen protokollierter Telefonate.

Mittlerweile erhöhen die Oppositionsparteien in Bayern den Druck auf die bayerische Justizministerin Beate Merk.

Florian Streibl, Parlamentarischer Geschäftsführer der Freien Wähler und stellvertretender Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zur Mollath-Affäre, "hält weiter an seiner Rücktrittsforderung gegenüber Justizministerin Beate Merk fest", wie es in einer Pressemitteilung der Grünen heißt. Streibl verweist darauf, dass die Verteidigungsschrift von Gustl Mollath bereits im Mai 2004 dem Justizministerium vorlag. Auch Martin Runge, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Bayern, äußert Kritik im Umgang des Justizministeriums mit dem Fall Mollath. Die Zeugenaussagen in der Sitzung des Mollath-Untersuchungsausschusses vom 10. Juni würden die "äußerst dubiose Rolle der CSU-Politikerin im Justiz-Skandal um Gustl Mollath" belegen. Der Auftritt der beiden Mitarbeiter aus dem Justizministerium habe nach Ansicht des Fraktionsvorsitzenden der Landtagsgrünen, Dr. Martin Runge, "weitere Merkwürdigkeiten und Misslichkeiten im Umfeld von Beate Merk" offenbart. Auch SPD und Freie Wähler seien entsetzt über Merks Gebaren.

Mollath wird morgen, neben seinem Freund, Edward Braun, vor dem Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtages aussagen.

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