Fracking - Neuer Öl- und Gasrausch oder kommt jetzt die großflächige Verseuchung?

Die Apologeten des Fracking argumentieren, die Technik sei für einige Jahre eine Ölpreisbremse, dafür sollen Chemikalien in den Untergrund gepumpt werden, jetzt ist die Diskussion auch bei uns angekommen.

In den USA lösen die von der Förderindustrie durch den Einsatz von Fracking in Aussicht gestellten zusätzlichen Öl- und Gasvorkommen seit einigen Monaten eine wahre Euphorie aus. Hoffnung auf billiges Öl und damit ein Weiter-so des American Way of Life sowie die Aussicht, unabhängiger oder sogar autark von Öllieferungen aus den Ländern des Nahen Ostens zu werden, geben in den kriegsmüden USA dem Wunschdenken freien Lauf. Fracking wird dort sogar zur Erreichung der Klimaziele angepriesen.

Auf der anderen Seite, bei den Öl-Hauptlieferländern, löst die Fracking-Euphorie anscheinend Befürchtungen aus, das Geschäft mit dem Öl könnte einbrechen. Bezeichnenderweise ist von einem Fonds aus Abu Dhabi der Film " Promised Land" von Gus Van Sant finanziert worden, er lief gerade auf der Berlinale. Allerdings wird darin nicht einseitig das Fracking verfemt, sondern die Umweltschutzbedenken, die Hoffnungen einer verarmten Landbevölkerung und die Geschäftspraktiken der Fördergesellschaft mit offenem Ende thematisiert, also durchaus ein Film als Diskussionsgrundlage.

Denn auch bei uns werden von Seiten der Förderindustrie große Erwartungen geschürt, um mögliche Einschränkungen beim Einsatz von Fracking zu verhindern. Denn die Gewinnerwartungen sind hoch. PriceWaterhouseCoopers prognostiziert, Schieferöl könne langfristig zum "Turbo für die Weltwirtschaft" werden. Der Ölpreis im Jahr 2035 würde mit Fracking 25 bis 40 Prozent niedriger liegen als mit konventioneller Fördertechnik. Und Deutschland wäre nach Indien und Japan der drittgrößte Profiteur der verheißenen "Schieferölschwemme".

Doch noch überwiegt die Skepsis. Auch Bundesumweltminister Altmaier gab sich kritisch und sagte: "Wir sollten vor einem generellen Fracking-Verbot nicht zurückschrecken, wenn neue Erkenntnisse es nahelegen." Und dafür liegen gute Gründe vor. Denn Fracking bedeutet nicht nur das Einpressen von Wasser in den Untergrund, um die Gesteinsschichten aufzubrechen und so die Ausbeute an Öl und Gas zu erhöhen. Die Methode funktioniert nämlich nur unter Einsatz von Chemikalien. Das Umweltbundesamt hat dazu die Studie "Umweltauswirkungen von Fracking" veröffentlicht, die nicht nur aufzeigt, welche Substanzen eingesetzt werden, sondern auch, wie schwer es ist, überhaupt an die entsprechenden Daten zu kommen.

In Deutschland soll Fracking in Schiefertonformationen, Kohleflözen und dichten Sandsteinlagerstätten eingesetzt werden, bei denen die Durchlässigkeit sehr gering ist. Bei Tiefbohrungen wird das Gestein in der Lagerstätte deshalb mit hohem Wasserdruck aufgebrochen (gefrackt). Der Wasserbedarf kann dabei mehrere tausend Kubikmeter pro Bohrung betragen. Um ein Zusetzen der Risse zu verhindern, werden dem Wasser Chemikalien zugesetzt. Besorgnis und Unsicherheit bestehen vor allem wegen dieses Chemikalieneinsatzes. Laut UBA variieren die Mengen erheblich je nach verwendetem Frack-Fluid und der Art der Lagerstätte.

Pro Bohrung mit Fracking kamen zwischen 100 m3 und über 4.000 m3 Frack-Fluide zum Einsatz. Bei neueren Gel-Fluiden, die seit 2000 eingesetzt werden, wurden im Durchschnitt 100 t Stützmittel und ca. 7,3 t Additive mit meist 30 kg Bioziden eingesetzt. Insbesondere bei "Multi-Frack-Stimulationen" ergeben sich so große Einsatzmengen. So wurden in der Bohrung Damme 3 bei drei Fracks rund 12.000 m3 Wasser, 588 t Stützmittel und 20 t Additive (davon 460 kg Biozide) in den Untergrund eingepresst.

Zum Einsatz kommen diverse Chemikalienmixe. Nach den dem UBA vorliegenden Informationen wurden bisher mindestens 88 verschiedene Zubereitungen zur Herstellung von Frack-Fluiden in Deutschland verwendet. Die Auswertung der verfügbaren Sicherheitsdatenblätter ergab, dass nur zu 21% der durchgeführten Fracks in Deutschland überhaupt Daten zur Zusammensetzung vorlagen und in 33 der den Gutachtern vorliegenden Sicherheitsdatenblätter keine Angaben zur Wassergefährdungsklasse der Zubereitung aufgeführt sind. Das UBA konnte 80 Sicherheitsdatenblätter auswerten und stufte die Fracking-Fluide gemäß Richtlinien 67/548/EWG bzw. 1999/45/EG so ein:

  • 6 Zubereitungen giftig
  • 6 umweltgefährlich,
  • 25 als gesundheitsschädlich,
  • 14 als reizend
  • 12 als ätzend und
  • 27 als nicht gefährlich

Eine Reihe eingesetzter Zubereitungen weist gleichzeitig mehrere Gefährdungsmerkmale auf. Nach den Angaben in den Sicherheitsdatenblättern sind

  • 3 Zubereitungen als stark wassergefährdend (WGK 3),
  • 12 als wassergefährdend (WGK 2),
  • 22 als schwach wassergefährdend (WGK 1) und
  • 10 als nicht wassergefährdend (nwg)eingestuft.

Im Ergebnis heißt das, Fracking kann möglicherweise die Ausbeute von Öl- und Gaslagerstätten erhöhen. Dafür werden umweltschädliche und giftige Chemikalien in großen Mengen in den Untergrund gepumpt, es ist nicht gewährleistet dass diese Chemikalien nicht in höhere Bodenschichten, das Grundwasser und die Nahrungskette gelangen. Hinzu kommt, dass sich im sogenannten Flowback, dem Teil der eingepressten Flüssigkeit der durch das Bohrloch wieder nach oben gelangt, natürliche Radioaktivität anreichern kann und so an die Erdoberfläche gelangt.

Umweltschützer informieren zur Zeit über die Frackingpläne in Hamburg, der Senat bestätigte, dass ExxonMobil in den Bezirken Bergedorf und Harburg einen Antrag auf "bergrechtliche Erlaubnis" zur Erdgasförderung mit Fracking gestellt hat. Kritiker warnen vor einer Verseuchung des Grundwassers und vor unkalkulierbaren Bodenbewegungen. ExxonMobil versucht zu beschwichtigen und spricht davon, es sei aktuell noch nicht der Einsatz geplant, der Antrag sei zunächst nur als "Konkurrentenschutz" gemeint. Carin Schomann vom Portal www.vierlaender.de berichtet, dass es ihr zwar gelungen sei, mit Anfragen über das neue Transparenzgesetz zumindest an Teile der Antragsunterlagen zu kommen. Allerdings habe Exxon darauf bestanden, weite Strecken seines Antrags vor der Veröffentlichung zu schwärzen.

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Bild: Potenzial für Kohlenwasserstoffvorkommen und Wasserschutzgebiete in Deutschland. Quelle: Umweltbundesamt

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