Falsche Verdienstkreuze für echte Fluchthelfer

Das Künstlerkollektiv Peng! hat in Berlin auf die humanitäre Katastrophe in der EU aufmerksam gemacht

Eine Künstlergruppe hat gestern vor dem Brandenburger Tor in Berlin symbolisch Bundesverdienstkreuze an acht Menschenrechtsaktivisten vergeben, die Flüchtlingen zur Einreise in die Europäische Union verholfen haben.

Die Aktion des Künstlerkollektivs Peng! hatte zunächst einen symbolischen Anspruch: Die Helfer sollen aus der Kriminalität geholt und ihr Engagement gewürdigt werden. Zugleich fordern die Aktivisten des Künstlerkollektivs die staatlichen Behörden heraus. Denn nach dem Aufenthaltsgesetz kann das "Einschleusen von Ausländern" mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren verfolgt werden. Zu der kalkulierten Provokation trägt auch bei, dass die Aktivisten auf ihrer Kampagnenhomepage Tipps zur Fluchthilfe geben.

Die symbolische Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an acht Fluchthelfer sollte die Aktion offenbar einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen. Was durchaus gelungen ist: Eine halbe Stunde vor Beginn des Festaktes tummelten sich rund 30 Journalisten, darunter mehrere Kamerateams, um das Rednerpult, das auf dem Pariser Platz auf einem roten Teppich und neben einem Blumengesteck aufgebaut war.

Vertreter der Europäischen Union, die nach Aussagen der Organisatoren eingeladen waren, nahmen an dem Event freilich nicht teil. Lediglich das Konterfei von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zierte das Rednerpult. Auch in der nahen Vertretung der EU hatten die Aktivisten eine Absage bekommen.

Bevor Fluchthelfer und Betroffene zu Wort kamen, begründeten die Vertreter des Künstlerkollektivs Peng! ihre Aktion. Alle Europäer könnten auf eine jahrtausendalte Migrationsgeschichte zurückschauen, sagte eine Rednerin: "Bis vor kurzem waren die Nationen Europas vor allem Ausreiseländer." Zwischen 1836 bis 1914 seien alleine über 30 Millionen Menschen aus Europa in die USA ausgewandert – und das noch vor beiden Weltkriegen.

Unweit des Brandenburger Tors durfte auch der Bezug zur deutschen Geschichte nicht fehlen. "Hier, wenige Meter entfernt vom Pariser Platz, flohen zwischen 1961 und 1989 Menschen aus der DDR in den Westen. Ihnen wurde geholfen, und die Fluchthelferinnen und Fluchthelfer bekamen
Bundesverdienstkreuze als Anerkennung für ihren Einsatz", führte die Rednerin aus. Zudem hätten die westdeutschen Geheimdienste bei der Flucht Hilfe geleistet und die Fluchthelferinnen und Fluchthelfer hätten vor Gericht Recht bekommen, wenn sie sich ihr Gehalt für die Fluchthilfe einklagten. "Fluchthilfe war anerkannt, Fluchthilfe war humanitäre Arbeit", so ihr Resümee.

Zwei Fluchthelferinnen nahmen heute in Berlin die symbolische Auszeichnung entgegen. Eine der Frauen saß nach Angaben der Aktivisten in Bulgarien 32 Tage in Untersuchungshaft. Sie sei aufgegriffen worden, als sie einen afghanischen Jugendlichen zur Einreise nach Deutschland
verhelfen wollte. Gewürdigt wurde zudem die Griechin Theodora Tsongari. Sie hatte auf der Insel Lesbos eine Gruppe Flüchtlinge mit ihrem Auto mitgenommen und stand deswegen wegen Beihilfe zur illegalen Einreise vor Gericht.

Nach Auskunft der Aktivisten haben sich bereits gute zwei Dutzend potentielle Fluchthelfer bei ihnen gemeldet. Damit werden auch juristische Auseinandersetzungen wahrscheinlicher. Für einen
Prozesskostenfonds wurden daher bereits 14.500 Euro zusammengetragen